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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-11 · Heft 32 (11.8.1916) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 32 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
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— 381 - Berichte der Befriedigung über den Abzug der Franzosen Ausdruck und schildert die allgemeine Freude bei der Wiedereroberung der Stadt durch die vereinten deutschen Truppen. In gleicher Weise schildert 1796 Jakob Cannstadt, der ebenfalls für den genannten Verein als Rabbi tätig war, die Genugtuung über den Sieg der Kaiserlichen, für den man Gott innig dankte. Am 7. Fructidor des Jahres VI der Republik tadelt auf eine Denunziation hin die oberste Verwaltungsbehörde, daß der jüdische Gemeindevorstand und seine Beamten zu wenig republikanisch gesinnt seien und über eine vermeintliche Niederlage BonaparteS sich befriedigt geäußert hätten. Der Vorstand soll deshalb durch bessere Patrioten ersetzt werden." Erst die geregelte Verwaltung, die mit dem endgültigen Uebergang des linken Rheinusers an die französische Republik einsetzte, hat den Franzosen auch unter den Juden in Rhein- Hessen Freunde erworben, und diese Freundschaft hat bei vielen noch die Anfänge der hessischen Herrschaft überdauert. Hatte doch die Heranwachsende Jugend französische Schulen besucht, französische Kultur in sich ausgenommen und die französische Sprache als ihre Muttersprache lieb gewonnen. Schreiber dieser Zeilen sah noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Mainzer — Juden wie Nichtjuden —, die nur französische Blätter lasen. In dieser alten Anhänglichkeit zu Frankreich wurden die Rheinhessen bestärkt, als Zeiten kamen, in denen man versuchte, den Rheinhessen ihre Vorrechte zu nehmen oder zu beschneiden. Aber die hessischen Juden fürchteten derartiges nicht und hofften, daß ihr Vollbürgertum ihnen erhalten bleibe. Diese Hoffnung ward gestärkt durch die Stellungnahme der Regierung zu der Hepp-Hepp-Bewegung. Als diese mittelalterliche Barbarei 1819 in süddeutschen Städten wütete, Leben und Eigentum der Juden bedrohte und schädigte, ist das Großherzogliche Ministerium rasch und kraftvoll eingeschritten. Ein Jahr später ward durch den Artikel des -Staatsgrundgesetzes vom 17. Dezember 1820 den Israeliten des Großherzogtums Hessen-Darmstadt gewährleistet, „daß sie von ihrem Schutzbürgerrechte (das seit 1824 mit keinen besonderen Abgaben mehr verbunden war) zum vollen Staatsbürgerrecht bei dazu würdig machenden Eigenschaften hinaufsteigen könnten, in welchem Falle sie in Ansehung der bürgerlichen und politischen Rechte den christlichen Staatsbürgern gleichstehen sollten." Es ward nicht alles erfüllt, was verheißen war, und manche Beschränkung blieb bestehen. So mußte noch alljährlich von jedem jüdischen Geschäftsmann das schändende, herabwürdigende Moralpatent, das von Napoleon zwar eingeführt, in Frankreich aber längst abgeschafft war, gelöst werden. Erst das Jahr 1847 hat hierin eine Aenderung zugunsten der Juden herbeigeführt. In der späteren Zeit, in der die Versuche, Rheinhessen die ihm von Ludwig I. belassenen Rechte zu beschneiden, ihm seine Eigenart, auf die es stolz war, zu nehmen, wiederholt wurden, in einer Zeit, in der übrigens in ganz Deutschland die allgemeine Unzufriedenheit herrschte, die in den Jahren 1848/49 ihren Höhepunkt erreichte, sind die Gegensätze zwischen Rheinhessen und den rechtsrheinischen Landen immer schärfer geworden. Es kam eine Zeit erbitterter Kämpfe in der Stündekammer und in der Presse. Diese Zeit ist auch der Höhepunkt der Französelei in Rheinhessen gewesen. Aber für die Lage der Juden jener Zeit ist nichts bezeichnender, als daß sie nun nicht mehr ihre Sonderinteressen vertraten, vielmehr in vorderster Reihe für alle Rheinhessen mitkämpften. Kein geringerer als der