Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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80. Jahrgang Nr. 32 Beriin, II. August 1916 Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des -Judentums". korrrlpmhmzm und Kachrichten. Lrutschlsnd. Berlin, 8. August. Unter großer Beteiligung wurde am vergangenen Freitag nachmittag 3 Uhr Professor Dr. Martin Phibippson auf dem Friedhof in WeiHensee Zur letzten Ruhe bestattet. Die großen jüdischen Organisationen, und wissenschaftlichen Vereine, in deren Mitte der Verklärte seit Jahrzehnten segensreich gewirkt hat, waren bei dem Trauerakt durch Abordnungen vertreten. In der zahlreichen Versammlung sah man neben der Witwe und den nächsten Angehörigen des Verstorbenen die Mitglieder des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Geheimrat Professor Dr. Ludwig Geiger, Geheimrat Professor Dr. Albert M o s s e, Direktor Oskar Wasser m a n n, Max Weiß und den Dozenten Dr. Ba-neth, die Vorsitzenden des Hilfsvereins der deutschen Juden Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan, die Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses des D. I. G. B., Direktor Dr. M -in den, Professor Dr. M. Schäfer, Professor Dr. Sober nhei-m, Direktor Dr. Ho lzm a n n und den Generalsekretär Dr. Neu mann. Die Großloge sür Deutschland des U. O. B. B. war durch ihren Präsidenten Geh. Justizrat Timendorfer, der Verband der deutschen Juden durch Justizrat Löwinsohn, der Akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur durch zwei Chargierte in Wichs und mehrere „alte Herren" vertreten. Ferner waren erschienen der Vorsitzende des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, Kommerzienrat E i s n e r, Syndikus Justizrat L i I >i e n t h a l, Gemeindeältesterstellvertreter Handelsrichier Willibald Löwenthal, die Repräsentanten Benas Le vH und Emil P i n c u s, ferner Kommerzienrat Alfred L ö w e u - berg, Bankier Alois A. F. Marcus, Sanitätsrat Dr. Steinthal, Direktor Grnnwald u. v. a. Die Bethalle, die die aus den verschiedensten Stadtgegenden herbei geeilten Leidtragenden, Herren und Damen, kaum fassen konnte, war in einen Blumenhain verwandelt, und groß war die Anzahl der herrlichen Kränze und Palmenzweige, die den Sarg schmückten. Nach einleitendem Chorgesang ergriff Rabbiner Dr. Hochfeld das'Wort zu folgender ergreifenden Trauerrede: „Tu, o Gott, bist unser Vater; unser Erlöser ist von Ewigkeit dein Name. Tick) beten wir an, ob du gibst oder nimmst, an der Pforte des Lebens wie des Todes. Laß uns auch in dieser Stunde die Erkenntnis festhalten, daß unsere höchste Pflicht es ist, willig hinzunehmen aus deiner Hand, was immer du uns sendest, Freud' und Leid, Jubel und Trailer, auszuharren in Geduld lt-nd stiller Ergebung! Amen! Hochansehnliche TrauerversaMml.ung! Es ist sicherlich eine schwere Ausgabe, dem Manne, dessen Bahre wir wehmütig ilinstehen, einen würdigen Nachruf zu weihen. Wo soll man anfangen, um der Eigenart seines Charakters gerecht zu werden, lvomit soll man beginnen, um seine wissenschaftliche Bedeutung gebührend zu schildern, was soll man in den Vordergrund stellen, mit die Fülle des Segens anzudeuleu. der von ihm ausgegangen ist! Was Tausende und Abertausende heute empfinden, denen er mittelbar oder unmittelbar ein Helfer und Förderer gewesen ist, was unsere Glaubensgemeinschaft ihm zu danken hat, deren idealen Aufgaben und deren materiellen Daseinsbedingungen er mit nie ermüdender Hingebung gedient, was die Vertrauten seines Hauses und seines Herzens von -ihm zu rühmen wissen, das geht in den engen Rahmen einer Gedächtnisrede nicht hinein. Eins jedoch steht fest: nach Trostgedanken, nach Worten der Stärkung und Aufrichtung brauchen wir nicht 31t suchen. Denn das ganze Wirken des Entschlafenen ist ein -einziger großer Trost. Nicht weil sein Streben zu allen Zeiten von Erfolg gekrönt gewesen wäre oder sich immer der Zustimmung weiter Kreise zu erfreuen gehabt hätte, sondern weil es leuchtendes Zeugnis ablegt von der Kraft und Reinheit seines- Geistes, von seiner Tapferkeit in der Verfolgung unverrückbarer Ziele, von seiner Unbeugsamkeit gegenüber widrigen Umständen und Schicksalen. Und auch der Tod, den er gestorben ist, dieses friedliche Ende, das -ihm nach schwerer Krankheit beschieden war, versöhnt so mit seinem