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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-11 · Heft 32 (11.8.1916) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 32 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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378 Allerdings ist hier eine gewisse Geschicklichkeit, die taktvoll über Schwierigkeiten hinwegführt, die Majorität nicht ansnutzt und auch einmal dem Rechte des anderen zu weichen versteht, am Platze. Der Unterricht in der jüdischen Sprache ist in ukrainischen Schulen keineswegs ausgeschlossen, „wir wünschen im Gegenteil, daß die jüdische Sprache sich solche 'Rechte erobern möge, welche die Juden selbst anstreben". Ein Mensch, der vier Sprachen kann, hat den Wert von vier Menschen, sagt Frau v. Stael, der Jude aber im Osten Europas braucht dieses Luadruplum des Menschenwertes, um nur ein. „Vorwärts", kein „Zurück" zu kennen. Zum Vorwärts gehört eine gesteigerte Berufstätigkeit, Wirksamkeit auf anderen Gebieten als jenen, die halbasiatische Barbaren dem geknechteten Volke bisher zubilligten, die es selbst bevorzugte. Die Besiedlung von Land war stets ein Faktor der moralischen Hebung, sie diente zum Festwurzeln iin Staate, zur Herstellung freundschaftlicher Verhältnisse mit der Umgebung. Wollen die Juden dort unten sür alle Zeit „eine besondere, nach allen Seiten abgesonderte Vvlksmasse bilden"? Einer der ukrainischen Führer, Dr. Eugen Lewicky, Mitglied des österreichischen Reichsrats, beschäftigt sich in einer Artikelreihe über Galizien auch mit der dortigen jüdischen Bevölkerung. In den „Ukrainischen Nachrichten" vom 22. April sagt er unter anderem folgendes: Im großen und ganzen sind die Juden in derselben kulturellen Beschaffenheit, wie sie einst noch am Ausgang des Mittelalters in das Land eingezogen, bis auf den heutigen Tag geblieben; nicht einmal die Sitten und Trachten der Juden haben welche Aenderung erfahren!" Das wird keinesfalls als Tadel festgestellt. Es scheint, alle Parteien sind damit einverstanden, daß ein intelligentes Volk in der langen Nacht des Mittelalters für ewige Zeit verbleiben soll. Trostreich ist es, daß derselbe Artikel eine „jüdische Arbeiterschaft" erivähnt. Zu vielseitiger Arbeit gibt es in einem Lande, das zurzeit „als einer der wichtigsten Lieferanten von Weizen, Fleisch, Zucker, Salz, Eisen, Quecksilber und anderen Produkten für ganz Osteuropa gilt" wahrlich Gelegenheit. „L'Ukraine est saus contredit le pays le plus riebe de l’üurope et uu des plus riclies du munde entier, grace ä son climat, ä son sol extrememeut fertile et a la ricliesse des mmerais", wird in der „Revue Ukranienne" versichert und Aehnliches berichtet Gibbon in seiner Geschichte des römischen Weltreichs schon aus der Zeit der Goteuherrschaft. Die verlockende Beschreibung lautet also: „Die Goten waren nun im Besitze der Ukraine, eines Landes von beträchtlicher Ausdehnung und ungewöhnlicher Fruchtbarkeit, von Flüssen durchschnitten, welche sich auf beiden Seiten in den Borhsthenes ergossen, und mit großen hohen Eichenwäldern bewachsen. Der Ueberfluß an Wild und Fischen, die unzähligen Bienenschwärme in den Höhlungen alter Bänme und in den Felsenspalten, selbst in diesem rohen Zeitalter einen wertvollen Handelszweig bildend, die Größe des Hornviehs, die Temperatur der Luft, die Tauglichkeit des Bodens zur Hervorbringung jeder Kornart und die Ueppigkeit der Vegetation, alles verkündete die Freigebigkeit der Natur und lockte den Menschen zum Fleiße." Gibbon schilt die Goten, die trotz solchen Ansporns bei einem Leben des Müßiggangs, der Armut und des Raubes verblieben. Es sind dies Vorwürfe, die man den Juden nie gemacht, aber freilich, sie sind nicht Herren im Lande, sondern Knechte. In der russischen Ukraine dürften die Bestrebungen zur Bodenkultur auf gewaltige Schwierigkeiten stoßen. Es ist vielleicht nicht unangebracht, traurige Taten, die K. Botschkovsky in „Le Livre noir“ kürzlich veröffentlichte, hier wiederzngeben: ..Dans Fespace de temps, eompris entre 1906 et 1910, 21173 personnes ont trouve la mort dans les „pogrom“ ou massacres de juifs, et 31117 y furent gravement blessees; 37 620 deleniis politiques furent condamnes ä la deportation en Liberie ou au bagne; 4306 ä mort.