Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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V.) zu Diez an der Lahn für die Jahre 1914 und 1915, das bereits 1913 mit Befriedigung aus eine 25jährige segensreiche Tätigkeit zurückblicken konnte. Am 20. Mobilmachungstage mußte, wie aus dem Bericht zu ersehen ist, das Kinderheim geräumt und der Militärbehörde als Lazarett überlassen werden. Es war geradezu ein Glücksfall, daß für die Unterbringung der Kinder eine Villa in der Nähe gemietet werden konnte, so daß die Arbeit des Kinderheims trotz der Kriegszeit und der doppelten Belastung des Hausvaters und seiner Frau, denen ja auch die Obsorge des Lazaretts, das bisweilen 70 Kranke pflegte, übertragen war, ihren geregelten Gang ging. Es beweisen dies die Schulzeugnisse der Zöglinge aus der Real- und der Volksschule, nach denen mit ganz wenig Ausnahmen diese zu den besten Schülern dieser Anstalten zählen; einige der Realschule wurden mit Preisen, einer mit dem Kaiserpreis, ausgezeichnet. Die Zahl der Zöglinge betrug im Jahre 1914 41, im folgenden Jahre 40; sie fetzten sich aus allen Teilen des Deutschen Reiches zusammen. Der Gesundheitszustand war bis auf zwei Schartachfälle, die gut verliefen, ein guter. Auch in dieser Kriegszeit sind der Anstalt verschiedene Zuwendungen zugegangen, deren Spender im Bericht namhaft gemacht sind. Aus den Reihen ehemaliger Zöglinge sind den Heldentod für das Vaterland gestorben: Nathan Behr aus Bremen, Erwin Strauß aus Alzey, Lehrer Max L e v y aus Magdeburg. Der Bericht schließt mit folgender Bitte: „Wir wissen, wie sehr die Opferbereitschaft eines jeden in dieser Zeit des allgemeinen Jammers und Elends in Anspruch genommen wird. Möge dies aber nicht Ursache dafür werden, daß unsere bisherigen Freunde ihre helfende Hand von unserem Kinderheim zurückzögen. Jetzt für Waisen zu sorgen, ist ja doppelte Pflicht, und bei der gegenwärtigen Teuerung sind wir ja vor eine doppelt schwere Aufgabe gestellt, die wir nur unter kräftiger Mithilfe unserer Gönner lösen können." Der Kassenbericht für 1914 schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 40 667,23 Mark. Der Vorsitzende des Vereins ist Herr Jul. Goldschmidt (Frankfurt a. M.), in Firma I. u. S. Goldschmidt. L. Z. Metz, 28. Juli. Am Montag, dem 24. d. M., feierte Herr Oberrabbiner Dr. Netter hier im engsten Familien- und Freundeskreise, dem Ernst der Zeit entsprechend, das 25jährige Jubiläum seiner Amtseinführung als Rabbiner. Vormittags fanden sich in der Wohnung des Jubilars die Mitglieder und der Sekretär des israelitischen Konsistoriums von Lothringen sowie die Mitglieder der israelitischen Gemeindeverwaltung von Metz ein. Herr Justizrat Dr. M ü ller als ältestes Mitglied des israelitischen Konsistoriums und Herr Klein als Vorsteher der Gemeinde drückten dem Oberhirten der Israeliten von Lothringen in warmen und beredten, zu Herzen gehenden Worten die Glückwünsche der von ihnen vertretenen Bevölkerung aus, feierten die großen Verdienste, die der Jubilar sich um die Hebung der Religion-, die Förderung des Religionsunterrichts und auf dem Gebiete der Wohltätigkeit erworben, was schon früher der Kaiser durch Verleihung des Roten Adlerordens und seine Kollegen durch seine Entsendung in die Erste Kammer des Landtags anerkannt haben. Als Andenken an diese Feier wurden dem Herrn Oberrabbiner von dem Konsistorium und der Gemeinde zwei Gegenstände, wahre Kunststücke der Silberschmiedekunst, überreicht. Herr Oberrabbiner Dr. Netter war von dieser Anerkennung seiner Leistungen auf das tiefste gerührt. Schwki?. z. Zürich, 28. Juli. Die Frage der Z e u g n i s p f l i ch t d e r Geistlichen führte in der Strafsitzung des Obergerichts vom 4. d. M. zu einer interessanten Erörterung. In einem Ehrverletzungs- Prozeß zwischen zwei Brüdern, die wegen des Grabsteins für ihren verstorbenen Vater miteinander in Streit geraten waren, wurde der Rabbiner der hiesigen Kultusgemeinde Dr. L i t t m a n n , welcher zwischen den entzweiten Brüdern zu vermitteln bemüht war, vom Beklagten als Zeuge angerufen, um über eine in der Sache ihm gemachte Aeußerung ehrverletzender Natur gegenüber dem Kläger Auskunft zu geben. Dr. Littmann lehnte das Zeugnis ab, da er als Geistlicher dazu nicht verpflichtet sei. Der Vorsitzende vertrat, im Gegensätze zu vielen anderen Räten, die Meinung, daß das, was Dr. Littmann in dieser Angelegenheit getan, zur seelsorgerischen Tätigkeit gehöre. Nicht als einflußreicher Glaubensgenosse, sondern als