Verlust, daß jede Auflehnung, jedes Leidgefühl -im Herzen dahinschmilzt und nur der Stolz, ihn besessen zu haben, das Bewußtsein, daß er unser war, in dieser Stunde sich behauptet. Er war unser. Ein Jude und ein Deutscher, ein deutscher Jude; in diesen Worten liegt die Größe und, wir dürfen es sagen, die Tragik seines Lebens. Als Deutscher Judezu bleiben und als Jude deutsch zu sein, vaterländisch in feinem Denken', und dabei ein treuer Sohn seines -Stammes — alles, was er erkämpft imi> erlitten hat, gewinnt von hier aus seine rechte Beleuchtung. Darum hat er dem deutschen Judentum ein Führer werden können, -ein Mann, der ihm Wege wies und Wege schuf, einer von den "iNN iS-prj, von den Großen, die ihre Zeit widerspiegeln und ihr zugleich das Gepräge geben. Suchen wir aber noch tiefer einzudringen, wollen wir das Innerste seines Wesens, das Geheimnis seiner Persönlichkeit erfassen, io stoßen nur auf ein Gefühl unbedingter Verpflichtung, das ihn beseelte, auf jenes Müssen und Nichtanderskönuen, das wir als Religion im edelsten Sinne 'bezeichnen dürfen. Darum gebührt dem Entschlafenen der Kranz, den der Psalmist dem wahrhaft Frommen flicht, und der auf seinen Blättern die Worte trägt: „Die Lehre Gottes war in seinem Herzen, nicht wankten seine Schritte." Die Lehre Gottes war in. seinem Herzen, wenn wir also von dem Verewigten sprechen, so haben nur das allbeherrschende Motiv genannt, das ihn antrieb, der Wissenschaft und der Wahrheit zu dienen und daneben seine Zeit, Kraft und Befähigung, der äußeren und inneren Hebung seiner Stammesbrüder zu widmen. Wer die Wissenschaft pflegt, wie er es getan hat, frei von. Tendenz, fern von aller Parteilichkeit, mtr erfüllt von dem Drange zu lernen und zu lehren, unermüdlich im Forschen, Prüfen und Tarstellen, in den: loht eine Flamme, die nur aus einer höheren Welt des Geistes ihre Nahrung empfangen kann. Und wer mit solcher Wärme seiner Glaubensgemeinschaft zugetan ist, daß er nicht bloß der Treue zu ihr seine Laufbahn zum Opfer bringt,.sondern für ihr Recht und ihre Freiheit, für ihre Kultur und ihre weltgeschichtliche Ausgabe — ohne auf Dank zu rechnen — in Wort und Schrift ein Menschenalter hindurch eintritt, den dürfen wir fürwahr zu den Frommen zählen, auch wenn er mit der förmlicher! Bekundung seiner Frömmigkeit zurückhält. In sein Herz gepflanzt aber war diese Gebundenheit an einen höheren Willen durch seinen ehrwürdigen Vater, der selber das Vorbild des -deutschen Juden ganzen Generationen verkörpert hatte, der zeitlebens ein Kämpfer für Wahrheit und Recht, für politische und kulturelle Befreiung gewesen war. Zu seinem Vater hat der Entschlafene nach seiner eigenen Bekundung aufgeblickt wie zu einem Heiligen, und ihm hat neben seiner Gattin noch sein letztes Wort gegolten. Weil aber die Lehre Gottes in seinem Herzen war, darum wankten nicht seine Schritte. Sie -erlahmt-en nicht, wie schwer -es auch manchmal vorwärtsgehen wollte; sie wurden nicht unsicher, als Versuchungen und Verlockungen verführerisch an ihn herantraten. Er war kein Freund von feilen Kompronlissen, kein Opportunist, dem Macht vor Recht ging, kein Schwächling, der den jeweiligen Größen des Tages huldigte. Was ihm als heilig galt, dem bewahrte er Treue sein Leben laug; seine Neberzeugungen durchglühten ihn bis zum letzten Atemzuge. Und wie seltsam, welch tragische Verkettung in seinem Schicksal! Deutschtum und Judentum, seine höchsten Güter und Ideale, wurden nacheinander die Fesseln, die seine Schritte zu läh,men drohten. Während man ihm im fremden Lande sein Deuts-chtmn zum Vorwurf machte und ihm in seiner guten Sache Beistand und Unterstützung versagte, stieß man sich in seinem Vaterlande an seinem Judentum und gewährte ihm nicht den Rückhalt, auf den er berechtigten Anspruch zu haben glaubte. Gewiß wäre es falsch, ihn deshalb einen Märtyrer zu neunen; er trug das Haupt hoch und hatte stets das Gefühl, innerlich Sieger geblieben zu sein. Aber seit jener Zeit, da ihm die höchste Lust seines Lebens, Lehrer der studierenden Jugend zu sein, verleidet worden war, klang doch, für ein feines Ohr deutlich hörbar, in allen seinen Aeuherungen jener elegische Unterton mit, der auch durch die sichtbaren Erfolge seiner -organisatorischen Wirksamkeit und durch den Beifall seiner gleichgesinnten- Mitarbeiter