Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-11 · Heft 32 (11.8.1916) · p. Seite 377

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 32 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
Seite 377 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229265--72432-3284874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

377 -- seit Jahrhunderten für die Auferstehung des freien ukrainischen Staates. Stolz auf eine tausendjährige Geschichte, haben die Nachkommen eines einst kraftvollen Fürstentums ihre Selbständigkeit nie aufgegeben, immer wieder für ihr politisches Programm Propaganda gemacht. Doch erst dem Weltkrieg, der jede Nationalitätenfrage neu belebte, war es beschieden, das ukrainische Problem in die europäische Oeffentlichkeit zu rücken. Der brennende Wunsch nach Autonomie, nach Unabhängigkeit, Sprachentwicklung in dem ausgedehnten Landstrich zu beiden Seiten des Dnjepr, dem großen Gebiet, das schon im Altertum den verbindenden Weg zwischen zwei Erdteilen gebildet, hat den „Bund zur Befreiung der Ukraine" ins Leben gerufen. Sein Organ, die in Wien erscheinenden „Ukrainischen Nachrichten", verzeichnen bereits den dritten Jahrgang. In kurzer Zeit ist eine reiche Literatur in ukrainischer Sprache, die kein moskowitischer Dialekt, auch keine Polnische Mundart, sondern ein Idiom von eigenem Typus ist, selbst die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Petersburg mußte diese Tatsache bestätigen, entstanden. Selbstverständlich kämpfte die ukrainische Intelligenz aus russischem Boden mit höchst negativem Erfolg, dagegen wurde sie jenseits der Grenze gastlich ausgenommen. Professoren, die in Kiew nicht dozieren dursten, fanden in Lemberg eine Kathedra. Erst in den letzten Tagen empfing der österreichische Minister des Aeußern, Baron Burian, die ukrainischen Führer in langer Audienz. Es ist wohl anzunehmen, daß in dieser Konferenz auch die Judensrage berührt wurde. Im großen und ganzen wohnen im ukrainischen Gebiet ungefähr 3 Millionen Juden. Das Land wird fast ausschließlich von Ukrainern besiedelt, während die Juden Stadtbewohner sind, ja „es gibt ganz ansehnliche Städte, wo die Juden eine absolute, manchmal sogar ganz enorme Majorität darstellen". Als gemeinsames Motiv der Sympathie zwischen den Ukrainern und den Israeliten Rußlands dient der Auflehnungsgedanke gegen Entnationalisierung und Bedrückung. In der Tat ist bei politischen Bestrebungen zu beiden Seiten der Grenzsteine eine Art von jüdisch-ruthenischer Allianz entstanden, die aber nicht allzu tiefe Wurzeln geschlagen haben dürfte. Die zukünftigen Lebensformen des jüdischen Volkes im Osten, das ganz anders um Gleichberechtigung kämpfen muß wie die Glaubensgenossen der wohlhabenden und gebildeten Kreise in zivilisierten Ländern, das bei der steten Unsicherheit seiner Lage zum Teil einen wenig erfreulichen Tiefstand der Kultur bekundet, beschäftigt die „Ukrainischen Nachrichten" häufig und in keineswegs gehässiger Weise. Als ein Glied der Bewegung, im Zusammenhang mit dem eigenen Fortschreiten wird die Judenfrage behandelt. Die Kooperation im Felde der Politik befürwortet man aus praktischen und aus Gerechtigkeitsgründen. Dagegen ist von einer wirtschaftlichen Entwicklung und Hebung dieser nationalen Minorität, von ihrer Einverleibung in die Allgemeinheit nicht die Rede, ja, sie wird glatt abgewiesen. In einem Artikel: „Die Juden im Osten und die Nationalitätenfrage" (Nr. 73, fr. Februar 1916) betont der Verfasser, der nur mit den Buchstaben bl. M. unterzeichnet, daß die Juden osteuropäischer Länder überall besondere, scharf abgegrenzte Gruppen bilden, daß schon ihre Sprache, der deutsch-jüdische Dialekt, den sie im 14. Jahrhundert aus Deutschland in chre neue Heimat mitgebracht, eine Assimilierung unmöglich mache: „Die jiddische Sprache ist ihrem Wortschätze, ihrer Flexion und der Syntax nach nichts anderes als die alte mittelhochdeutsche Mundart, die durch die Einschiebung einzelner hebräischer und slawischer