Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-11 · Heft 32 (11.8.1916) · p. Seite 379

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 32 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
Seite 379 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229265--72434-3284876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

379 niemals die Bedeutung der Worte „Niederlage" und „Mißlingen" gekannt hat. In Deutschland hat sich der Wohlstand der Juden, der stets sehr groß gewesen war, während des Weltkrieges zehnfach vergrößert. Natürlich wurde diese Tatsache jenseits der Grenze bekannt, und die russischen Juden, die ihr eigenes Geschick mit dem ihrer Glaubensbrüder auf der anderen Seite verglichen und sich voll bewußt waren, ihrem Lande mit ihrem Blute gedient zu haben, wurden eifrige Gegner der russischen Regierung und werden, wenn man vom Frieden reden wird, all ihren Einfluß gegen jene Regierung auswenden und dafür arbeiten, daß die Polnischen Provinzen und Litauen nicht an Rußland zurückgegeben werden. Man darf nicht vergessen, daß sich die russischen Juden in diesem Kriege als durchaus treue Bürger gezeigt haben und vor keinem Opfer zurückgescheut sind, das der Staat oder die Umstände von ihnen forderten. Sind sie jedoch für ihren Patriotismus belohnt worden? Das ist eine andere Frage, und es schadet vielleicht nicht, gerade jetzt einige Tatsachen vorzubringen, an deren Wahrhaftigkeit kein Zweifel bestehen kann. Denn sie wurden offen in der Duma erörtert, in jener bedeutsamen Sitzung, wo die ganze Nation ihre Entrüstung über die Politik einer Regierung zeigte, die unter ihren Führenden einen Mann wie Goremykin hatte und sich durchaus unfähig zeigte, sowohl die Interessen des Landes wahrzunehmen als auch dieses gegen den Einfall des Feindes zu verteidigen. Unter allen brennenden Fragen des Zarenreiches war die Judensrage sicher eine der verwickeltsten und schwierigsten. Bereits lange vor Kriegsausbruch hielt man in den intelligenteren Klassen allgemein die Zeit für gekommen, wo man der großen Verschiedenheit im Genuß der Rechte ein Ende machen müsse, die zwischen den jüdischen und den christlichen Untertanen des Zaren bestand. Unglücklicherweise wurde dieser Gedanke weder von den Militärnoch von den Zivilbehörden geteilt. Diese betrachteten nicht nur alle Juden mit Mißtrauen, sondern hielten sie auch für die Sicherheit des Staates für gefährlich. Natürlich prägte sich dies Gefühl mit Kriegsausbruch noch nrehr aus, und zwar obwohl die Juden sich auch da, wo sie nicht dazu gezwungen waren, in großer Zahl zum Kriegsdienst meldeten. In vielen Fällen boten sich Juden an, als Soldaten zu dienen, obwohl sie das Recht gehabt hätten, als Offiziere in das Heer einzutreten. Sie wußten aber recht gut, daß man ihnen dies nicht gestatten würde, und da wollten sie sich lieber als Freiwillige schlagen als ganz und gar abseits zu stehen. Jüdische junge Leute, die im Auslande studiert hatten, kehrten unaufgefordert in die Heimat zurück, um sich ins Heer einreihen zu lassen. Die Juden bauten Krankenhäuser, schenkten große Geldsummen und versuchten sich in jeder Weise an der Arbeit zum Besten Rußlands zu beteiligen. Wie wurde ihnen diese Treue vergolten? Sehr bezeichnend dafür ist eine Stelle aus dem Briefe eines nach Amerika ausgewanderten jüdischen Studenten, der in der Duma vorgelesen wurde und nicht wegdisputiert werden kann: „Ich wagte in vollem Bewußtsein der mir drohenden Gefahren mein Leben und kehrte bei Kriegsausbruch in die Heimat zurück. Ich stieg in Archangelsk ans Land, wurde in das Heer eingestellt und verlor meinen linken Arm. Nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte, wurde ich in Kurland zurückgelassen, und als ich in Riga meine Heimat erreichte, da traf mich am Bahnhof der Anblick meiner Familie. Sie wartete auf den Zug, der sie an einen unbekannten