Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-18 · Heft 33 (18.8.1916) · p. Seite 387

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 33 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229266--72447-3284890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

387 behruugen uns auferlegen, die Teuerung ertragen, die Sorge um alle die Lieben, die leiden, bluten und zugrunde gehen, zu unterdrücken suchen, wenn nur der Ausgang ein derartiger ist, daß unser teures Vaterland als herrliche Macht aus dem Kriege hervorgeht. Dies ist unser einziges Kriegsziel; wir werden nicht in den Fehler verfallen, den so viele begehen, jetzt, während die Waffen ihre tosende Sprache fuhren, die einzelnen Bedingungen des Friedens zu diskutieren oder Wünsche zu formulieren, was mit diesem oder jenem Lande zu geschehen hat. Wir begehren nur die völlige Unverletzlichkeit unseres Gebietes und die Möglichkeit der Weiterentwicklung zu friedlicher Arbeit. Da wir über innere jüdische Verhältnisse in Deutschland in dieser Uebersicht lange nicht gesprochen haben, so geben wir gern der folgenden Zuschrift des Herrn Lehrer Katzen st ein (Steele) Raum: lieber die Zukunft unserer Kleingemeinden ist des öfteren in diesen Blättern die Rede gewesen. Immer wieder kamen diejenigen, die über diese Frage ihre Meinung aussprachen, zu dem Ergebnis, daß die wirtschaftliche Lage der Kleingemeinden immer ungünstiger werde, weil der Zug zur Großstadt, gerade der Begüterten, den kleinen Gemeinden immer größere finanzielle Lasten aufbürde. Die Steuerzuschläge wachsen von Jahr zu Jahr: 150 bis 200 Prozent sind oft nötig, um die Ausgaben zu decken, die durch Lehrerbesoldung und sonstige Kultusausgaben entstehen. Und doch gibt es einen Weg, auf dem diese Gemeinden zu einer Erleichterung ihrer finanziellen Lasten gelangen könnten, wenn nur rechtzeitig und ohne Säumen der Anfang gemacht würde. Das Heilmittel besteht in der S ch a f f u n g v o n Kapitalien, deren Zinsen zur Deckung der Gemeindeausgaben dienen können. In den meisten Fällen erheben die Gemeinden keine höheren Zuschläge, als unbedingt zur Deckung der Ausgaben notwendig sind. Gerade die begüterten Gemeindevertreter, in deren Macht die Festsetzung des Haushaltsplans liegt, halten den Steuersatz möglichst niedrig, einesteils aus falschem Egoismus, um sich größere Ausgaben zu ersparen, andernteils auch aus dem Gesichtspunkte, weil sie ja doch in nicht zu ferner Zeit den Zug zur Großstadt mitmachen werden. Mit einem geringen Steuerzuschlag über die Bedürfnisse hinaus wäre jedoch die Möglichkeit gegeben, einen E r - n e u e r n n g s f o n d s zu schaffen, der aus kleinen Anfängen, mehr und mehr wachsend, der Gemeinde später eine große Erleichterung schaffen würde. Ein Kapital von 10 000 Mark bringt ja schon 500 Mark Zinsen, die im Haushaltsplan einer Gemeinde eine grobe Rolle spielen. Diese Fonds ließen sicki noch ergänzen durch die Zuwendung von Stiftungen, für welche die Gemeinde bestimmte Verpflichtungen zu übernehmen hätte. Ich denke zunächst an Gedächtnis- und Jahrzeitsstiftungen. Es wird in dieser Zeit fast für jede Gemeinde der Fall eintreten, in dem Eltern ihrem Heldensohne, der in fremder Erde ruht, in der Heimat eine dauernde Erinnerung schaffen wollen. Da ergibt sich die Gelegenheit. der Gemeinde eine Geldsumme zu schenken, deren Zinsen Gemeindezwecken dienen mit der Verpflichtung, alljährlich den Todestag durch Kaddisch und Seelengebct m begehen. Ich halte eine solche Gemeinde stistung für richtiger, als wenn wildfremde Menschen die Kaddischstiftung übernehmen, die zu dem Verstorbenen oder seiner Familie in keiner Beziehung stehen. Es könnten etwa Bedenken auftauchen, was mit solchen Stiftungen im Falle der Auflösung der Gemeinde geschehen soll? Auch da ließe sich Vorsorge treffen, wenn die Bestimmung ausgenommen würde, daß in solchem Falle eine Nachbargemeinde oder irgendeine wohltätige