Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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386 erscheinen, und es wird sich alsbald in weiten Kreisen die Befürchtung geltend machen, daß hier durch eine Hintertür wiederum Eingang findet, was man durch die ermöglichte Dispensativn vom Religionsunterricht als glücklich ausgeschlossen wähnte. Es ist auch kaum anzunehmen, daß orthodoxe Gemeinden ihren Religionsunterricht einem liberalen Inspektor unterstellen werden, und auch liberale Gemeinden werden sich dagegen sträuben, daß ein orthodoxer Schulinspektor Einfluß aus die Gestaltung ihres Religionsunterrichts gewinne. Es würden sich also durch die Inspektion die größten Unzuträglichkeiten Herausstellen. Auf diese Bedenken habe ich sowohl in meinem bei der Generalversammlung des Rabbinerverbandes gehaltenen Referat als auch in den Kommissionssitzungen des Verbandes der Deutschen Juden und des D. I. G. B. das größte Gewicht gelegt, während ein Kollege die gefährdete Autorität des Rabbiners als Ablehnungsgrund geltend machte. Infolge meiner Darlegungen wurde von einem Kommissionsmitglied sogar der Antrag gestellt, für jede Provinz zwei Inspektoren, einen orthodoxen und einen liberalen, zu bestellen, doch wurde dieser Antrag abgelehnt. In Wirklichkeit wäre damit auch nichts gebessert worden. Wir haben auch eine Mittelpartei und zionistische Kreise, die sich weder einen liberalen noch einen orthodoxen Inspektor aufdrängen lassen werden. Und nun noch eine Frage an den Herrn Kollegen! Für wen soll der Inspektor seinen Bericht über den Befund des Religionsunterrichts ausfertigen, und was soll geschehen, wenn nach seiner Ansicht der erteilte Unterricht nicht den zu stellenden Anforderungen genügt? Soll etwa die Staatsbehörde zur Entscheidung angerufen werden? Eine religiöse Oberbehörde aber haben wir in Preußen nicht, und in absehbarer Zeit werden wir eine solche auch nicht erhalten. So hängt denn die Inspektion des Religionsunterrichts mit der Organisation des Judentums aufs engste zusammen. Wir haben auch jetzt schon eine Ueberwachnng des Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten. Diese liegt in den Händen der Schulleiter und erstreckt sich auf die Jnnehaltung der angesetzten Stunden und die Disziplin. Das genügt meines Erachtens auch für die Zukunft. Denn was kann darüber hinaus geschehen, wenn etwa in einer Provinzialgemeinde der von dem amtierenden Rabbiner erteilte Religionsunterricht den Anforderungen des Inspektors nicht entspricht? Soll dann dem betreffenden Rabbiner der Anterricht entzogen werden? Das würde allerdings seine Autorität aufs schwerste beeinträchtigen. Allein ich bin der Ansicht, daß auch ohne Inspektoren die Rabbiner sich alle Mühe geben, einen guten Religionsunterricht zu erteilen. Denn die Schule ist heute die einzige Stätte, wo die Rabbiner noch nachhaltig wirken können, und es hieße für sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen, wenn sie den Religionsunterricht vernachlässigen wollten. Will man aber im allgemeinen auf die Qualität des Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten fördernd einwirken, dann mag man in den Rabbinerbildungsanstalten auch aus eine tüchtige pädagogische Ausbildung der künftigen Rabbinerrecht großen Wert legen. Das wird dem Religionsunterricht sehr bald zugute kommen. Durch die bloße Inspektion des Unterrichts wird man aber da, wo die Unterrichtsverhältnisse manches zu wünschen übrig lassen, kaum eine wesentliche Besserung erzielen. Im Gegensätze zu den Darlegungen des Herrn Kollegen spreche ich darum die Erwartung aus, daß der Verband der Deutschen Juden und der T. I. G. B. sich der Entscheidung des Rabbinerverbandes anschließen und die