Worte von den Juden selbst „vervollständigt" wurde. — Diese sprachliche Verschiedenheit des Judentums von der Ortsbevölkerung trägt wesentlich dazu bei, daß die echnische und nationalkulturelle Grenze zwischen der jüdischen Volksmasse und den übrigen Nationalitäten des Ostens um so schärfer hervortritt." An anderer Stelle: „Die Inden sind im europäischen Osten nichts anderes als — Juden und müssen auch nur als solche betrachtet werden." Das Blatt kommt zu dem Schluß: „Schon jetzt können wir konstatieren, daß sich die Ukrainer stets für die kulturell-nationale Autonomie der Juden auf ihrem Gebiete schon aus Rücksichten der Gerechtigkeit und Billigkeit allein erklärt haben und daß sie auf diesem prinzipiellen Standpunkt verbleiben werden. Auf verschiedene Kalkulationen der sogenannten Assimilatoren können wir jedenfalls nicht eingehen, schon aus dem Grunde, weil sich die Assimilierungsarbeit — zumindest insofern unsere Länder in Betracht kommen — als ein politisch! und kulturell ganz verwerfliches Mittel erwiesen hat", usw. Gegen ein solches Programm, durch welches ein Volk von 3 Millionen in einem gewaltigen Ghetto verbleiben soll, nrüßte sich meines Erachtens, trotz der politischen Zugeständnisse, begründeter Einspruch erheben. Die „Ukrainischen Nachrichten" jedoch (Nr. 76 und 77) drucken einen Artikel aus dein „Wochenblatt", dem in Kopenhagen im Jargon erscheinenden Organ der skandinavischen Zionisten, ab, in welchem mit besonderer Befriedigung festgestellt wird, daß die Juden in Osteuropa nichts anders sind und bleiben sollen als eben Juden. Bei so scharfer Einschränkung gipfeln die Ausführungen doch in dem Wunsche, „daß diese Erklärungen, von verschiedenen Seiten kommend, nicht bloß als im Kampfe der Ukrainer mit ihren anderen Nachbarn geschleuderte Worte zu betrachten sind, um die Juden als Verbündete zu gewinnen, sondern einer inneren Ueberzeugung entsprechen, die bei jeder sich! bietenden Gelegenheit durch Taten zum Ausdruck gelangen wird." Ich bin sicher, daß diese Auffassung nicht allgemeine Billigung finden wird. Sehr wohl denkbar erscheint eine innigere Verschmelzung der Völker ohne Ausgeben des Glaubens und der Ueberzeugung. Die sprachliche Verschiedenheit kann nur als gewolltes Hindernis bei dem Zusammenfließen mit der einheimischen Bevölkerung zitiert werden. Sollten sich die Juden mit ihrer Energie und Intelligenz nicht die Sprache ihrer Umgebung aneignen können, wenn sie es nicht schon längst getan haben? Das Hebräische würde dadurch nicht tangiert, es bliebe bestehen für die Gelehrten und Rabbiner, wie das Latein für den Kultus der katholischen Kirche als Weltsprache weiter wirkte. Das Jüdische aber, die Volkssprache, von Millionen von Menschen auf zwei Hemisphären geübt, mit einer sich entwickelnden, höchst wirksamen Literatur, ist überhaupt nicht mehr vom Erdboden zu vertilgen. Anzuerkennen sind einige Fortschritte, die in jüngster Zeit in bezug auf die Schulfrage gemacht wurden. In verschiedenen Ortschaften rief man gemeinsame ukrainische Schulen für die ukrainischen und die jüdischen Kinder ins Leben. Auch an der lokalen Schulverwaltung sollen die Juden entsprechenden Anteil haben, ohne daß die Schulen, und das ist wohl begreiflich, ihren ukrainisch-nationalen Charakter einbüßen. Daß die Juden in den Städten, wo sie ja in der Mehrheit sind, eine ukrainische Schule verwalten, bleibt ausgeschlossen, damit, wie die „Ukrainischen Nachrichten" (Nr. 88/89, 27. Mai) sich ausdrücken: „Die Ukrainer und judenfeindlichen Elemente keine Waffe für die antisemitische Agitation in die Hand bekommen". Es wird das folgende Argument hinzugefügt: „Wir müssen dies mit Rücksicht auf die ukrainisch-jüdischen Beziehungen auf dem Lande vermeiden, wo es um so leichter sein wird, den jüdischen Minderheiten einen entsprechenden Anteil an den Schul- und Gemeindeangelegenheiten zu sichern, je weniger die Juden ihr Uebergewicht in den Städten ausnutzen werden."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.