Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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einheit" der Kehilla herstellt. Doch kein böser „Kerkow" wagt es, diese „Einheit", welche durch den Mergentheim umspannenden Draht, der seinen Weg sogar durch das Gebäude des Königlichen Bezirkskommandos nimmt — zum Teil also unter „st a a t l i ch e r A u s s i ch t" stellt —, versinnbildlicht wird, mit frevler Hand zu zerstören. Die am Freitag zum Bäcker geschickte Sabbatspeise kann also ruhigen Gewissens am Sabbat wieder eingebracht werden und kein „Rephoel Wunderthäter", wie Bernstein seinen weisen Rabbi nennt, braucht in Aktion zu treten. Sabbatsrieden, wie in alten Zeiten, herrscht in der Gemeinde, deren feiertäglich geputzte Mitglieder am Nachmittag ihre Spaziergänge, machen. Für den Großstädter ein Idyll, das an längst vergangene Jahrzehnte gemahnt. — In seiner gestrigen Predigt gedachte auch Herr Bezirksrabbiner Dr. Kahn in eindrucksvoller Weise der Wiederkehr des Tages, an dem vor zwei Jahren der verheerende Weltkrieg seinen Anfang nahm. Er mahnte zum Gottvertrauen, durch das es uns leichter würde, die schwere Schickung zu tragen. — Vielleicht interessiert es auch, wenn ich noch erwähne, daß in Mergentheim einstens sowohl der Vater wie auch der Onkel Ludwig Börnes (Löb Baruch) gewohnt haben. Jakob Baruch — Börnes Vater —, Simon Baruch, der Onkel, waren von Oedheim (Württemberg) hierher gezogen. Während Jacob Baruch später nach Frankfurt a. M. übersiedelte, blieb Simon Baruch, der ein sehr wohlhabender Mann gewesen ist, hier bis zu seinem Tode. Er hinterließ der Gemeinde sein Wohnhaus, das jetzige Gemeindehaus, aus dessen Hof er die Synagoge hat errichten lassen. Für die Wohlhabenheit Simon Baruchs spricht noch besonders die glänzende Ausstattung seiner Wohnung. Vor zwanzig Jahren etwa verkaufte die Gemeinde noch von dieser Ausstattung für 1600 Mark Gobelins an einen Kunsthändler. Möge der Frieden, der hier trotz des Krieges herrscht, ein gutes Vorzeichen für den sehnlichst erwarteten Weltfrieden sein. Auge um pugr. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) 3n demselben Augenblick schlug ein nervenzerreißendes Geheul an ihr Ohr, und in der nächsten Sekunde stürmte eine mächtige Dogge ins Gartenhaus und sprang schweifwedelnd auf Alma zu. „Es ist zwar nur Krax," sprach sie mit einem gewissen Bedauern; „doch nicht der Hund ist der Störenfried, sondern er ist der Vorläufer eines solchen, der mehr zu fürchten ist." Schmulikof sah ihre Enttäuschung und nickte. Auch er wußte, daß der Bluthund nicht frei herumlaufen durfte. Wie aus Verabredung nahmen beide ihre früheren Stellungen ein und erwarteten mit erzwungener Gleichgültigkeit den Begleiter des Hundes. Bald darauf kam Karol zum Vorschein, und sein Lächeln hatte etwas Satanisches an sich. „Ach so! Deshalb hast du mich hierher geschleppt, du kluges Tier," streichelte er den Hund, während er sich mit einer Entschlossenheit auf den Stuhl niederließ, als könnten nicht zehn Pferde ihn wieder von dannen ziehen. Dann fuhr er spöttisch fort: „Es ist wirklich ein trauliches Nestchen hier, Cousinchen; und da ich weiß, welch ein gutes Mädchen du bist, so bin ich überzeugt, daß du bereit sein wirst, die gute Sache auch in drei zu teilen." „Wenn du mit der guten Sache das Gartenhaus meinst, so soll dir dein Anteil nicht vorenthalten werden. Du kannst sogar das Ganze haben; außer wenn Herr Schmulikof dir Gesellschaft leisten will. Ich selbst muß jetzt wieder ins