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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-11 · Heft 32 (11.8.1916) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 32 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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den Brief getragen, nnd dann zeigte ich ihm einen Briefumschlag und begab mich mit ihm aus die Suche. War das nicht eine kluge Idee von mir? Nur schade, daß Krax bald den Brief vergaß und mich nach dem Gartenhaus führte. Was haben Sie eigentlich die ganze Zeit dort mit meiner Cousine verhandelt? Aber lassen Sie es nur gut sein. Sie brauchen es mir nicht zu sagen, denn ich bin wirklich nicht neugierig. Nebenbei, Schmulikof, hat das jüdische Mädchen Ihnen etwas von mir erzählt?" „Nicht, daß ich wüßte." „Ich meine, hat sie wieder nach Ihnen geangelt?" „Auch davon habe ich nichts bemerkt." „Ein wunderbares Weib! Hat Rasse. Prachtvoll, sage ich Ihnen! Sie müssen sie gelegentlich einmal genau ansehen. Kein Gänschen, wie meine . . . Aber ich sehe, Sie wollen allein sein," unterbrach er sich endlich in seinem Redestrom. „Offen gestanden, mir ist heute wegen des Brieses auch etwas katzenjämmerlich zumute. Ich will daher nach der Stadt gehen, und jeder Jude, dem ich begegne, soll von mir einen extra Fußtritt bekommen, daß ihm der Stiefelabsatz zur anderen Seite herauskommt." Die letzte Bemerkung entfachte wieder das Feiler in Gabriels Seele. Unsanft wurde er wieder aus dem Halbschlaf gerüttelt, in welchem die betäubende Liebe ihn versenkt hatte. Ja, aber was sollte mit seinem Vorhaben geschehen, das jetzt der Verwirklichung harrte? Er fühlte sich wieder aus der Höhe seines Glückes zu Boden geschmettert. Fast hatte er im Liebesrausch vergessen, daß die zehntausend Karols und Torakows sich jetzt schon fertigmachten, um die Bluthunde auf das allzu schwache Wild zu hetzen. Und was sollte mit ihm selbst geschehen? War er nicht durch seine Mitwissenschaft auch ihr Mitschuldiger geworden? Und wie stand es mit Baruch? Der saß freilich müßig und faul am Strome, seinen philosophischen Zynismus mit Zitaten aus dem zerlesencn Horaz fütternd. — Ein heftiger Zorn stieg in Gabriel gegen den Jugendfreund auf. Warum blieb er denn untätig? Auch er mußte helfen; die Sache ging doch ihn ebensoviel an wie Schmulikof. Nein, Baruch war sogar noch mehr daran beteiligt. Er, Gabriel, hatte jetzt ein himmlisches Wesen auf Erden gefunden, das er festhatten urußte. — Baruch hingegen, er steht allein da, er hat weiter keine Aufgaben im Leben zu erfüllen, - darum muß er seine ganze Kraft einzig und allein seinem Volke widmen. XVII. Verschiedene Abhaltungen hinderten Gabriel, sich sogleich zu Baruch zu begeben. In der Zwischenzeit fiel ihm auch nichts ein. das seinen Unmut gegen Baruch hätte abschwächen können. Er verfolgte seinen früheren Racheplan Schritt für Schritt rückwärts, bis zum Ursprring hin, um sich mehr und mehr in dem Glauben zu bestärken, daß eigentlich doch nur Baruch es gewesen, der ihn in diesen Wahn hineingehetzt. Hatte nicht dieser Ueberschlaue selbst eingestanden, daß auch er mit Torakow abzurechnen habe und daß er dem Sohne den Tod seiner Eltern nur mitteilte, um auf dessen Gefühle einzuwirken und ihn dazu zu treiben, für ihn, Baruch, die Kastanien aus dem Feuer zu holen? — Und fast wäre es ihm gelungen, Schmulikof zu einem noch größeren Verbrechen zu verleiten, das weder vor menschlichen noch göttlichen Satzungen hätte gerechtfertigt werden können! — Nun mußte er seine Seele zermartern, um einen Ausweg zu finden, während der Aufwiegler und eigentliche Urheber sich gemütlich die Hände reiben konnte. Aber er sollte sich doch täuschen; er sollte bald erfahren, daß der Betrug des einen nicht notwendig die Torheit des anderen nach sich ziehen müsse. Jetzt befand er sich auf dem Wege, um mit Baruch eine gründliche Abrechnung zu halten. Er war bald bei der Biegung angelangt, von wo er den bleifarbenen Strom überblicken konnte; er vernahm auch den