Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229265--72429-3284871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
374 Zusammenschluß vieler erstrebte, auch solcher, die zum Gedeihen geistiger Tätigkeit nicht ihre Arbeitskraft, sondern Geld zu spenden in der Lage waren; warme, durch keine Zurücksetzung verdrängte oder geminderte Liebe zum Deutschtum, die er im Auslände eher festigte als schwächte und im Vaterlande, das ihm keine Palmen bot, unentwegt wahrte; treues Festhalten an seinem jüdischen Bekenntnisse, an dessen Ewigkeit er glaubte und dessen Wahrheiten als unerschütterlichen Schatz zu hegen er beflissen war. Mit allen diesen Kenntnissen und Fähigkeiten vereinigte er ein großes organisatorisches Talent, das keine Hemmnisse fürchtete und von keiner Widerwärtigkeit sich abschrecken ließ. Er war der geborene Präsident, der durch Takt und Geschicklichkeit Stürmen trotzte, Schwierigkeiten besiegte und durch seine Gewandtheit in freier Rede und in schlagfertiger Debatte selbst widerwillige Zuhörer unter seine Botmäßigkeit zwang. Als alter Kamerad, der 46 Jahre lang mit dem Gestorbenen gewandelt, wenn auch unsere Wege manchmal auseinander gingen, beklage ich in Gemeinschaft mit ungezählten anderen den herben Verlust. Für uns Aeltere ist ein solch trauriges Ereignis nicht nur die Erinnerung an vergangene Jahrzehnte gemeinsamen Wollen? und Schaffens, nicht bloß die Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen, sondern der schmerzerregende Gedanke an die Zukunft. Wir hoffen und vertrauen, daß wir nicht verwaist bleiben, aber wir sehen keine Erben und keine Nachfolger, lind doch toll dieser Gedanke uns nicht mutlos machen, denn aus der Vergangenheit schöpfen wir den vertrauensvollen Blick in die Zukunft. Die Freude, daß wir einen solchen Mann besessen haben, die Lust an dem, was dauernd von seinem Wirken zurückbleibt, mäßigt die Trauer und lindert den Schmerz. Das ist der Segen, der von einem Tüchtigen ausgeht. Dir Woche. Berlin, den 8. August 1916. er Krieg dauert fort mit allen seinen Schrecknissen. Die Nachrichten für uns sind nicht unerfreulich. Wir folgen mit wohlgemutem Vertrauen den Berichten unseres Generalstabes, weil wir sicher sind, daß uns in ihnen die treueste Kunde der Vorfälle überliefert wird. Aus diesen Berichten, die man immer mit den Berichten der Gegner vergleichen kann, die gleichfalls von unseren Zeitungen mitgeteilt werden, geht hervor, daß von seiten der Verbündeten nirgendwo ein größerer Erfolg erzielt worden ist, und wenn in unserer tragischen Zeit Platz zum Humor wäre, so möchte es geradezu komisch berühren, wenn ein französisches Blatt mitteilt, daß von der Pariser Konferenz auch eine Offensive der Saloniki-Armee vorgesehen sei und daß den großen Ereignissen der letzten Monate jetzt noch viel größere folgen würden. Von den großen Ereignissen, d. h. nach der Meinung unserer Feinde von ihren etwaigen großen Erfolgen, haben wir keine Kunde. Wir wissen nur, daß die Franzosen gar nicht, die Engländer sehr wenig vorgedrungen sind, daß der russische Angriff nach einem allerdings starken Vvrschreiten längst zum Stillstand gebracht worden ist und mit ungeheuren Verlusten der Russen geendigt hat, und können daher auch diesen neuesten Ankündigungen mit voller Ruhe entgegeusehen. Im Gegensatz zu dieseiu Scheitern der mit so vielem Pomp angekündigten großen Offensive ist darauf hinzuweisen, daß unsere herrlichen Armeen bei Sonvilte in der Nähe von Verdun vorgedrungen sind und damit einen wichtigen Fortschritt zu verzeichnen haben. Tie Hoffnung der Einsichtigen, daß Frankreich bald am Ende seiner Kraft angelangt sei, wird immer stärker; bisher ist aber noch keine Tatsache zu verzeichnen, daß das