Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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380 dieser vertriebenen Familien wurde von einem Unglücksfall betroffen. Eines ihrer Kinder, ein sechsjähriges Mädchen, fiel vom Wagen, auf dem es faß, und starb augenblicklich. Den Eltern , wurde von dem eskortierenden Offizier verboten, den Leichnam aufzuheben und zu begraben. Die schrecklichsten Fälle ereigneten sich in Kowno. Personen, die tags zuvor gutgestellt gewesen waren, waren innerhalb 20 Stunden an den Bettelstab gebracht worden. Schwangere Frauen und junge Mädchen, die monatelang gemeinsam mit russischen Frauen in den Kranken- und Vorratshäusern des Roten Kreuzes gearbeitet hatten, wurden unter Gewährung einer Frist von 24 Stunden vertrieben. Sie waren reich, sie hatten Tausende von Rubeln für Verwundete und andere unter dem Kriege Leidende gegeben, und ein Dumaabgeordneter, der dann später in der Volksvertretung hierüber berichtete, fand sie an einer Eisenbahnstrecke am Boden liegend, nur im Besitz der Kleider, die sie trugen. Derselbe Mann sah, wie Soldaten, die ihre Glieder verloren hatten, und andere Personen, die mit dem St. Georgskreuz dekoriert waren, von der Polizei brutal aus ihren Geburtsstädten vertrieben wurden, wohin sie von ihren einstigen Militärbefehlshabern zurückgeschickt worden waren. Zurückkehrende verwundete Soldaten mußten zusehen, wie ihre Frauen und Kinder weggejagt wurden. Juden wurden wie Vieh in offenen Güterwagen verschickt. Die Behörden, die den Auftrag erhalten hatten, sie wegzusühren, erhielten für sie von einer Person Eisenbahnscheine, wie man sie für ausgegebene Güter erhält, auf denen geschrieben stand: „450 Juden". Es kam auch vor, daß die Gouverneure der Provinzen, wohin die Juden verschickt wurden, sich weigerten sie auszunehmen. So mußten in Wilna ganze Züge mit Juden vier Tage aus der Bahnstrecke stehen, ohne daß den Insassen erlaubt wurde auszusteigen oder Nahrung von ihren Glaubensbrüdern anzunehmen. Die Bedauernswerten waren von Kowno nach Poltawa getrieben worden, wo indes der Gouverneur ihnen aus keinen Fall zu bleiben gestattete. Er schickte sie nach Kowno zurück, von wo sie später an einen anderen Bestimmungsort gebracht wurden. Auf einem einzigen Bahnhof in Wilna mußten 110 Wagen länger als 14 Tage vollgepackt mit vertriebenen Juden stehen — und das in einer Zeit, wo die militärischen Befehlshaber sich über Mangel an Eisenbahnzügen und Wagen zur Beförderung von Munition an die Front beklagten. Jede nur erdenkliche Schmähung wurde gegen diese unglückliche jüdische Rasse ausgesloßen, die in Rußland Proben wirklicher patriotischer Gefühle gegeben und ein solches Geschick nicht verdient hat. Vielleicht werden manche von denen, die diese Zeilen lesen, sagen, daß alles, was ich hier erzähle, nicht mit den Berichten von Korruption übereinstimmt, die. die russische Intendantur bekanntgemacht hat und bei der das jüdische Element eine so hervorragende Rolle spielte. Auf diesen Einwand erwidere ich, daß diejenigen Personen innerhalb der jüdischen Bevölkerung Rußlands, die aus dem Kriege Vorteil gezogen haben und mit den verschiedenen Armeelieferungen zu tun hatten, die so vielen gewissenlosen Leuten Reichtümer verschafft haben, weit entfernt verfolgt zu werden, vielmehr jeden erdenklichen Schutz in amtlichen russischen Kreisen erhielten. Und dies immer, während gleichzeitig die ärmeren Klassen und die wahren jüdischen Patrioten, die willig mit dem russischen Soldaten in den Kampf zogen und tapfer dem Feinde trotzten, allen Ausnahmegesetzen und der Atmosphäre von Haß und Dummheit, Mißtrauen und Furcht zum Opfer sielen, in der seit undenklichen Zeiten das amtliche Rußland und die führenden Klassen leben und gedeihen. Kann man sich da wundern, wenn man hört, daß bei der ärmeren jüdischen