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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-18 · Heft 33 (18.8.1916) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 33 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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388 was zu Anfang des Krieges im begeisterten Zusammenschließen aller Volksteile sich so hoffnungsvoll aufgebaut hatte. Was können aber wir Juden dazu tun? Ich glaube, es kommt vornehmlich auf eins an: Wir sollen, wir alle anderen. im Deutschen Reiche, jetzt nicht nur durchhalten, wir müssen auch maßhalten. Als ich vor einigen Jahren, bei Gelegenheit eines Vortrages, den der leider zu früh Heimgegangene Professor Dr. Martin Philippfon im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Lisfa i. P. hielt, mit ihm über seinen Vater Rabbiner Dr. Ludwig Philippson und dessen Verdienste um das Judentum sprach, da hob er die maßvolle Art desselben, die er jederzeit in Wort und Schrift beobachtete, hervor, und daß er so oft das Maßhalten für die erste Segensquelle des Judentums erklärt hätte. Das mag der kritischen, temperamentvollen Veranlagung der Juden schwer fallen. Aber daraus, glaube ich, kommt es hauptsächlich an, zumal im Krieg, und ein jeder Jude, vom schlichten Handelsmanne bis zu den geistigen Führern, sollte sich bewußt bleiben, daß er damit sich selbst, seinen Glaubensgenossen und dem Vaterlande am besten dient. Vielleicht, sehr geehrter Herr Geheimrat, veröffentlichen Sie diese Zeilen und öffnen einen kleinen Teil der Spalten Ihres geschätzten Blattes einer Aussprache darüber, wie man sonst einem Wiederanschwellen des Antisemitismus vorzubeugen vermag. Es dürfte dies in vieler Hinsicht zur Aufklärung, Belehrung und zum Heil für das Judentum sein." * Zur Charakteristik «der antisemitischen Stimmun g, die nun in Deutschland wieder rege wird, ist folgende Notiz des „Berliner Tageblattes" höchst wichtig: ein ungemein trauriges Zeugnis für die Anschauungen, die in Beamtenkreisen sich kenntlich machen. Wir haben dem Schlußsatz, mit dem diese Nachricht begleitet wird, nichts anderes hinzuzufügen. Die Notiz lautet: Eine unglaubliche V e r a l l g e m c i n c r u n cj. Eine antisemitis che Urteilsbegründung. In einer westpreußischen Kleinstadt wurde jüngst ein jüdischer, bisher unbescholtener Händler wegen Uebertretung der Marktpolizeiverordnung vom Schöffengericht zu vier Wochen Gefängnis verurteilt, ein Fall, über den an sich nichts zu sagen wäre. In dem Erkenntnis dazu wird aber der „Danziger Zeitung" zufolge unter anderem gesagt: „Es ist gerichtsbekannt, daß die von dem Angeklagten und seiner Schwägerin getätigten verbrecherischen und mit allen Listen, deren jüdische Geschäftsleute überhaupt fähig sind, usw.' Es gehört ein sehr robustes Gewissen dazu, eine derartige. Verallgemeinerung, die einer ganzen Bevölkerungsschicht den Makel der Unlauterkeit anheften möchte, auszusprechen und sogar in einem amtlichen Schriftstück niederzulegen. Man darf erwarten, daß dieser Vorgang nicht ungerügt bleiben wird. # In den Berichten des Herrn Feldrabbiners Dr. B a e ck, die das „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde", 6. Jahrgang, Nr. 8, veröffentlicht, findet sich diesmal eine sehr stimmungsvolle Naturschilderung, die gewiß wert wäre, von allen Lesern gekannt zu werden, die aber wegen des geringen Raumes, über den wir verfügen, hier ausgelassen werden muß; dagegen geben wir der folgenden Betrachtung, wenn sie auch nichts speziell Jüdisches enthält, gern an dieser Stelle einen Platz. Sie lautet: In dem Gebiete, durch welches meine Wege hindurchführen, sind nur wenige aus der bürgerlichen Bevölkerung zurückgeblieben. Es vergehen oft viele Tage, ohne daß man ein anderes Gewand als das soldatische sieht, und, wenn ein ganzer Monat in den eigentlichen Stellungen dahinzieht, dann ist es das einzige Bild menschlicher Ge-, stalt. Der Mensch, den man erblickt und mit dem man spricht, ist der Soldat. Jeder steht in der militärischen Welt; sie umringt alle Fragen und Sorgen, alle Gespräche und Interessen, sie ist die alltägliche Wirklichkeit. Aber so sehr sie derart jeden hier umgibt und bestimmt, so wäre es doch falsch, wenn man sie als