Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 nicht völlig verscheucht werden konnte. Verzeiht, liebe Leidtragende, daß ich erst jetzt zu euch spreche, die ihr mit dem Heimgang des Verewigten den schwerster: Verlust erleidet. Mer ihr habt ja an seinem innersten Wesen so viel Anteil gehabt, daß alles, was ich bisher gesagt habe, auch für euch galt. Ja -mehr noch, ich weiß, daß er an euch Stab und Stütze gefunden hat in seiner Jugend, in den rüstigen Mannesjahren und im Alter. Ihr wäret die Vertrauten seiner Neigungen, die Spender seiner äußeren Behaglichkeit und seines inneren Friedens; in eurem Kreise entfalteten sich die zarten Seiten seines Wesens: feine Gemütstiefe, seine Feinsinnigkeit, seine entzückende Gabe der Unterhaltung und des Gedankenaustausches. Im Spiel mit Kind und Enkeln wurde er selber wieder zum Kinde, in froher Geselligkeit konnte er Streit und Leid ganz und gar vergessen. Vor allem Ihnen, verehrte Frau, die Sie Stolz und Krone seines Lebens waren, sei gedankt für die Selbstverleugnung, mit der Sie ihm die letzten Jahre erleichtert haben, für das Lächeln, das Sie zeigten, während tiefes Weh Ihr Herz durchwühlte, für die Erquickung, die Sie bald durch Worte, bald durch Ihr fürsorgliches Walten ihm gewährten. Bleiben Sie auch jetzt stark und aufrecht, wenn seine sterbliche Hülle für immer den Augen entsinkt, und vereinigen Sie sich mit uns in dem Trost, den ein köstliches Besitztum auch in der Erinnerung spendet! Du aber, teurer Verklärter, empfange durch meinen Mund den Dank unserer engeren Gemeinde, die dir ein Grab in der Reihe ihrer Lehrer und Führer bereitet hat! Du warst uns eine Leuchte für unseren Fuß, du erhelltest den Pfad, den nur zu gehen haben, du mahntest uns, allen Verkennungen und Rückschlägen zum Trotz nicht wankend zu lverden in der Treue zum Vaterland und zum Väterglauben. Als du wachtest und atmetest, haben wir bewundernd zu dir aufgeblickt: nun, wo du Bürger einer höheren Welt geworde:: bist, sei dein Denkmal ein Wahrzeichen unserer dauernden Liebe und Verehrung! Amen!" Namens des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes sprach sodann Professor Dr. Sobernheim, der mit schlichten Worten die großen Verdienste des Verstorbene!: um den Dentsck>Jsraelitischen Gemeindebund u::d seine Institutionen rühmte und dei: schmerzlichen Verlust beklagte, den die jüdischen Genieinden Deutschlands durch das Hinscheiden dieses ausgezeichneten Mannes erlitten haben. Hierauf ergriff Professor Dr. Ludwig Stein das Wort, um für den Verein für jüdische Geschichte und Literatur, den Verband der jüdischen Literaturvereine, die „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" und die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu sprechen. Er führte in seiner inhaltsreichen Gedenkrede etwa folgendes aus: Große Männer sind mehrere bedeutende Menschen in einer Persönlichkeit vereinigt. Es gibt reine ,Fachforscher, die nur für die Studierstube arbeiten, und wirksame Apostel, die für jede Wahrheit, die sie erkannt haben, in Schrift und Wort vor der Oessentlichkeit Zeugnis ablegeu. Philippsons Bedeutung bestand in der harmonischen Verschmelzung des Mannes der Wissenschaft mit dem Manne der Tat, des Theoretikers mit dem Praktiker, des Forschers mit dem Organisator, des Erkenners mit dem Bekenner. Während für viele Fachhistoriker ihre Studierstube die ganze Welt ist, war für Philippson die Welt die Studierstube. Es genügte ihm nicht, eine Wahrheit erforscht oder ermittelt zu haben, sondern es drängte ihn, sie in die Welt hinauszutragen und in Wort und Schrift lebendig zu künden. Als er seine akademische Laufbahn aufgab, mit sich in Berlin, gemäß den großen Überlieferungen seiner Familie, besonders seines unsterblichen Vaters Dr. Ludwig Philippson, den Interessen seiner Glaubensgemeinschaft inseiner Doppeleigenschaft als Deutscher und Jude zu widmen, da entfaltete seine reiche Natur ihre köstlichsten Gaben. Während er als Kurator der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und als Mitbegründer der Gesellschaft für die Förderung jüdischer Wissenschaft den tiefsten Oilellen nachschürfte, aus denen dieser Zweig der Wissenschaft hervorfließt, betrachtete er es als eine weitere Lebensaufgabe, die Ergebnisse dieser Wifsenichast durch zahlreiche Literaturvereine im ganzen Deutschen Reiche vermittels Hunderter von Rinnsalen in die deutsche Judenheit überzuführen. Seine Jahresübersichten, die er im Jahrbuch der Literaturvereine seit 19 Jahren in vorbildlicher Objektivität geboten hat, bilden eine Fundgrube abgeklärter Weisheit und glaubensinniger Bekenntnisfreudigkeit. Dem Nachwuchs wird es unendlich schwer fallen, die Lücke auszufüllen, die der Tod Philippsons hinterlassen hat. Eine solche Mischung von Rankescher Schulung und Treitschkescher Lebendigkeit der Darstellung