Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 — Neustadt O.-S., 4. August. Die am 28. Mai d. I. verstorbene Rentiere Cäcilie D e u t sch hat der Stadtgemeinde 10 000 Mark vermacht und bestimmt, daß die Zinsen jährlich an verschämte Arme verteilt werden. Weiter hat sie eine Stiftung errichtet und hierfür 50 000 Mark gespendet. Die Stiftung soll den Namen Cäcilie- Deutsch-Stiftung führen. Die Ertrüge sollen zur Errichtung eines Wöchnerinnen- und Säuglingsfürsorgeheims verwendet werden. Die Vermächtnisse wurden angenommen. Die Stadtverordnetenversammlung ehrte das Andenken der edlen Stifterin durch Erheben von den Plätzen. W. Schwersenz, 4. August. Einen der geachtetsten Mitbürger hat unsere Stadt durch den Tod des Kaufmanns Herrn Philipp Pl a cz ek verloren. Der Verstorbene war nach dem Bade Kissingen gereist, dort Heilung seiner Leiden zu finden. Frohen Mutes unternahm er die Rückreise zu den Seinen; da erkrankte er in Berlin sehr ernstlich, wo er nach kurzen: Leiden verschied. Die Leiche wurde nach Schwersenz gebracht. Ein großes Gefolge, Juden und Christen, hatte dem Dahin geschiedenen das letzte Gielert gegeben. Herr Gemeinderabbiner Dr. M. Lew in aus Wreschen hielt die Leichenrede. Er schilderte die großen Verdienste des Verblichenen um die Stadt und die Gemeinde Schwersenz, tute er bei allen in Liebe und Achtung gestanden. Länger als zwanzig Jahre gehörte er dem Vorstände der Synagogengemeinde als treuer Berater an. Gern und arbeitssreudig widmete der Dahingeschiedene seine reichen Erfahrungen dem Wohle der Gemeinde und hat sich dadurch ein dankbares Gedenken gesichert. Die Worte des Predigers machten einen tiefen Eindruck auf die Trauerversammlung. Philipp Placzek ist im besten Mannesalter dahingegaugen. 8. Aus der Provinz Posen, 4. August. Posen. Ter Vorstand der Synagogengemeinde hatte angeordnet, am ersten Sabbat nach Beginn des dritten Kriegsjahres, am Sonnabend, 5. August, in den Gemeindesynagogen gelegentlich des Hauptgottesdienstes eine Gedenkfeier verbunden mit einer Fr i eder:sfürbittandacht stattfinden zu lassen. — Bromberg. Stadtrat Bankier Martin Friedlaen der ist zum Leiter eines staatlicherseits eingerichteten größeren Finanzunternehmens nach Warschau berufen worden. Da diese Berufung für längere Zeit gedacht ist, dürfte Stadtrat Friedlaender 1 ein städtisches Amt zunächst niederlegen oder eine Beurlaubung ans zwei Jahre beantragen. — Zn in. In der hier abgehaltenen zweiten Kriegssitzung des Landwehrvereins wurde an Stelle des verstorbenen Kaufmanns Leo Leiser Herr Kaufmann Isidor Schwarz als Mitglied des Vorstandes gewählt. — München, 4. August. Nach dem neuen bayerischen Gemeiudebeamtengesetz tritt der Versorgungsverband. nunmehr in Kraft. Er bezweckt die Ausgleichung der gemeindlichen Bersorgungslasten (Ruhegehälter, Witwen- und Waisengelder, Unfallfürsorge). Ihm gehören alle Gemeinden unter 10 000 Einwohnern, die versorgungsberechtigte Beamte haben, und alle Distrikte an. Andere juristische Personen des öffentlichen Rechts, gemeinnützige Vereine und Anstalten können den: Versorgungsverband beikreteu. Hierdurch ist auch den Städten über 10 000 Einwohnern, den Kreisgemeinden, öffentlichen Stiftungen, Kirchengemeinden, israelitischen Kultnsgemeindeu, Krankenkassen, wohltätiger: und sonstigen gemeinnützigen Vereinen aller Art die Möglichkeit einer Pensionsversicherung für ihre Angestellten eröffnet. — Ans dem alten israelitischen Gottesacker wurde am 25. v. M. vormittags der Mitinhaber der Firma Brüder Tannhauser, Albert Thannhauser, ein hochgeachteter Bürger, zur Erde bestattet. Zu seiner Beerdigung hatten sich viele Trauergäste, Beamte und sonstige Leidtragende eingesunden, um dem Entschlafenen das Ehrengeleit zu geben. Nach der eindrucksvollen Gedächtnisrede des Rabinatssnbstituten Dr. Finkelscherer legten der Turnverein München von 1860, die München-Loge, der Berem -bayerischer Geschäftsreisender in München und die Berkanfsgenossenschaft Nord-Süd Kränze am Grabe nieder. — Nürnberg, 4. August. Der „Fränkische Kurier" vom 4. d. M. bringt in einem „Bayerische Ehrentafel" überschriebenen Artikel interessante Mitteilungen über Heldentaten bayerischer Soldaten, unter denen folgende unsere besondere Aufmerksamkeit erregt: Unter dem schweren französischen Geschütz- und Minenfeuer, das vom 16 bis 19. Oktober 1915 andauernd über der „Schulterstellung" bei T. lag, wurden sämtliche Gräben eingeebnet imd