Geistlicher wurde er in die Differenzen der Parteien eingeweiht und um die Herbeiführung einer Versöhnung angegangen. Die Folge einer Preisgabe solcher Mitteilungen, auch privater Natur, die dem Rabbiner anvertraut worden, wäre eine Erschütterung des Vertrauens, das er vermöge seiner Stellung besitzt. Der Referent wies aber nach, daß es sich hier nicht um ein Analogon des Beichtgeheimnifses der katholischen Geistlichen handele; auch habe sich der Zeuge nicht auf religiöse Satzungen berufen, an die er gebunden ist. Dr. Littmann erklärte, daß die ihm anvertraute Aeußerung des Angeklagten nicht unter den Gesichtspunkt des Beichtgeheimnisses falle, und da sie nicht diese Bedeutung für ihn habe, so sei er, ohne seinen prinzipiellen Standpunkt zu ändern, bereit, zu bezeugen, in welcher Weise sich der Angeklagte gegen seinen Bruder geäußert habe. In diesem Sinne wurde mit drei gegen zwei Stimmen beschlossen, den Zeugen einzuvernehmen. Gkstrrrrich-Angam. Tj. Lemberg, im Juli. Ein junger jüdischer k. u. k. österreichischer Leutnant, der sich, während Lemberg in russischen Händen sich befand, dort versteckt aufhielt, erzählt uns folgendes: Mein Onkel, Besitzer einer Petroleumraffinerie und ein in Lemberg angesehener Herr, ging eines Tages auf den Straßen der Stadt spazieren, als die Russen einmal wieder einen ihrer Pogrome veranstalteten. Kosaken schleppten einen alten Juden an den Haaren und wollten den jämmerlich Schreienden an eine Mauer stellen, um ihn zu erschießen. Da kam ein Tscherkessenofsizier in strahlender Uniform des Weges daher, bemerkte den Vorgang und herrschte die Kosaken an: „Kerls, was tut ihr denn da?" Der Kerl hat vom Zweiten Stock heruntergeschossen und soll deshalb jetzt „-geendigt" werden", lachten roh die Wüstlinge. „Hast du das getan, Jude?" srug der Offizier den Delinquenten. „Beim Andenken meiner hochseligen Eltern, Großeltern und aller Zaddikim und Chasidim, was gewesen sind meine heiligen Vorfahren, versichere ich, daß ich nie in meinem Leben ein Gewehr in der Hand gehabt habe. Ich kann nicht schießen, noch nicht einmal mit a ganz kleine Pistol." „So laßt den Mann laufen, ihr verdammten Kerls." „Sie entschuldigen, Herr Offizier," sagte jetzt der Jude, „Sie haben mir auch noch abgenümmen mein bißchen Geld, was ich Hab' erspart mein langes Leben und was sind 3000 Gulden." „Ihr Teufel, wo habt ihr das Geld? Her damit!" Zitternd und zagend gaben die angetrunkenen Soldaten das Geld heraus und der Offizier gab dem Mann sein Eigentum zurück. Gleichzeitig ordnete er an, daß täglich vor der Wohnung des Juden eine Wache aufziehen muhte, um den Atann wieder zu beruhigen. Mein Onkel sah der ganzen Sache mit zu, um zuletzt an den Tscherkessenofsizier heranzutreten und ihm feine Anerkennung für sein Verhalten auszusprechen. Er bat ihn für den nächsten Abend mit seiner Gemahlin zum Essen zu sich. Der Offizier erschien mit seiner blendend schönen Frau; es stellte sich heraus, daß er ein Türke war, der in Konstantinopel das Gymnasium besucht hatte, nicht Russisch schreiben, kaum Russisch sprechen konnte und nichts sehnlicher als den Sieg der Zentralmächte herbeisehnte. Seine Frau war eine ehemalige, in Jerusalem geborene Jüdin, die täglich für den Sieg der Türkei und Deutschlands betete. Er übertrug meinem Onkel für die Zeit, daß die Russen in Lemberg waren, große Lieserungen für das russische Militär, und auch mein Onkel erhielt von nun ab eine Wache vor sein Haus, damit die Herren Pogromisten wissen sollten, daß sie vor diesem jüdischen Hause haltzumachen haben. Amerika. z. New Aork, im Juli. Wie der „American Hebrew" berichtet, war unter den ersten amerikanischen Soldaten, die am 9. März vou den mexikanischen Banden arg hergenommen wurden, auch ein Jude aus Chicago namens Barmazel. Er ist Korporal im 13. Kavallerieregiment der U. S. Army und erst 18 Jahre alt. Nach dein Gefecht, in dessen Verlauf Barmazel durch einen Schuß vom Pferde stürzen gesehen wurde, wurde er als tot gemeldet und seinen Eltern in Chicago hiervon Mitteilung gemacht. Später wurde er jedoch vorn Schlachtfelde ausgelesen und nach El Paso in das Spital gebracht, wo seine Wunde geheilt wurde. Diese Nachricht ist interessant, weil sie wieder einmal zeigt, daß es in den Vereinigten Staaten bedeutend mehr jüdische Soldaten gibt, als man gewöhnlich glaubt. Da die Konfession der Soldaten nicht in den amtlichen Listen verzeichnet wird, ist es unter gewöhnlichen llmstäuden nicht leicht möglich, festzustellen, wie viele Juden in der