kriegsmüde Frankreich nun auch ein offenes Bekenntnis dieser Kriegsmüdigkeit ablegt. Die Drohungen dieses sogenannten Kulturlandes, mit Brandbomben unsere deutschen Erntearbeiten zu stören, läßt nicht eben auf Friedensbereitschast schließen. Mit Rumänien scheinen sich unsere Gegner wieder einmal gründlich verrechnet zu haben. Es sah eine Zeitlang so aus, als wenn dieser Staat, der seit fast zwei Jahren hin und her schwankt, sich offen auf die Seite der verbündeten Mächte schlagen wollte; die allerletzten Nachrichten machen jedoch den Eindruck, daß Rumänien wieder einmal in Ungnade gefallen ist, weil es vorzieht, in seiner Neutralität zu verharren und aus dieser von beiden Seiten Vorteil zu ziehen. Auch eine andere Hoffnung, das Unter seehandelsboot „Deutschland" bei seiner Abfahrt aus den amerikanischen Gewässern aufzufangen, ist gescheitert. Das wackere Schiff hat die hohe See gewonnen und wenn es auch bei seiner Weitersahrt gewiß noch manche Fährlichkeiten zu bestehen haben wird, so stärkt sich die Hoffnung, daß es mit seiner kostbaren und für uns so wichtigen Ladung in den heimischen Hafen zurückkehren werde. Unterdessen ist glücklicherweise die Erntearbeit in Deutschland in gutem Fortschreiten. Das Wetter, wenn auch nicht eben glänzend, ist doch dem Einbringen der Ernte erfreulich und günstig und die einstweiligen Nachrichten über den Ertrag sind im Vergleich zu den Meldungen über den traurigen Erfolg der vorigen Ernte so erfreulich, daß wir auch daran die schönsten Hoffnungen knüpfen können. $ Die antisemitische Zeitschrift „Auf Vorposten" ist wieder aufgelebt. Wir hatten uns früher vielfach mit ihr zu beschäftigen. Im November 1914 wurde sie verboten; nun ist als 12. Heft des dritten Jahrgangs eine neue Nummer im Juni 1916 ausgegeben worden. Sie setzt ihr wüstes Treiben fort. Zur Eharakteristik dieser Manier diene folgende Notiz: „Bei den Mvsaisten kommen 6743 Eiserne Kreuze auf 2579 Todesfälle, während bei den nichtmosaischen Kriegern die Todesfälle die Zahl der verliehenen Kreuze übersteigen." — Wenn der Herausgeber gegen die Zionisten auftritt, so müssen wir ihm ja leider unsere Sympathie bezeugen; daß er sich auf Seite des Generallandschaftdirektors Kapp stellt, ist seine Sache. In einem großen Aufsatz „Von der Macht des Geldes" bringt er gehässige, völlig unbewiesene Bemerkungen gegen Juden vor. So heißt es einmal: „Die Juden bereiten eine Umsturzbewegung durch künstliche Verteuerung der Lebensmittel und Aufsaugen des Bargeldes vor". Sonst hält sich die vorliegende Nummer von Anzapfungen der Juden ziemlich fern, wenn auch die von dem Verband, der die Zeitschrift herausgibt, eingerichtete Kriegsausknnftei offenbar nur den Zweck hat, Material zu sammeln, um später gegen die Juden aufzutreten. Man muß es aufs tiefste beklagen, daß in unserer Zeit ein Blatt es wagen darf, offen und geheim gegen die Juden zu hetzen, während die Juden ihre vaterländische Pflicht mit demselben heiligen Eifer erfüllen wie alle anderen Deutschen. Wir sollten meinen, daß es unser aller erste Pflicht sei, einig zu sein und zu bleiben, uns gegenseitig zu fördern und durch Wort und Tat f ü r unser gemeinsames Vaterland gegen auswärtige Feinde zu kämpfen! # Leider dauern wie in Deutschland so auch in Oesterreich antisemitische Treibereien fort. Zeugnis davon legt ein großer entrüsteter Artikel des Wiener Blattes „Die Reichspost" ab. Gelegenheit dazu gab eine Anklage gegen zwei Brüder Gewürz, die sich auf Grund von zweifelhaften Zeugnissen die Enthebung vom Militärdienst zu erschleichen gewußt hatten, wegen deren der eine zu acht, der andere zu drei Monaten schweren Kerkers verurteilt wurde. Die Genannten hatten sich als Rabbinatskandidaten ausgegeben, und