dürste uns nicht so bald wieder beschiedeu sein: aber wir dürfen angesichts der gewaltigen Zuckungen unserer Zeit, in welcher man nicht Geschichte schreibt, sondern erlebt, den Mut nicht sinken lassen, daß es uns vergönnt sein werde, das Werk fortzuführen, das uns Philippson als teures Vermächtnis hiuterlassen hat. Wenn der vorderste Flügelmann in dieser großen Bewegung auch gefallen ist, so werden wir die Reserven herbeiholen müssen, um auch die wissenschaftlichen Schützengraben aufznfüllen. In Dankbarkeit und Verehrung gedenken wirdes Großen, das ihm gelungen ist, und wir geloben, treu und frei sestzuhalten wie an seinem Deutschtum so an den: von ihm vertretenen Judentum. Ein Leitstern sei für uns das Wort: „Es sterbe meine Seele den Tod des Gerechten, und möchte mein Ende dem seinigen gleichen." Zum Schluß sprachen noch Justizrat Löwinstein für den Verband der deutschen Inden und Dr. Lev in st ein für den Akademischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur herzliche Worte treuen Gedenkens, worauf nach abermaligem Ehorgesang unter dem üblichen Gebet die Beisetzung in der Ehrenreihe erfolgte. Die umflorte Fahne des Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur senkte sich zum Zeichen der Trauer über der Gruft, und wehmütigen Herzens verließen nur den Gottesacker, auf dem Martin Philippson seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Er ruhe in Frieden! Ehre seinem Andenken! Berlin, 8. August. Unerwartet verschied am 2. d. M. in Oberschreiberhan der Berliner Großkaufmann und Stadtverordnete Mar Salinger, Inhaber der Firma Levy u. Salinger. Der Entschlafene, ein Sohn der Uckermark, geboren am 15. März 1848 zu Steinfelden, hatte es aus kleinsten Anfängen verstanden, durch eisernen Fleiß und rastlose Schaffenskraft seinem geschäftlichen Unternehmen eine hervorragend^ Stellung zu erwerben. Er gehörte zu den führenden Männern des Berliner Fell- und Häutehandels, in dem er eine hohe Vertrauensstellung, einnahm. Trotz seiner überaus umfangreichen geschäftlichen Tätigkeit fand er noch Zeit, sich gemeinnützigen und öffentlichen Interessen in hingebender Weise zu widmen. Er stand seit vielen Jahren im Ehrendienst der I ü d i s ch e n G e m e i n d e, war eine Zeitlaug Mitglied der Veranlagungs- und Armenkommission und gehörte seit 1903 dem Vorstand der Synagoge Kaiserstraße an. Er war ferner Mitglied des Zentralkomitees des Hilf s v e r e i n s d e r deutsch e n I u d e n, Mitglied des Vorstandes des Vereins „ I n d i s ch e B l i n d e n a u st a l t " seit deren Begründung und nahm seit Jahren regen Anteil an den Arbeiten des Vorstandes der M a gi n e R ö i m, zu deren angesehensten Mitgliedern er zahlte. 1903 entsandte ihn das Vertrauen seiner Mitbürger in das Berliner Stadtparlament, wo er als Nachfolger des verstorbenen Obermeisters E. Gemeinhardt den 11. Wahlkreis 2. Abteilung vertrat. Er war Mitglied der Grnndeigentumsdeputation, der Blindendeputation, Brenumaterialiendeputativn, der Krieasfürsorgekomunssion u. a. m. Den Krieg von 1870/71 machte er im märkischen 64. Regiment mit und erwarb sich das Eiserne Kreuz. Trotz seines stark angegriffenen Gesundheitszustandes ging er, ein genauer Kenner des Balkans, im Auftrag der Deutschen Kriegsleder-Einkaufs-Gesellschaft nach Rumänien, wo er bis vor kurzem eine über zwei Monate dauernde erfolgreiche Tätigkeit entfaltete. In Oberschreiberhau suchte er Erholung von den Anstrengungen dieser Reise im Kreise seiner Familie. Ein Menschenfreund edelster Bedeutung ist mit ihm dahingegangen. Tie Beisetzung erfolgte am vergangenen Sonntag mit militärischen Ehren auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee. Seitens des Magistrats waren die Stadtrüte S t r a ß m a n n , T o f l e i n , R a st, B u ch o w und F r a n z erschienen, seitens der Stadtverordnetenversammlung der Borsteher Michel et mit vielen Mitgliedern sämtlicher Fraktionen. Ferner erschienen zahlreiche Deputationen Groß-Berliner Kriegervereine mit ihren Fahnen, ebenso hatten der Borstand der Jüdischen Gemeinde, der Hilfsverein der deutschen Inden wie viele Wohltätigkeitsvereine, denen der Verstorbene angehörte, Vertreter entsandt. Nach vorangegangenem Gesang hielt Rabbiner Dr. R o s e n z w e i g die Trauerrede, in der er das Leben und Wirken des Verstorbenen schilderte. Dann widmete Stadtverordnetenvorsteher M i ch e l e t dem Dahingeschiedenen Worte des Dankes für die rastlose Arbeit in: Dienste der Stadt Berlin. Tann wurde der Sarg unter Vorantritt einer Sektion des Vereins ehemaliger 64er, die mit Fahnen und Musik erschienen war, unter den Klängen des Chopinschen Trauermarsches zur Gruft getragen. Nach Gebet und Segen des Rabbiners wurde der Sarg der Erde übergeben, während eine Sektion des 1. Garderegiments drei Ehrensalven über dem Grabe des Kriegskameraden von 1870/71 abgab.