Aufenthaltsort entführen sollte. Ich muß sagen, daß ich nicht so sehr den Verlust meines Armes beklage als vielmehr den Verlust meiner Menschenwürde. Denn in Amerika ward ich als Mensch angesehen." Es ist eine traurige Tatsache, daß die russische Regierung niemals die Gefühle zu schätzen wußte, die so viele junge Juden dazu trieben, sich in Reih und Glied zu stellen und ihr Blut ans den Schlachtfeldern zn vergießen. Unglücklicherweise ist die russische Obrigkeit der Meinung, daß unter Patriotismus nicht etwa die Liebe zum Vaterlande zu verstehen sei, sondern die Unterwerfung unter den Willen derer, die es regieren, sowie die Billigung aller ihrer Maßnahmen, einschließlich der gegen die Juden gerichteten. Während die jungen Juden ihr Blut für ihr Vaterland vergossen, wurden ihre Mütter, Frauen und Kinder in Massen von ihren früheren Heimstätten verjagt, hilflos und elend darauf angewiesen, von der Barmherzigkeit einer unbarmherzigen Welt zu leben. Diese Strenge erstreckte sich auch auf solche Juden, die auf dem Schlachtfelde verwundet waren. Sv wurde einem jüdischen Soldaten, Alexander Regeff, der infolge einer Wunde auf beiden Augen erblindet war, nicht erlaubt, in dem Krankenhaus in Rostoff zu bleiben, wohin er gebracht worden war, er sollte vielmehr in seine Heimat nach Kalisch znrückgeschickt werden, noch ehe seine Wunde geheilt war. Und dies, nachdem Kalisch in die Hände der Deutschen gefallen war. Einflußreiche Personen legten sich jedoch ins Mittel, und mit ungeheurer Mühe gelang es, für ihn die Erlaubnis zu erhalten, dort zu bleiben, wo er war. Einem Apotheker, der eine gefährliche Wunde in der Brust erhalten hatte, sollte nicht gestattet werden, bis zn seiner Genesung in Petersburg zu bleiben. Dank der Anstrengungen mächtiger Freunde kam er daran vorbei, aus seinem Bette gezogen zn werden, erhielt sogar die Erlaubnis, zwei Atonale in der Hauptstadt zn bleiben. Dies jedoch ncir mit dem ausdrücklichen Bescheide, daß die Behörden nie lvieder mit Gestichen betreffend seiner Person belästigt werden dürften. Um die wunderliche Auffassung zn zeigen, die einige der höchsten leitenden Männer in Petersburg durchsänerte, genügt die Erwähnung der Tatsache, daß der Minister des Innern — Maklakoff —, obwohl er an seine Beamten ein Schreiben erlassen hatte, in dem er den Judenfamilien, deren Männer und Versorger an der Front ständen, erlaubte, in ihren Heimstätten zu bleiben, nichts von den Familien derer gesagt hatte, die verwcindet in den Krankenhäusern lagen. Diese wurden unbarmherzig ans ihren Häusern hinausgelvorfen, wenn sie dorthin zurückkehrten. Von Anfang des Krieges an wurden alle Juden verdächtigt, Spione des Feindes zu sein, und heftiger verfolgt als je zuvvr. Die jüdische Bevölkerung wurde in Massen vertrieben, nicht nur aus dem Königreich Polen, sondern auch aus allen Provinzen des russischen Kaiserreichs. Ohne die allergeringste Warnung wurden sie nach dem dunkelsten Sibirien oder in die nördlichsten russischen Gouvernements verschickt, wo es für sie beinahe unmöglich war zu leben. Aus einer kleinen polnischen Stadt, Moglinitza, wurden an einem einzigen Tage 5000 Inden vertrieben. Die Landstraße ging über Kalvaria nach Warschau. Diesen Weg dursten sie jedoch nicht benutzen, sondern mußten auf unzugänglichem Boden bis Lublin zurechtkommen, ohne daß sie das Geringste von ihren Habseligkeiten hatten mitnehmen dürfen. Die meisten von ihnen mußten den ganzen Weg gehen. Als sie Lublin erreichten, hatte das jüdische Hilfskomitee dort dafür gesorgt, daß sie bei ihrer Ankunft etwas Essen und Platz zum Ansruhen erhielten. Dies wurde ihnen jedoch nicht gestattet, sie wurden weitergejagt und erhielten nicht einmal Zeit zum Essen oder Erlaubnis, die Nahrungsmittel mitzunehmen, die ihnen von ihren Glaubensbrüdern angeboten worden waren. Eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.