Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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375 die erwähnte Zeitung benutzt die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, daß aus Galizien 1300 Gesuche von Rabbinatskandidaten um Enthebung eingereicht seien, während es in ganz Galizien kaum 100 Rabbinatskandidaten gebe. Gewiß verurteilen wir solches Treiben, unter welchem Deckmantel es auch geübt wird, auss allerschärfste, müssen aber die Uebertreibungen des österreichischen Antisemitenblattes und die daran geknüpften Schlußfolgerungen als schamlos znrückweisen. Eine sehr seltsame Nachricht finden wir im „Leipziger Tageblatt", dem wir die Verantwortung für diese Meldung überlassen müssen. Es schreibt nämlich: 6 i h rl) i"l l i' v M c r c i c r s. Die billigen Lorbeeren des Märthrerrclhmes des Kardinals Mercier haben den G r o ß r a b b i n e r von Br ii f f e l, H e v r u B loch, nicht ruhen lassen. Nachdem Kardinal Mercier, ohne dafür belangt zu werden, es fertig gebracht hatte, Gott anheimzustellen, die Deutschen zu vernichten, hat Herr Grobrabbiner Bloch am Versöhnungstage in seiner Predigt die sieben äghptis ch e n P l a g e n aus das Haupt der Deutschen h e r a b g e f l eh t. So berichten das „Echo de Belge" und das „Allgemeeu Handelsvlad". Aber ..(Zuoä lleet «lovi, non beet bovi", was inan dem kindlichen Gottvertrauen des ach so harmlosen Kardinals Mercier zugute gehalten hat, hat marr dem Großrabbiner Bloch nicht hingehen lassen, sondern ihn kurzerhand verhaftet. Er kann sich bei Herrn Mercier für sein Schicksal bedanken. * Aus Amerika wird uns der Wortlaut des Schreibens zugeschickt, welches das Komitee des amerikanischen Kongresses an die jüdischen Organisationen in Europa, Südamerika und Australien geschickt hat. Es ist vom 5. Mai 19ir> datiert. Das Schreiben weist auf die mannigfachen Schädigungen der Juden in den kriegführenden Ländern hin und enthält als Forderungen der amerikanischen Juden und als Nichtfchrnlr für die Juden anderer Länder folgende Sätze: „1. Daß das Urteil der Juden in bezug auf die wirksamste Methode, unser Problem zu 'lösen, festgesetzt werde. 2. Daß die Forderungen der Juden bekannt gegeben werden, so daß sie in den internationalen Beratungen besondere Beachtung finden. 3. Daß die Juden auf diese Weise ihrem Entschlüsse, die Verantwortlichkeit für die Lösung des jüdischen Problems auf sich zu nehmen und durch persönliche Anstrengung und andere Opfer zu diesem Endzwecke beizutragen, Ausdruck geben. 4. Daß eine dauernde Organisation geschaffen werde, welche in der Lage sein soll, in dem Bestreben zu beharren, die Politik der Juden zn einem festen Abschluß zu bringen, und imstande zu sein, die finanzielle Verantwortlichkeit, um diese Politik zu dauerndem Erfolge zu führen, auf sich zu nehmen." Das ist gewiß alles sehr gut gemeint; ob aber der Aufruf irgendwelchen Erfolg haben wird, ist abzuwarten. lieber jüdische Angelegenheiten in Rußland wird uns von M. B. geschrieben: Der Minister des Innern hat laut „Russkija Wjedomosti" eine Erhebung eingeleitet, um genau sestzustellen, wie viele Juden in den Zentralgouvernements leben und welche Berufe sie ausüben. Das Ergebnis soll der Reichsduma vorgelegt werden als Grundlage zu einem Gesetzeserlaß betreffend das Wohnrecht. Demnach wird das Zirkular, das diese Frage früher geregelt hat, aufgehoben. Man vermutet, daß weitere Wohnrechtsbeschränkungen eintreten werden, wie es mit der Aufnahme in den Schulen schon der Fall ist. Nach den Bestimmungen des Ministeriums der Volksaufklärung von 1909 sollte der Prozentsatz der jüdischen Schüler in den Gymnasien des Anstedelungsgebietes 15, außerhalb desselben 10 und in den Hauptstädten 5 betragen. Für das Jahr 1916/17 wird schon eine neue Norm geplant mit einem geringeren Prozentsatz. Völlig unerwarteten Schwierigkeiten sehen sich jetzt die