Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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371 war, eine Vatermörderin aus ihr zu machen, während sie doch ivürdig war, unter den Heiligen genannt zu werden. Schweratmend richtete er sich jetzt auf, wie jemand, der verschmachtet zu einer Quelle kommt, aus der er hastig, fieberhaft erregt trinkt, um bald wahrzunehmen, daß er zu viel getrunken. Schmulikof empfand jetzt das Bedürfnis, sich zu be-;d)eiben und seine Gefühle etwas kritischer zu betrachten. Es war nicht gut, zwischen Extremen sich zu bewegen. Und das oar bisher der Fall gewesen. Nachdem er mit einem bodenwsen Haß gegen sie und einer überschwänglichen Selbst- Gerechtigkeit gegen sich selbst angefangen, versiel er jetzt in verhimmelnde Lobpreisungen für sie und zerknirschende Selbsten klage für sich selbst. Beides war nicht förderlich. Er mußte ich fortan vor gewaltsamen Gefühlsumwälzungen hüten, um dar denken und urteilen zu können. Kindisch wie sein erster Maßvoller Ausbruch, wäre es noch viel kindischer, diesen durch illinde Liebe zu ersetzen. Denn um ihr für den Verrat, den er hegen sie geplant, Ersatz zu bieten, stand er im Begriff, den schnödesten Verrat gegen die toten Eltern und gegen den ebenden Freund zu begehen. Noch lange wälzte er seine Gedanken hin und her, die aber, als wären sie mit besonderer Elastizität ausgerüstet, immer wieder zu dem einen Punkt zurückschnellten: zu der Liebe, die auch hier wieder Siegerin blieb. Aber, so fragte er sich wieder, ist sie denn einer solchen großen, heiligen Liebe auch würdig und fähig? War es denn gänzlich ausgeschlossen, daß sie ihm mit seiner eigenen falschen Nünze heimzahlte? Gehörte sie denn nicht der Klasse an, deren Eebenselement die Heuchelei und die Phrase bilden, die hinter aem süßen Lächeln der Höflichkeit den bittersten Neid verbarg? llebrigens, was hatte sie denn gar Großes getan, daß er sich veranlaßt fühlen sollte, alle seine ursprünglichen Pläne auf- ,»geben? Wie denn, wenn das bißchen menschliche Empfinden, ms sie hier und da gezeigt, der Idealismus, den sie zuweilen 'ekundet, gar nicht echt war? Sollte dieses alles zusammengenommen schon genügen, um einen klardenkenden Menschen :itm Aufgeben seines Lebenswerkes zu bewegen, das vor allen andern den Vorrang haben sollte? Wohlan, er war entchlossen, sich nicht länger gegen seine Liebe zu sträuben; zuvor aber — es war das letzte Zugeständnis seiner ehemaligen insteren Pläne — zuvor müsse sie ihm den Beweis liefern — lar und untrüglich wie das Sonnenlicht — daß sie einer wichen Liebe auch wert sei. Und er werde über eine solche Probe Nachdenken, bei Tag und Nacht, wachend und träumend, bis ■r sie gefunden. Er hatte ja Zeit! Jetzt sollte nichts mehr überstürzt werden. Warum auch? Baruch wartet ja geduldig am Arom, und die Eltern, ach, noch viel geduldiger im Grabe. — Es hat also mit der Probe keine Eile! Sein Ohr vernahm ein leises Rascheln, und sein Auge sah rinen kleinen Zettel, der zwischen Tür und Fußboden hineingeschoben wurde. Er .griff hastig nach dem Papier, und schon der erste Blick zeigte ihm, daß er in großer Eile geschrieben war. „Ich muß Sie notwendig sprechen und bin im Gartenhaus," lautete er. Er war bald bei ihr und fand sie über eine Handarbeit gebeugt; aber ihr flammendes Gesicht und der Glanz ihrer Augen verrieten ihm, daß es nicht aus Begeisterung für die Stickerei war. „Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, und hoffe, daß Sie bereit sein werden, mir einen kleinen Dienst zu erweisen," sing sie an. Er nickte schweigend und sah sie