Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 die sich nicht Zu den Waffen begeben, unweigerlich fortgeführt würden. Hierauf gab Lord Loreburn eine scharfe Antwort: Den polnischen Juden sei gesagt worden: „Wenn du nicht in der britischen Armee dienen willst, so hast du dich nach Rußland oder Polen zu begeben und nirgends anderswohin/' Dieses Vorgehen sei unwürdig aller Traditionen Englands. Auch der Marquis von Lansdowne kennzeichnete das Dilemma, in das man die Juden brachte, indem man sie Zwang, in ihr Land zurückzukehren, wo sie der Unterdrückung und der härtesten Behandlung ausgesetzt seien. Die Regierung wurde ansgefordert, sich der Frage anzunehmen und die Deportation so lange einzustellen, bis sie zu einer Entscheidung gelangt sei. Sodann ist aus einer norwegischen Zeitschrift ein Artikel mitzuteilen, der, wenn er auf Wahrheit beruht, das freiheitsliebende England geradezu als Henkersknecht Rußlands dokumentiert. Der Artikel, der ja gewiß in nächster Zeit seine Bestätigung oder Widerlegung erfahren wird, hat folgenden Wortlaut: Die englandfreundliche Zeitung „Verdensgang" veröffentlicht aussehenerregende Mitteilungen über die Behandlung russischer politischer Flüchtlinge und russischer Inden, die seit Jahren glaubten, in England ein sicheres Asyl gefunden zu haben. Danach hat die englische Behörde von 300 000 Flüchtlingen, die in London weilen, 25 000 Juden ausgewählt und sie vor die Wahl gestellt, entweder nach Flandern als Soldaten zu gehen oder an Rußland ausgeliefert zu werden. Diese 25 000 Mann stehen, wie ein entkommener Flüchtling in der „Verdensgang" erzählt. Tag und Nacht unter Polizeibewachung. Die politischen Flüchtlinge würden jedoch föitm nach Flandern, sondern, wie es tatsächlich bereits geschah, der russischen Knute oder dem Galgen ausgeliefert. Rußland schlage so zwei Fliegen mit einer Klappe. Es erhalte 25 000 verhaßte Juden als Kanonenfutter, und die jungen russischen Akademiker, die aus politischen Gründen 31t Tausenden dem Zarenreiche den Rücken gekehrt haben, werde Rußland an der Front sicher auf Uriasposten stellen, um sie so schneller los zu werden. Noch wahrscheinlicher sei, daß man sie sofort an den Galgen knüpfen oder nach Sibirien senden werde. Mit Maxim Gorki wäre sicherlich ein gleiches geschehen, falls man nicht Europas Entrüstung befürchte. All die jungen Menschen, die man jetzt ans London gewaltsam den Nusien in die Arme treibe, Studenten, Juristen, Ingenieure, Schriftsteller und die verhaßten Juden, die schon in Friedenszeiten in Rußland wie in der Hölle lebten, seien jetzt mit einem Male gut genug, um für ihr Vaterland in den Kampf zu gehen. Wie Negersklaven stopfe man sie in London an Bord von Segelschiffen, die nach Archangelsk und Alexandrowsk gehen. Seit mehreren Wochen fahren täglich ein Paar solcher Sklavenschiffe von England ab, und so werde es weiter gehen, bis alle „Landesverräter" auf russischer Erde „in Sicherheit" gebracht seien. Von ihrem Vaterland hätten sie eigentlich wohl eine andere Behandlung erwartet, aber ----- so schließt der Bericht — hätte man nicht von England, dem großen „Beschützer der Kleinen und Unterdrückten" mehr Menschlichkeit erwarten müssen? In diesen Tagen wurden mehrere Bersanunlungen der in Christiania wohnenden Russen abgehalten, die an die englische Regierung eine Eingabe in dieser Angelegenheit richten wollen. Gern flüchten wir aus diesen Greueln in die friedliche Vergangenheit, die uns ja heute als ein Traum erscheint, und geben der folgenden Mitteilung der „Frankfurter Zeitung" Raum in der Hoffnung, daß es uns vergönnt ist, auf die hier angedeuteten Untersuchungen später ausführlicher zurückzukommen. Aus zp \ u 0 Z a s I u g e u d z e i t. Die Gedenkschrift, welche die Portugiesisch-israelitische G e m eiude in A m sie r d a in anläßlich des dreihundertjährigen Bestehens ihrer Lehranstalten Talmud-Thora und Ets Chajim herausgegeben hat, bietet mancherlei Bereicherullg unserer spärlichen Keuutliisse über Spinozas Jugend- und Entwicktuugsjahre. Die berühmte Schule, welche der Philosoph später besuchte, ist bereits am 20. Mai 1616 gegründet worden, als die Genossenschaft Talmud- Thora es übernahm, für ihre Erhaltung Sorge zu tragen. Tie Mittel wurden