“ Die Abschaffung so großer Grausamkeiten dürfte nahe sein, denn das russische Prinzip und der Vernichtungskampf gegen die Juden kann nicht siegen. Der Jude, der das Bürgerrecht in der ganzen Welt beansprucht, sei auch ein Bauer, wie er es vordem war. Unter den Psalmen findet sich ein Dank'liod des Volkes Gottes für die Fruchtbarkeit des Bodens: „Du lässest ihr Getreide wohl geraten, denn also bauest du das Land. Du tränkest seine Furchen und feuchtest sein Gepflügtes; mit Regen machst du es weich und segnest seine Gewächse. Du krönest das Jahr mit deinem Gut, und deine Fußtapfen triefen von Fett." Margarete M a r a s s e. Das Volk der Lerltreuung unter der Geißel des Krieges. Wiedierussi sch enJudenvondenMacht hadern b e h a n d e l t werden: A u s n a h m e b e st i m m u n g e n und Mißtrauen haben Tausende an den Bettel st ab gebracht. Von P r i n z e s sin R a d z i n> i l l. Aus dem Schwedischen von Felix Saul. iel ist über die Behandlung der Juden in Rußland gesagt und geschrieben worden, besonders seit Ausbruch des Krieges, als zum erstenmal in der russischen Geschichte die öffentliche Meinung in den konservativen Kreisen des Landes sich zugunsten der verfolgten Raffe aussprach und gegen die Maßnahmen protestierte, die die Verwaltung gegen die jüdische Bevölkerung des Kaisertums getroffen hatte. Jene Maßregeln waren nicht nur ungerecht in Beschluß wie in Ausführung, sondern auch in politischer Beziehung höchst unklug. Man braucht sie nur mit den von Deutschland angewandten Methoden zu vergleichen, um sofort die Fehler einzusehen, die begangen wurden, indem man sich in russischen Regierungskreisen bei Kriegsausbruch bemühte, die Juden in jeder Weise zu quälen und sie dadurch sozusagen dem Feinde in die Arme zu treiben. Die Gefahr, die in diesem Mißgriffe lag, wurde noch dadurch erhöht, daß ein großer Teil der Bevölkerung der von den Deutschen besetzten Provinzen aus Juden besteht, die nun Gelegenheit hatten, den Unterschied in der Behandlung zu sehen, die ihnen von den zwei Ländern zuteil wurde, denen sie nacheinander angehörten. Ich glaube, daß sich bisher noch niemand die Mühe gegeben hat, die Frage von diesem Gesichtspunkte aus zu studieren, und doch ist sie von hoher Wichtigkeit. In Deutschland wurde der Krieg ein Triumph sür die Juden, den sie in materieller und finanzieller Hinsicht seit langem errungen haben. Sobald der Krieg ausbrach, begannen die israelitischen Elemente in den Vordergrund zu treten. Sie boten der Regierung ihre Dienste an, erfaßten sofort, was zu tun war, und zeichneten sich durch ein unvergleichliches Geschick auf den Posten aus, von denen aus man gegenwärtig nicht nur den Vorrat an Waffen, sondern auch an Nahrungsmitteln im Lande kontrolliert. Ihr Geschick als Feldtelegraphisten, Kraftwagenführer und Lieferanten sür die Bedürfnisse des Heeres und des Landes war so groß, daß sie sich einen besonderen Platz im Herzen der Regierenden verschafften, die klug genug waren einzusehen, wie vorteilhaft es war, zu ihrer Verfügung den Reichtum und das organisatorische Vermögen einer Rasse zu haben, die mit Bezug auf materielle Fragen

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