Klang einer Rohrpseise, schwach nnd traurig, wie das Wimmern eines kranken Kindes. Einen Augenblick glaubte Gabriel, es sei irgendein betrunkener Muschik; bald aber erkannte er, daß es Baruch war, der dieser sonderbaren Beschäftigung sich hingab. Blitzartig wanderten seine Gedanken Jahrtausende in der Geschichte seines Stammes zurück, als seine Vorfahren an den Ufern des unsterblichen Euphrat gesessen und Trauergesänge über den Fall der Gottesstadt anstimmten. Auch hier, an den Ufern des Dnjepr, beweint ein Bruder die Zerstörung seiner Lebenshofsnung — nur fehlt hier jede Spur freudiger Erwartung, hoffnungsvoller Zuversicht, die die Vorfahren am Schlüsse des Psalmes bekundeten; hier war nichts als der Widerhall schmerzlicher Erinnerungen, Rückblicke einer vernichteten Vergangenheit. In einer mitleidigen Aufwallung wollte Schmulikof Hinstürzen und, wie eine zärtliche Mutter, die Hand auf das Haupt des betrübten Freundes legen. Aber er besann sich noch zur rechten Zeit. Welches Recht hatte er, der Abtrünnige, denn noch, einem trauernden Juden Trost und Mut zuzusprechen durch den Hinweis auf die Hoffnungsfreude der jüdischen Ahnen, die er selbst verleugnet? „Du bist es," sagte Baruch gleichgültig, als er Gabriel erblickte. „Ja, ich bin es. Du hast mich gewiß schon früher erwartet." Baruch verharrte weiter in seiner starren Gleichgültigkeit und schien den Sinn dieser Worte gar nicht zu verstehen. „Ist denn etwas Besonderes vorgefallen, Gabriel?" „Nein," war die befangene Antwort. „Gräme dich deshalb nicht. Nimm dir nur Zeit." (Fortsetzung folgt.) Litersrikchr Mitteilungen. — Beiträge zur Geschichte der deutschen I u d e n. Festschrift zum siebzigsten Geburtstage Martin Philippsons. Herausgegeben vom Vorstände der Gesellschaft zu Forderung der Wissenschaft des Jndentums. Leipzig 1916, Gustav Fock G. m. b. H. Dem hervorragenden Historiker, dessen Verdienste bei Gelegenheit seines siebzigsten Geburtstages an dieser Stelle ausführlich allsei nandergesetzt worden sind, widmet der Vorstand der von ihm begründeten Gesellschaft Zllr Förderung der Wissenschaft des Judentums einen stattlichen Band von fast 409 Leiten, angefüllt mit 24 Studien, die sich auf die Geschichte der Juden in Deutschland von 1012 bis 1843 beziehen. Diese Arbeiten enthalten zum Teil hochwichtige Beiträge, die es mit der Politischen Literatur- und Kulturgeschichte zll tun haben. Die Mitarbeiter an der Festschrift sind der Aeihe nach die folgenden: I. Guttmann, H. Tykotinski, I. Ellbogen, L. Lucas, G. Herlitz, I. Kracauer, A. Freimann, E. Zivier, Ph. Bloch, S. Salseld, I. Eschelbacher, P. Rieger, M. Freudenthal, D. Simonsen, A. Vogelsteiu, L. Geiger, ü)i. M. Nathan, M. Ginsburger, A. Eckstein, A. Kober, S. Silberstein, A. Lewinsky, M. Brand, E. Täubler. Die Beiträge sind chronologisch geordllet bis auf den letzten, der infolge Einberufung des Verfassers verspätet eingeliefert und daher ans Ende gestellt wurde. Alle einzelnen Aufsätze, so interessant ilnd bedeutend auch viele sind, hier zu besprechen, ist unmöglich; besonders lehrreich war mir Brands Aufsatz „Der älteste jüdische Gemeindeverband in Preußen", der den wackeren Abraham Mllhr in Pleß und den von dieseur begründeten Oberschlesischen Verband behandelt. Aber auch die historischen Arbeiten von Eckstein: „Hardenberg und die Frage der Judenemanzipation in den preußisch-fränkischen Fürstentümern", Kober: „Zur Vorgeschichte der Judenemauzipation in Nassau", Silberstein: „Die Stellung Preußens und Mecklenburgs zum Artikel 16 der deutschen Bundesakte", wobei eine wohltuend freisinnige Anschauung Mecklenburgs beleuchtet wird, Lewinsky: „Aus dem Schriftenkampf für und wider die Juden in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts", in dem mit besonderem Nachdruck des trefflichen Barons v. Görtz nnd seiner ausgezeichneten, mutigen und vorurteilslosen Schrift gedacht wird, bolem mir nützliches Material. Ueber Mendelssohn und seinen Kre/

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