ausschließlich durch freiwillige Beiträge aufgebracht. durch Selbstbesteuerung und Spenden der Gemeindemitglieder. Der Unterricht und die Lehrmittel waren für arm und reich unentgeltlich, jede der drei Klassen hatte ihren eigenen Lehrer (in der oberen unterrichtete schon damals Chascham Morteira, der als Lehrer Spinozas bekannt ist); jede hatte auch eine eigene Bibliothek zur Verfügung. Eine zu diesem Zwecke eingerichtete hebräische Druckerei stellte die notwendigen Bücher her. Das erste Schulgebäude wurde 1620 in der Houtgracht eingerichtet, wo Spinozas Eltern später gewohnt haben. Zu den Deputiertender Gemeinde, die den Gründungsakt vollzogien und dem neuen Institut die Wege ebneten, gehört Abraham Israel Espinosa, vielleicht der Großvater des Philosophen. Unter den zahlreichen ersten Mitgliedern, deren Namensunterschrift jetzt im Faksimile vorliegt, finden wir nebeneinander vier „despinoza", freilich nicht Baruchs Vater Michael, der wahrscheinlich damals noch zu jung war, jedoch schon 1635 zu den Vorstehern des Instituts „Talmud-Thora" gehörte. Er hatte damals Gelegenheit, über bedeutsame Maßnahmen mitzuberaten. Um den weiteren Ausbau der Schule zu ermöglichen und begabten Zöglingen die Mittel zu gewähren, sich ohne Sorge um ihren Lebensunterhalt dauernd der Wissenschaft zu widmen, wurde 1637 der Fonds „Ets Chajim" gebildet. Wiederum war die Opferwilligkeit so groß, daß die für damalige Zeit unerhörte Summe von 2500 fl. jährlich an Gehältern und bis 1653 ebensoviel an Unterstützungen für bedürftige Schüler gezahlt werden konnten. Die Schule wurde siebenklassig ausgebaut und dem Schutz der 1639 gebildeten Gemeinde übergeben, deren Stolz und Ruhmestitel sie bildete. Zu den ersten, welche als „Jrmaos" der neuen Genossenschaft beitraten, gehörte Michael d'EsPinoza; er spendete 70 fl., davon 52 als Geschenk, 18 als Beitrag für sich und seine beiden noch im Knabenalter stehenden Söhne Isaak (gestorben 1649) und Baruch. 1641 wurde ihm die Ehre zuteil, zum Präsidenten der Schulverwaltung erwählt zu werden. Der Raine seines berühmten Sohnes aber wurde später, wahrscheinlich als er ans der Gemeinde ausgestoßen war, in der Mitgliederliste ge strichen. Unter den ersten Zöglingen, die eine größere Unterstützung, erhielten, befand sich Samuel de C a s s e r e s, der in den Amsterdamer Ehestandsregistern bei der Verheiratung mit Spinozas Schwester als „Studiosus" bezeichnet wird. Vielleicht muß auch die Spinoza von der Gemeinde angebotene Rente, in der man schlechtweg eine Bestechung sah, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet und milder beurteilt werden. Auch er hat die Schule zweifellos besucht, obwohl sein Name nirgends in den Listen zu finden ist. Man wünschte nicht, daß sein Name genannt wurde, und dennoch hat die Schule es nur dem Ruhme dieses Namenlosen zu danken, daß ihrer so häufig gedacht wurde, denn nie wieder hat sie einen Zögling von annähernd gleichem Namen besessen. * Wir schließen diese Uebersicht mit dem Wunsche, daß in absehbarer Zeit die Friedensaussichten sich verstärken mögen. Sollte aber, wie es ja leider den Anschein hat, der gewaltige Krieg noch weitertoben, so können wir nur das Gelöbnis wiederholen, auch unsererseits alles zu tun, was zur Ehre und Sicherung des Vaterlandes dient, und durch Taten den festen Willen zu bewähren, aus- und durchzuhalten zum Wohle und zum Heile unseres teuren Vaterlandes. Dir Juden in der Akrsinr. Verhältnisse in der Ukraine beanspruchen ein sich J&J stetig steigerndes Interesse. Nicht in letzter Linie für die dort angesiedelte jüdische Bevölkerung, deren Schicksal auf das engste mit dem spannenden Drama auf einer der Allgemeinheit etwas sagenhaften Weltenbühne verknüpft ist. Sind doch nach statistischen Feststellungen im gesamten ethnographischen Gebiet der Ukraina — in Rußland und in Galizien — 13 Prozent Inden, das heißt, eine fremdartige Rasse mit eigener Religion und Sittenlehre, Sprache und Literatur lebt und strebt auf ukrainischem Territorium. Der Volksstamm, dem unter russischem Zepter der Name „Kleinruffen" aufgedrängt wurde, für den auf österreichischem Boden „Ruthenen" die übliche Bezeichnung ist, der aber selbst den alten Namen „Ukrainer" wieder angenommen, kämpft