einen Gegensatz zur bürgerlichen Welt, zum bürgerlichen Denken und Fühlen betrachten wollte. Es ist möglich, daß sie in früheren Zeiten einmal das gewesen ist, daß damals in den breiten Schichten des Heeres ein besonderes soldatisches Eigenbewußtsein gewohnt hat; es ist möglich, weil damals nur ein verhältnismäßig kleiner Teil des Volkes unter den Waffen stand. Heute hat, wie oft beobachtet werden kann, das Selbstbewußtsein, das die Soldaten erfüllt, ganz wesentlich den bürgerlichen Charakter, und gerade er kommt in ihnen nicht selten zu sicherem Ausdruck. Sie fühlen sich, fast alle, als des Staates Bürger im Soldatenrock, als die Bürger, die das Vaterland verteidigen, als die Männer, die für das große Ganze hier auf ihren Platz gestellt sind. Dieses Volksbewußtsein, dieses Bewußtsein von dem großen Ganzen, von dem, was in der Heimat ganz so wie hier draußen die Gemüter bewegt, ist hier in allen das stärkste und entscheidendste. Alle die soldatischen Leistungen haben in denen, welche sie vollbrachten, dieses gute bürgerliche Selbstgefühl nur erhöht. Es ist das Volk, welches hier draußen kämpft und sich darum als das Volk empfindet, das um das große Ganze weiß, zu dem jeder gehört. Das rein-militärische Empfinden hat, selbstverständlich, auch sein seelisches Gebiet; es hat viel von dem, was in der Heimat als der Lokalpatriotismus und sein Stolz erscheint. In der großen militärischen Welt, in der hier jeder lebt, gibt es die einzelnen Bezirke; sie hat nur wenige große Zentren und gleichsam viele kleine Orte und Plätze. Mit diesem seinen kleineren Bezirke fühlt jeder sich verbunden und verwachsen. Man könnte sagen: Der Soldat fühlt seine soldatische Welt als Kleinstädter, er hat viel von dem Lokalpatrioten. Sein Truppenteil ist ihm etwas, worin er wohnt, wofür er sich verantwortlich weiß und denkt und sorgt, worin er Mitarbeiten will und sich als Mitarbeiter auch fühlt. Darin äußert sich sein militärisches Selbstbewußtsein und sein militärischer Stolz, auch mit all dem Behagen und all dem Humor, die darin liegen können. Jeder spricht gern von seinem Truppenteil, von den Kämpfen, die dieser bestanden, und den Erfolgen, die er errungen hat, oder von den Stellungen und Unterständen, die dieser geschaffen hat und weiter ausbaut, von den Leistungen, die dort täglich vollbracht werden. Es ist eine der häufigsten Unterhaltungen, die man anhören kann, wie so in Scherz und Ernst, in harmlosem Spott und mit gewichtiger Begründung ein Regiment oder Bataillon gegen das andere oder eine Waffengattung gegen die andere gehalten wird. Darin liegt ein wesentliches Selbstbewußtsein, etwas ganz Persönliches, etwas, was auch verhindert, daß innerhalb des großen Heeres der Soldat sich bloß als ein Rädchen an einer großen Maschine erscheint. Er hat den Stolz auf seinen Platz; der gibt ihm sein militärisches Selbstgefühl. So greift, wie daheim so auch hier, beides ineinander; man weiß um das große Ganze, wenn man um seinen Platz weiß, auf den man gestellt ist, und man kennt seinen Platz, nur wenn man das große Ganze kennt. * Aus Amerika wird aus einem amerikanisch-jüdischen Blatte folgende Notiz gemeldet, die unseren Lesern nicht vorenthalten werden soll. Ein jüdisches Milizregiment. Die jüdische Bevölkerung New Norks, die bei ihren Bemühungen, ihren Militärpflichten den Vereinigten Staaten gegenüber nachzukommen, infolge der Vorurteile der Militärorganisationen auf große Schwierigkeiten stößt, läßt sich dadurch trotz allem nicht beirren. Da die New Iorker Nationalgarde den Rekruten jüdischer Abstammung den Eintritt möglichst zu verwehren sucht, hat sich, dem „American Israelit" zufolge, ein New Iorker jüdisches Milizregiment gebildet, das den Namen „Erstes New Aorker Freiwilligenregiment" führt. Uebrigens gibt es im stehenden Heer Amerikas genug Juden. Und der erste amerikanische Soldat, der in den jüngsten Kämpfen gegen Mexiko siel, war, wie bereits gemeldet, ein Jude, was von den New Dorker Blättern sensationell genug besprochen wurde. * Endlich soll aus der „München-Augsburger Abendzeitung" ein Artikel hier wiedergegeben werden über die traurigen Verhältnisse in Rußland, der, wenn er auch nicht

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