Stiftung Erbin sein soll. Noch eine dritte Einnahmequelle würde den Kleingemeinden erwachsen, wenn die Söhne oder Töchter, die der Heimat aus irgendwelchen Gründen den Rücken kehren, in ihren letztwilligen Verfügungen mehr an den Born denken würden, aus dem sie oder ihre Eltern dereinst geschöpft haben. Kaum vergeht eine Sitzung der Repräsentanten (beispielsweise in Berlin), in der nicht irgendwelche Stiftungen angenommen werden. In seltenen Fällen gedenken die Spender auch der einstigen Heimat, für welche geringere Summen mehr bedeuten als für die Großgemeinde ein reiches Kapital. Sollten diese Ausführungen an irgendeiner Stelle dazu führen, einer Gemeinde ihre Steuerlast zu erleichtern, so wäre ihr Zweck erfüllt. # Wir erhalten von unserem Mitarbeiter Herrn Sanitätsrat S ch e r b e l in Lissa folgenden Brief, den wir seiner Bedeuttlng wegen an dieser Stelle veröffentlichen, und erklären uns gern bereit, auch andere Aeußerungen über diesen Gegenstand entgegenzunehmen. Wir unsererseits geben dem Schreiber des Briefes vollkommen darin recht, daß es an uns liegt. Maß zu halten in unserer Lebensführung, in unserer Art des Benehmens sowohl in unserem Heimatsort als namentlich an Badeorten u. dgl. Aber gerade das Maßhalten in der Polemik dürfte nicht in gleicher Weise anzuraten sein. Wir haben selbst an dieser Stelle häufig genug mit aller Entschiedenheit Angriffe zurückgewiesen, die gegen die Juden gemacht werden, und glauben, gegen die Herren Pudor und Konsorten, oder wie sie sonst heißen mögen, ist kaum ein Wort stark genug. Wir wollen nicht zu Bürgern zweiter Klasse herabgedrückt werden weder durch die Gesetzgebung noch durch die Schriftsteller, und wir möchten meinen, daß das Maßhalten denen gegenüber, die selbst maßlos sind, kaum gerechtfertigt erscheinen dürfte. Das Schreiben des Herrn Scherbel vom 0. August hat folgenden Wortlaut: „Die erste und höchste Kunst des Arztes ist das Vorbeugen. Sie ist wichtiger als das Heilen, weil die Mittel der Heilung beschränkt sind, und — weil es oft zu spät ist. Schon Ovid sagte: „Widerstehe gleich zu Anfang, sonst wird zu spät der Hciltrank bereitet." Er mag dabei an den Rat des Theognis gedacht haben: „Heilen wir Böses gleich zur Stunde! Laßt uns mit dem Balsam eilen, wenn im Wachsen ist die Wunde!" — Die Wunde des Antisemitismus, die zu Anfang des Krieges, als der Burgfrieden verkündet wurde, geschlossen schien, hat sich wieder geöffnet, und ihr verderbliches Gift droht Volkskreise und Völker zu ergreifen, die bisher frei davon zu sein schienen. Insbesondere bei uns in Deutschland befürchtet man nach dem Kriege eine neue antisemitische Sturmflut, schlimmer, als sie jemals vor dem Kriege gewesen ist. Hoffen und wünschen wir, daß diese Befürchtungen unbegründet sind. Haben doch während des Krieges die Juden in ihrer überwiegenden Mehrzahl, und namentlich unsere wackeren jüdischen Kämpfer draußen im Felde, die sich so vielfach ausgezeichnet haben und ausgezeichnet worden sind, nach jeder Richtung hin ihre Pflicht und Schuldigkeit getan. Was Anlaß gegeben hat zu dem Bruch des Burgfriedens seitens der Antisemiten, kann man nur auf das Schuldkonto einzelner Juden setzen, und leider ist es ja immer so gewesen, daß die Gesamtjudenheit für die Fehler einzelner zu büßen hatte. „Ganz Israel bürgt einer für den anderen", so sollte es in gutem Sinne sein, aber unsere Feinde legen es im bösen Sinne aus und machen alle Juden verantwortlich für die Vergehen einiger. Ter noch tobende Weltkrieg hat, zumal in Rußland, erschütternde Beweise dafür geliefert. Aber >vir leben ja im Deutschen Reiche, wo Recht und Gesetz Geltung haben und Einsicht und Vernunft, Gott sei Dank, stets die Oberhand behalten haben, und nur eins gilt es jetzt: vorz üben gen, daß nicht eine Verwirrung in den Geistern und Gemütern geschaffen wird, die alles niederreiht,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.