voller Erwartung an. „Es betrifft eine Geldangelegenheit," fuhr sie fort; „Sie verstehen doch sicherlich, mit Pfandbriefen und Wertpapieren nmzugehen." „Wollen Sie unter die Börsenspekulanten gehen?" fragte er mit erzwungenem Scherz. „Ich weiß nicht, ob es das ist, was ich von Ihnen wünsche. Ich brauche nämlich Geld, viel Geld, aber ich besitze keinen Groschen; hingegen habe ich ein Wertpapier, das meine Großmutter mir hinterlassen, das von großem Wert sein soll. Dieses sollen Sie für mich verkaufen. Hier ist es, und schreiben Sie den Leuten, daß sie mir das Geld sofort herschicken." Mechanisch nahm er das Papier aus ihrer Hand, ohne es aber zu entfalten. Er war wie versteinert und kaum fähig eine Bewegung zu machen. Vor wenigen Minuten erst begehrte er einen Beweis ihrer Menschlichkeit, ihrer Hochherzigkeit; Himmel und Erde wollte er in Bewegung setzen, um von ihrer Würdigkeit sich zu überzeugen, und hier saß sie nun in aller Unbefangenheit und gab ihm einen solchen, augenscheinlich unzweifelhaft. Wie gelähmt ließ er die Arme sinken. Sie bemerkte seine Bewegung und hielt sie für eine Ablehnung. „Fällt es Ihnen schwer, es für mich zu besorgen?" fragte sie bestürzt. „Durchaus nicht, und ich glaube auch zu wissen, zu welchem Zwecke Sie das Geld gebrauchen." Sie lächelte ungläubig. „Sind Sie denn ein Prophet?" „Das zwar nicht," sprach er mit einem leisen Seufzer; „aber das Geld ist für die Landleute bestimmt, die gestern bei Ihrem Vater waren." Sie sah bewundernd zu ihm auf. Sie konnte es nicht fassen, warum seine Stimme dabei einen solchen feierlichen Klang bekommen und seine Augen voller Tränen waren. „Sie haben es erraten," sprach sie einfach; „doch möchte ich Sie bitten, die Sache geheimzuhalten, um mich nicht der Gefahr auszusetzen, für einen Nachkommen des edlen Don Quixote gehalten zu werden. Mein Vater wird ja selbstverständlich nach Petersburg schreiben; allein das wird zu viel Zeit in Anspruch nehmen, und dann ist es doch fraglich, ob es auch Erfolg haben wird. Inzwischen aber müssen die armen Leute hungern. Lieber will ich den letzten Groschen hingeben, um nicht noch länger von diesem traurigen Anblick verfolgt zu werden. Das Geld ist ja mein ausschließliches Eigentum," plauderte sie weiter, „und sollte einst meine Mitgift bilden; aber ich denke," schloß sie mit einem schelmischen Augenblinzeln, „wenn mich überhaupt jemand heiraten will, dann tut er es auch ohne diese Mitgift." Schmulikof preßte die Zähne zusammen, um nicht sein Entzücken in alle Welt hinauszujubeln. Wahrlich, er hat in ihr das gefunden, was er gesucht. Ein edles Weib, treu in ihrer Gesinnung, menschlich in ihrem Fühlen, vollkommen in jeder Hinsicht! Einer solchen Frau wegen war er berechtigt, alle irdischen Verpflichtungen von sich zu weisen, um an ihrer Seite schon Himmelsfreuden zu genießen! — Sein Schweigen beunruhigte sie aufs neue. „Wollen auch Sie nicht meine Absicht gutheißen? Dann geben Sie mir das Papier wieder zurück." Ja, das Papier, das Fundament seines Lebensglückes — er hatte es noch nicht einmal entfaltet. Er tat es jetzt, langsam, feierlich, gedankenvoll, und warf einen neugierigen Blick darauf, um zu sehen, welche Summe es wohl repräsentiere. Sein Blick aber blieb lange darauf haften, der ganz starr wurde, um schließlich wie angeleimt kleben zu bleiben. „Ist etwas nicht in Ordnung?" fragte sie, über sein Gebaren ganz befremdet. „Wann haben Sie dieses Papier zuletzt gelesen?" war seine Gegenfrage. „Ich habe es überhaupt noch nicht gelesen, weil ich nichts davon verstehe. Mein Vater sagte mir einmal, daß es viele