Haus." „Dann komm ich mit," rief er, mit derselben Entschlossenheit wieder aufspringend; „übrigens, Cousinchen," er deutete auf ihre Stickerei, „übrigens Cousinchen, wenn dir dich allzuviel mit Herrn Schmulikof unterhältst und allerlei metaphysische Probleme mit ihm zu lösen suchst, da wird der alte St. Anastasius gänzlich vernachlässigt, der auf seinen neuen Kaftan noch lange wird warten und auch im nächsten Winter in seinem alten frieren müssen. — Herr Schmulikof, wer ist denn Ihr Heiliger und Schutzpatron? Wenn Sie artig sind und meine Cousine schön bitten, wird sie auch diesem einen neuen Rock sticken." Alle drei verließen das Gartenhaus. Schmulikof war selbst bei dieser plumpen Verhöhnung ruhig und gelassen geblieben, denn sein Geist war jetzt mit heroischen Kämpfen und Entschlüssen beschäftigt, die er sich nicht durch den kleinlichen Geiser dieses Reptils verunglimpfen lassen wollte. Karols hektische Fröhlichkeit, seine nur schlecht verborgene Eifersucht spielten nur eine zwerghaste Rolle bei den gigantischen Plänen, mit denen Schmulikof sich jetzt herumtrug. Dennoch aber, da auch das Unwesentliche für ihn eine gewisse Bedeutung hatte, entging es ihm nicht, wie eigenartig Karols Benehmen gerade heute war. Eine gewisse Unruhe schien sich seiner bemächtigt zu haben. Er stürzte sich in einen Redestrom und schwatzte unaufhörlich, ohne erst eine Antwort abzuwarten. Hin und wieder fuhr er hastig mit seinen Händen in seine Taschen, während seine Blicke nach allen Richtungen schweiften. Eben hatte er nach einem Stück Papier gegriffen, das aus dem Rasen lag, um es aber nach einem flüchtigen Blick wieder enttäuscht wegzuwerfen. Alma war froh, daß er auf ihre Aufmerksamkeit keinen Anspruch erhob; sie hatte genug zu tun, um ihre eigenen Gedanken zu ordnen. Schmulikofs Worte klangen ihr wie eine süße Melodie, und bei jedem Schritt schienen die Blumen neue Farbe zu entfalten und die Sonne neuen Glanz anszustrahlen. Sie dachte nicht mehr an den Schatten, der die Sonne ihrer jungen Liebe gestreift, der doch eigentlich groß genug war, um ihr ganzes Leben zu verfinstern. Die heilige Offenbarung, die ihr vorhin geworden, hatte jeden Zweifel und jede Ungewißheit verscheucht, oder sie verwandelten sich — nach Schmulikofs Angabe — in unermeßliche Freuden. Sie war froh, daß sie ihn anfänglich tatsächlich gefürchtet, sonst wäre ja ihre Liebe nicht so stark, nicht so abgrundtief geworden. Am Hause angelangt, verabschiedete sie sich von den Herren; Karol sah ihr mit einer Miene nach, als hätten sich eben große Geheimnisse vor seinen Augen offenbart. „Mir ist etwas sehr Unangenehmes passiert," sprach er jetzt zu Schmulikof mit veränderter Stimme. „Was denn, Vetter Karol?" fragte dieser gedankenlos. „Vetter Karol!" schnarrte dieser höhnisch. „Noch bin ich es nicht!" „Ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Ich hörte Sie so oft so nennen, daß es mir unbewußt entschlüpft ist. Natürlich galt meine Frage dem Herrn Leutnant Lamorin." „Na, wir wollen die Sache nicht so tragisch nehmen. Ich weiß, ich bin heute etwas ungenießbar Haben Sie vielleicht einen Brief mit einer französischen Marke irgendwo gesehen?" „Ich kann mich wirklich nicht entsinnen." „Ich habe nämlich einen Brief verloren, und es wäre mir mehr als peinlich, wenn er in unberufene Hände geraten und von Fremden gelesen werden sollte. Darum habe ich ja auch Krax mit mir genommen, damit er mir suchen helfe. Ich ließ ihn nämlich vorher an meiner Tasche riechen, in welcher ich