Forderung um Anstellung staatlicher Inspektoren des jüdischen Religionsunterrichts fallen lassen werden. Sir Wachr. Berlin, den 15. August 1916. ie ungeheure Schlacht im Westen tobt weiter, die an unsere wackeren unermüdlichen Truppen die größten Anforderungen stellt. Bis vor wenigen Tagen versuchten gleichzeitig die Engländer und Franzosen immer neue Scharen gegen die deutschen Mauern zu werfen. Glücklicherweise haben sie nur sehr geringe Erfolge zu verzeichnen. Die Nnsrigen wehren sich nicht nur mit der größten Zähigkeit und Tapferkeit, sondern machen auch Gegenangriffe, die dazu dienen, kleine Vorteile, die die Gegner erlangt haben, ihnen wieder zu entreißen. Augenblicklich stockt die Offensive unserer Feinde, wie diese selbst zugestehen-, wenn sie aber die Schuld dieses Stillstandes dem schlechten Wetter zuschreiben, so darf man wohl den Grund dieser Unterbrechung in der Erschöpfung und in den furchtbaren Verlusten unserer Feinde sehen. Während übermenschliche Anstrengungen unseren heldenmütigen Verteidigern im Westen zugemutet werden, wird auch der Angriff in Italien, Galizien und der Bukowina fortgesetzt, so daß man in der Tat jetzt von einer allgemeinen Offensive sprechen kann. Den Italienern mußte die Stadt Görz oder der fürchterliche Trümmerhaufen, wo diese ehemals blühende Stadt stand, überlassen werden. Nachden Berichten der Oesterreicher bedeutet das Aufgeben der 14 Monate lang verteidigten Stadt nicht viel. In Italien wurde der Einmarsch in die Stadt als ein glänzender Sieg gefeiert, der erste, der den ruhmredigen Feinden nach beispiellosen Verlusten und vielen Niederlagen gelungen ist. In den russischen Kampfgebieten, wo nun die deutsch-österreichische Desensivarmee dem Oberbefehl des Feldmarschalls Hindenburg unterstellt worden ist, hört man selbst in den Berichten der russischen Heeresleitung nichts von bedeutendem Fortschreiten, im Gegenteil wird auch in ihnen zugegeben, daß die deutschen Gegenanstrengungen auf vielen Seiten von Erfolg begleitet ivorden sind. Dieses ganz ungeheure Ringen, das weder in der Ausdehnung des Kampfplatzes noch in den Massen der beteiligten Truppen seinesgleichen in der Weltgeschichte hat und auch an Zeitdauer kaum mit einem der früheren großen Kriege verglichen werden darf — denn man muß z. B. bei dem Dreißigjährigen Kriege bedenken, daß zwischen den einzelnen Schlachten Monate, sogar Jahre vergingen, ohne daß irgendwie gekämpft wurde, während im gegenwärtigen Kriege kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ernstliche Geplänkel, ja furchtbare Schlachten Vorfällen —, kann, so möchte man meinen, nicht mehr lange währen. Trotzdem sind die Friedensaussichten sehr gering. Selbst Amerika, das nunmehr feinen Vorteil in der Verlängerung des Krieges nicht mehr sieht, weil die Materiallieferungen viel schwächer geworden sind, zum Teil gänzlich aufgehört haben, weil die Munitionserzeugung von den einzelnen europäischen Ländern übernommen worden ist und das daher gern seine Vermittlerdienste anbieten möchte, hat auf eine Anregung des schweizerischen Gesandten in Washington erklärt, daß der Zeitpunkt zu Friedensvermittlungen noch nicht gekommen ist. So müssen die Friedensfreunde, deren es in allen Ländern viele gibt, sich noch begnügen. Wie lange noch? Wie lange können alle die Völker dieses entsetzliche Blutvergießen noch aushalten? Ist es wirklich bestimmt, daß sich alle europäischen Nationen verbluten sollen? Wir hegen weiter felsenfestes Vertrauen zu unserer weitausschauenden Heeresführung, zu dem wunderbaren Mut der Truppen; wir hoffen, daß die neue Ernte uns die Lebensmittel schafft, die bis zum nächsten Herbste zu den notwendigsten Lebensbedingungen ausreichen. Wir wollen ruhig alle Ent-