Betoegungen innerhalb des beschossenen Raumes fast zur Unmöglichkeit gemacht. Am 18. Oktober richtete sich die kaum zu steigernde Wucht des von Fliegern geleiteten Feuerangrisfs zumal gegen die Schutzbauten und ihre Zugangsgrübeu, wobei es am Nachmittag dem Feind gelang, einen von Teilen der 12. Kompagnie des 14. Jnfanterieregimenks belegten Unterstand zum Einsturz zu bringen und dessen an sich schon schmalen Eingang völlig zuzuschütten. Als der Unfall eintrak, war Vizefeldwebel der Reserve und Offizierstellvertreter Walter Freudenthal aus Dessau, Studierender der Heilkunde von Nürnberg, Sohn des Rabbiners Dr. Freuden thal, eben abberufenworden, eilte jedoch schleunigst wieder hinzu und machte, ungeachtet des sich fortgesetzt steigernden und auf die Unglücksstätte zusammeuwirkenden Minenfeuers, mit Hilfe -eines Mannes den Eingang frei. Indem er die aufgeregte und teilweise schwer verwundete Mannschaft beruhigte, brachte er mit Unterstützung einiger Leute die Verletzten in einen anderen Hohlraum und trug auf seinen eigenen Schultern in ausrechter Haltung zwei des Augenlichts beraubte Kameraden dorthin in Sicherheit. Da noch ein Schwerverwundeter zurückblieb, holte er einen Arzt, leistete ihm die erforderliche Hilfe und harrte bei den: Sterbenden aus, bis er die Augen für immer schloß. Sodann förderte er die Waffen und Ausrüstungsgegenstände nebst Eßwaren und einigen gefüllten Feldflaschen wieder zutage, so daß sich der Zug auch im Besitz seiner Kampfmittel und des nötigsten Mundvorrats befand. Während dieser Arbeit wurde der Unterstand noch mehrmals von Minen getroffen. Durch sein -aufopferndes, unerschrockenes und umsichtiges Verhalten leistete Freudenthal seiner Kompagnie ganz hervorragende Dienste, weshalb die Auszeichnung mit der Goldenen Medaille vollauf verdient erscheint^ das Eiserne Kreuz hatte er sich schon früher errungen. Oesterreich-Angora. z. Prag, 4. August, Unter großer Beteiligung fand am 30. v. M. das Leichenbegängnis des Herrn Adolf Ritter Bloch v. B r o d u e g g vom Trauerhause in Bubeutsch auf den: Straschnitzer Friedhof statt. Der Verstorbene war einer der hervorragendsten Repräsentanten der Industrie unseres Landes. Daß seine Firma eine der größten und angesehensten geworden ist, dankt sie vornehmlich seiner zielbewußten und unermüdlichen Energie und seinen-ungewöhnlichen Fähigkeiten. Bei der Führung des großen Unternehmens kam ihm auch der Hnu stand zustatten, daß er ursprünglich in Prag ein Bankgeschäft begründet hatte, und daß er durch Anlage und fachliche Erziehung hervorragende finanzielle Fähigkeiten besaß, dabei das Technische nicht vernachlässigte, sondern die Neuerungen und Verbesserungen, die sich bewährten, gern aufnahm und energisch zur Einführung brachte. So schritt er von Erfolg zu Erfolg. Adolf Ritter Bloch v. Brodnegg war am 26. Juni 1848 in Jungbunzlau als Sohn des Fabrikanten David Bloch geboren und hat dann später in Prag ein Bankgeschäft begründet. Im Jahre 1877 wurde die Zuckerfabrik Elbekosteletz erworben und später durch einen Zubau einer Zuckerrafferie zu einem großen Unternehmen erweitert. Ebenso hat Adolf Bloch an der Erwerbung der Zuckerfabriken Auschitz und Liban und an ihrer Ausgestaltung lebhaften Anteil genommen. Die von der Firma David Bloch angekaufte Domäne Detenitz wurde in späteren Jahren von dem nunmehr Verblichenen allein übernommen undzu einem der modernsten landwirtschaftlichen Betriebe umgestaltet. Anfangs der achtziger Jahre gehörte er dem Prager Stadtrate an, wo ihm mit Rücksicht aus seine hervorragenden finanziellen Fähigkeiten das Finanzreferat zugewiesen wurde. 1904 wurde Bloch durch Verleihung der Eisernen Krone dritter Klasse ausgezeichnet, 1914 wurde er in den Ritterstand mit dem Prädikate Brodnegg erhoben. Bloch war auch Verwaltungsrat der Böhmischen Unionbank und Zensor der Oesterreichisch - Ungarischen Bank. Vielen Humanitären Vereinen gehörte er als Mitglied an, allen stand er mit -erprobten: Rat und in steter Hilfsbereitschaft an der Seite. Seine Beamten und Arbeiter verlieren in ihm einen uneigennützigen Chef, der stets auf das Wohl seiner Angestellten bedacht war und für sie in großzügiger Weise sorgte. Bloch war auch eine lange Reihe von Jahren schwer krank. An seiner Gattin Frau Anna Bloch v. Brodnegg fand er die treueste und aufopferungsvollste Pflegerin, die während der ganzen Zeit nicht von seinem Krankenbette wich. An der Bahre des Verblichenen trauern