Juden in den russischen Kurorten ausgesetzt! Es wurde ihnen nämlich nicht verboten, die kaukasischen Bäder zu besuchen, aber ihr Aufenthalt hängt von der Gnade der Ortsbehörden ab. Dr. Natansohn schreibt der „Rjetsch" aus Pjatigorsk: Ich habe in zwei Wochen von keiner Judenausweisung gehört, aber die jüdischen Gäste müssen sich einer demütigenden Meldung bei der Polizei alle paar Wochen unterziehen. Man gibt ihnen von jeder Seite zu verstehen, daß sie unerwünschte Gäste sind. Im selben Hotel wohnte ich zusammen mit dem Syndikus eines großen Unternehmens in Kiew. Obgleich er als Akademiker das Wohnrecht besitzt, begnügte die Polizei sich nicht mit seinem Paß, sondern verlangte noch ein Universitätszeugnis. Man muß die Härten und Widersprüche der sogenannten „gesetzlichen Formalitäten" erlebt haben, uni zu begreifen, wie sehr sie den Juden den Aufenthalt vergiften. Es ist nicht zll vergessen, daß es heute nicht so einfach ist für Kranke, eine Heilquelle allszusuchen, und daß man hier unglaublich viel Kraft, Zeit llnd Geld allfwenden muß, um eine Fahrkarte llnd eine Wohnung zll erlangen. Die psychischen Eindrücke sind gerade dazil geeignet, die Wirkung der Kur zu llnterbinden, llnd die Haltung der Behörden wirkt ansteckend auf das Publikum, für das die Jllden zlim Sündenbock werden für alle Mängel der Organisation. Es sind sogar Fälle voraekommen, daß alte jüdische Frauen alls den Minerälbädern während des Badens fortgeschickt und in die größte Erregung versetzt wurden. * lieber die Juden in Rußland entnehmen wir ferner der „Frankfurter Zeitung" die folgenden zwei Nachrichten: Die I li d e n f r a g e it nb bi e A ulei h e n der Ent e ll t e. Die Abgesandten der russischen Reichsdmna lind des Reichsrates, die ans England, Frankreich und Italien zurückgekehrt sind, berichteten in der russischen Presse und in geschlossenen Sitzungen der Kriegskommissionen der Duma, des Reichsrates und der verschiedenen Parteien über die Eindrücke ihrer Reisen in den alliierten Staaten. Ohne Unterschied der Parteien haben, wie die „Indische Rundschau" feststellt, fast alle Delegierte den Eindruck gewonnen, daß die politischen lind insbesondere die finanziell e n I n t e r e s s e n R it ß l a n d s die A u f r o l l ll n g de r Indens r a g e in Rußland lmd geeignete Maßnahmen zur Erleichterung der Lage der Inden unbedingt erforderten. Pvinearo soll dem Abgeordneten des Reichsrates, Fürst Olsufjew, gesagt haben, die Erleichterung der Lage der Juden sei eine für Rußland aktuelle politische Angelegenheit, und er wünschte sehr, daß diese seine Meinung den einflußreichen Kreisen Rußlands bekannt würde. Auch die Abgeordneten der extremen Rechten erklärten, sie hätten die Iudenfrage vielfach unterschätzt. Sie hätten jetzt im Auslande die Neberzeugung gewonnen, daß ohne Erleichterung der Lage der Juden in Rußland die Erreichung einer Anleihe für die Alliierten in Amerika, wo gegenwärtig die Gelder hauptsächlich konzentriert seien, nicht zustande kommen könne. P. N. Miljnkow erzählte, daß diese Meinung besonders tu England vorherrsche und daß außer der Polenfrage die Frage der Rechte der Juden in Rußland die wichtigste sei, ans die die russischen Parlamentarier in ihren Gesprächen mit den Verbündeten Staatsmännern immer wieder gestoßen seien. D i e B e r t r e i b u ll g d e r r u s s i s ch e n I n d e n. Haag, 30. Juli. Im Oberhause tadelte Lord Sheffield es scharf, daß der Staatssekretär des Innern den russischen jüdischen Fl ü ch t l i n g e n die Alternative gestellt hat, entweder sich beim britischen Heer anwerben zu lassen oder nach Rußland ausgewiesen zn werden, und daß tatsächlich mit dieser Ausweisung bereits begonnen worden sei. Lord Sandhurst sagte im Namen der Regierung, daß für diese russischen Juden keine Ausnahmen geschaffen werden könnten, zumal da Briten, Franzosen, Belgier und Italiener,