Bevölkerung in Polen und Litauen alle Sympathien den Deutschen und einer deutschen Annexion des Landes gehören, in dem sie lebt? Wenn einst die Friedensfräge ernstlich behandelt werden wird, dann wird vielleicht die jüdische Frage eine der schwierigsten sein. Bis indes dieser Tag kommt,, sei es erlaubt, sein Bedauern. darüber auszudrücken, daß die russische Regierung, statt zu versuchen die Sympathien der jüdischen Untertanen für sich zu gewinnen, alles getan hat, was sie konnte, um sie von sich zu entfernen und sich so Feinde zu schaffen, deren Einfluß trotz allem nicht unwesentlich ist. Dir Juden in Lheinhellen. Mainz, 10. Juli. ie hundertjährige Zugehörigkeit der Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen ist auch in allen jüdischen Gemeinden dieser Provinz dem Ernste der Zeit entsprechend schlicht und einfach vollzogen worden. Zumeist beschränkte sich die Feier auf eine Festpredigt des Rabbiners, die dieser am Sabbat dem 8. Juli, dem Tage der Feier, hielt. Die allgemeine Geschichte der Uebergangszeit von 1814 bis 1816, die Geschichte der Einverleibung Rheinhessens in Hessen ist noch zu schreiben, um wieviel mehr die besondere der rheinhessischen Juden jener Zeit. Sie kann erst geschrieben werden, wenn all das weitschichtige Material, das noch in den Archiven — jüdischen wie christlichen — liegt, geordnet und durchgearbeitet ist. Der 8. Juli 1816 ist der Tag, an dem Rheinhessen hessisch, er ist aber auch — und das ist auch für uns Juden die Hauptsache — der Tag, an dem es wieder deutsch, für alle Zeiten deutsch geworden ist, denn die rheinhessischen Juden haben auch während der sranzösischen Zeit niemals aufgehört, deutsch zu fühlen und deutsch zu denken. Das heutige Rheinhessen ist eines der buntesten Flecken auf der bunten Karte des heiligen römischen Reiches gewesen. Wieviel Armseligkeit, wieviel Unrecht und Unterdrückung ihre bunten Farben decken, ist nicht zu sagen. Die alte Zeit ist für das heutige Rheinhessen, ganz besonders aber für die dort wohnenden Juden, sicher nicht die gute alte Zeit gewesen. All diesen Dutzenden von Gebietsteilen mit ihrem wirren Netz von Grenzen hat der Einmarsch der französischen Heere ein jähes Ende bereitet. Auch alle Ausnahmen in der staatsbürgerlichen Stellung der Juden waren damit aufgehoben. Man muß aber nicht glauben, daß die Juden in Rheinhessen nun ihr Leben in hellem Jubel hätten verbringen können. Die ersten Jahre der sranzösischen Herrschaft waren für alle Einivohner schwere Jahre, und ganz besonders lastete der Druck auf den Juden, die, damals nur auf den Handel angewiesen, doch nur in einigermaßen blühenden Zeiten sich auskömmlich ernähren konnten. Es ist deshalb auch nicht richtig, wenn moderne französische Historiker behaupten, ihre Landsleute seien überall links des Rheines mit offenen Armen ausgenommen worden. Bon Interesse mag sein, was Prof. Rabbiner Salfeld in dieser Beziehung in seinen „Bildern aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Mainz" (Mainz 1903) zu sagen weiß: „Trotz der erlangten Freiheiten", so heißt es dort, „gab es viele Juden, die der so plötzlich gewonnenen Freiheit nicht recht trauten. Den Eindruck, den die Eroberer machten, mehrte ihr Mißtrauen. Mancher Besonnene hielt die durch die neuen Zustände geweckte Begeisterung für einen Rausch, der bald verfliegen, Unbehagen und Enttäuschung zurücklassen konnte. Zum Lobe der Juden jener Zeit muß es gesagt werden, daß sie treu zum Reiche standen, der kurfürstlichen Regierung ergeben und für jede Fürsorge dankbar waren. Wenn wirUeberlieferungen trauen dürfen, dann hat man sranzösischerseits Juden zwingen müssen, patriotisch zu sein. Ihre Anhänglichkeit an Deutschland bestätigen Aufzeichnungen in alten Vereinsbüchern. So gibt Michael Hausen, der Maggid der Beerdigungsbruderschaft, 1793 in einem