Mainzer Jude Ludwig Bamberger ist es gewesen, der sich an die Spitze der Vertreter rheinhessischer Interessen stellte und dessen diesbezügliche Aussätze noch heute recht lesenswert sind. Der deutsche Gedanke, ein einiges deutsches Reich zu schassen, der im Frankfurter Parlament seinen Ausdruck fand, hat in Rheinhessen, wie Bamberger ausführt, eine Krisis gebracht. Die Französelei, die nicht etwa die Vorliebe für französisches Wesen oder gar ein Spiel mit dein Gedanken an eine Losreißung des linken Rheinusers von Deutschland bedeutete, sondern mehr der Ausdruck der Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen gewesen war, verschwand mehr und mehr. Der Jude Bamberger war es, der den nationalen Gedanken, das große Ziel der Einigung Deutschlands, nicht nur für Rheinhessen, sondern für das ganze Reich in den Vordergrund hob. Er hat das Verständnis für die Vorzüge einer Zugehörigkeit der Provinz zu dem Großherzogtum gefördert. Er hat einer nach Volkstum deutschen, nach Gesinnung weltbürgerlichen, in Staats- und Rechtsleben französierten Bevölkerung die rechten Wege gewiesen. So sind mit allen übrigen Rheinhessen auch die rheinhessischen Juden gute Hessen geworden, und sie hatten es nie zu bereuen. Handel und Wandel, Industrie und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft haben auch unter den Juden Hessens einen ungeahnten Aufschwung genommen, und als im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts der Antisemitismus seine schmutzigen Fluten über Deutschland wälzte, fanden sie an dem festen Willen von Herrscher und Volk in Hessen einen hochragenden Fels, an dem diese Wogen zerschellen mußten. So zeigen die rheinhessischen jüdischen Gemeinden heute eine hohe Blüte, und ihre Söhne danken es dem Vaterlande, indem sie draußen mithelfen mit ihrem Leben, den wie wir hoffen baldigen endgültigen Sieg der deutschen Waffen herbeizuführen. Krisrbrikf. Von Nathan Cohn. Bad Mergentheim (Württbg.), den 30. Juli 1916. iederum habe ich mir Bad Mergentheim als Kur- und Erholungsaufenthalt auserkoren und wahrlich, ich habe es nicht zu bedauern. In bezug auf die Lebensverhältnisse ist Mergentheim noch ein wahres Eldorado. Wenn man auch hier unter der Herrschaft der Brot-, Fleisch-, Eier-, Butter- und Zuckerkarte steht, so sind die Quantitäten doch ganz reichlich bemessen und die Höchstpreise in Anbetracht der Zeitverhältnisse müßig zu nennen. Fleisch erhält man etwa 800 Gramm pro Woche, so daß man sich nach der Heimkehr nach den Fleischtöpfen Mergentheims zurücksehnen wird. In meinem vorjährigen Reis'ebrief aus Mergentheim (vgl. Nr. 36 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. September 1915) berichtete ich bereits über die hiesige jüdische Gemeinde und ich kann die damals gewonnenen Eindrücke nur aufs neue bestätigen. Wenn man auch durch die verhältnismäßig große Garnison wie durch die Lazarette an den Weltkrieg erinnert wird, so herrscht hier doch gewissermaßen Frieden im Krieg, wozu die oben geschilderten Ernährungsverhältnisse wesentlich beitragen. Besonders angenehm kommt diese friedliche Stimmung innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinde am Freitag und am Sabbat zur Geltung. Die Mitglieder der Gemeinde, die während der Woche geschäftlich verreist waren, eilen am Freitag nach Haufe. Man merkt an allen Vorbereitungen, daß der Sabbat naht. Da werden, wie in den schönsten Friedenszeiten, Barches gebacken, und das Schalent, die edle Götterspeise, wie Heine sie nennt, wird zum Bäcker getragen, um am Sonnabend, mittags Punkt 12 Uhr, heiß und duftend, von den geschäftigen Mägden wieder heimgeholt zu werden. Man glaubt, sich in die Zeiten versetzt, die A. Bernstein so meisterhaft in seinem „Vögele der Maggid" schildert. Denn es fehlt hier auch nicht an dem „Erew", der am Sabbat die „Gebiets-

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