Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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--370 diese Weise konnte ich erfahren, wie weit er zu gehen entschlossen ist." „Aber Sie kommen doch dadurch in eine furchtbare Lage," sprach der Baron, seinen Sekretär durchdringend anblickend. Schmulikos richtete sich energisch auf. „Jawohl, Exzellenz. Doch nicht furchtbarer, als ich es von diesem Manne erwarten durfte." „Das verstehe ich nicht. Sie kennen ihn doch kaum." „Die Antwort darauf würde mich zu einer langen Auseinandersetzung zwingen, die ich aber gern vermeiden möchte." Er griff nach der Feder, um damit höflich anzudeuten, daß er das Gespräch nicht weiter fortsetzen möchte. Der Baron hielt ihm den Arm fest. „Schmulikos, ich glaube. Ihnen Beweise genug gegeben zu haben, daß ich Sie nicht als Untergebenen betrachte, und wie sehr mich Ihr Schicksal interessiert," sprach er vorwurfsvoll. „Ich bin davon vollkommen überzeugt, und ich bin Exzellenz auch aus der Tiefe meines Herzens dafür dankbar. Allein diese Angelegenheit übersteigt fast jede menschliche Fassungskraft. Eins aber will ich Exzellenz sagen, durch die ganze Geschichte meines Stammes zieht sich, wie ein roter Faden, der Geist der Wiedervergeltung mit einer beispiellosen Ironie für alle, die sich absichtlich oder aus nichtigen Gründen von ihm abgesondert haben. Ich bitte Sie, Exzellenz, mißverstehen Sie mich nicht; denn ich muß es Ihnen bekennen, daß ich damals Ihr Anerbieten annahm, weil ich bestimmt darauf rechnete, in eine solche Lage wie die jetzige zu kommen, um dann aber durch meine Stellung helfend und rettend eintreten zu können. Durch meine Stellung wollte ich kämpfen, von der Hoffnung beseelt, doch noch als Sieger aus dem Kampfe hervorzugehen. — Doch nun kommt die Ironie des Schicksals und zwingt mich, nicht nur gegen den Feind meines Stammes zu kämpfen, sondern auch noch sein Verbündeter zu werden." „Könnten denn die Juden nicht gewarnt werden?" fragte der Präsekt, Schmulikos gedankenvoll und traurig anblickend. „Wozu? Waren sie denn nicht auch das letztemal gewarnt? Sie würden ja nur die Qualen schon vorher empfinden, ohne aber, daß diese ihnen erspart bleiben." „Könnten sie nicht fliehen?" „Wohin? Zu einem anderen Torakow?" sprach Schmulikos bitter. „Was aber wollen Sie dennoch tun?" „Die Befehle ausführen, die der Herr Gouverneur mir wegen Exzellenz soeben erteilt." „Und diese wären?" „Exzellenz für die Pläne des Gouverneurs noch gefügiger zu machen." „Schmulikos, Sie sind aufgeregt. Lassen Sie die Arbeit für heute." Der Sekretär verbeugte sich dankend und verließ das Zimmer. XVI. Erst in der Einsamkeit seines Zimmers kam Gabriel das Gräßliche seiner Lage zum vollen Bewußtsein. Er vergrub sein Gesicht in beide Hände, als wollte er den Blick der furchtbaren Gegenwart verschließen. Ihm war nur noch der eine Gedanke klar, daß beide Probleme, die seinen Geist beschäftigten, seine persönliche Rache und die Rettung seiner StammeSgenossen, in ein und derselben Person, wurzelten — in Alma. Durch sie konnte er die Juden retten, wenn Torakow lebte; durch sie konnte er den Tod seiner Eltern rächen, wenn Torakow starb. Er erkannte, daß beide Ziele so miteinander verwachsen und verwickelt waren, daß er sie nicht mehr auseinderzubringen wußte. Wollte er die Rettung seiner Glaubensgenossen als Hauptaufgabe im Auge behalten, dann mußte der Racheplan vollständig fallen — nein, er mußte noch weiter gehen und dem Mann die Hand als Sohn reichen, der bereits zweimal jeder menschlichen Empfindung sich bar gezeigt, der den Tod seiner Eltern auf dem Gewissen hatte . . . Ja, ja; dem Mörder die Hand reichen, den Racheplan begraben, weil die Rettung seiner lebenden Genossen ihm näher am Herzen lag. Grimmig ballte er die Fäuste und schüttelte abwehrend den Kopf, als weigere er sich, die falsche Fährte noch weiter zu verfolgen, auf die er geraten war. Gott im Himmel! War er denn schon so tief gesunken, daß er auch gegen sich selbst nicht mehr wahr sein durste? Hatte die Hinterlist, die Scheinheiligkeit, die er anfänglich als Schoßkind gehätschelt, schon seine Denkkraft so entnervt, daß er auch schon die Fähigkeit eingebüßt, sich selbst die Wahrheit einzugestehen? Nein, nein! Es war eine Lüge, daß die drohende Gefahr seines Volkes der einzige Grund für das Ausgeben des Racheplanes sein sollte! Nein! Es war etwas ganz anderes, das jetzt in seinem Innern lauerte, das sein ganzes Wesen beherrschte und der Sachlage eine ganz neue Gestaltung gab. Er wiederholte sich dieses mit der Beharrlichkeit des Geißlers, der bei jedem Peitschenhieb, bei jedem Blutspritzer mit Wollust aufjauchzt! Wie schaurig-schön hatte es doch geklungen, als Alma damals ihren Traum in Worte gekleidet, und wie gräßlichwonnig wäre erst die Wirklichkeit geworden! Und doch — alles, alles umsonst! War denn aber dieser Plan wirklich seinem eigenen Wesen entsprungen und auch mit seiner sonstigen Lebensanschauung vereinbar? ^Konnte er wirklich der Vater solcher teuflischen Absichten sein? War er denn mit Tigerbluk gesäugt, mit Höllengift gesättigt worden, um das für sie, für Alma, hevaufzubeschwören? — Nimmermehr! Dieses häßliche Phantom war ihm von außen aufgedrängt worden; es hatte sich unter der Hülle der Nacht in sein Gehirn eingeschlichen, darum mußte es im Lichte des Tages, scheu und bedrückt, von chm weichen und wie ein Phantom auch schwinden. Er ging zum Schreibtisch, aus dessen Geheimfach er einen Zettel entnahm, den Alma ihm vorhin zugesteckt. „Karol hat mir heute seinen Antrag wiederholt, mithin ist die größte Vorsicht noch immer am Platze." Dieser Zettel, ohne Datum und Unterschrift, enthielt eigentlich nichts; es könnte ein Blättchen aus irgendeinem Tagebuch sein; aber für Gabriel war es klar, daß die Sorge für seine Sicherheit sie keinen Augenblick verließ. Er verschloß den Zettel wieder und nahm seinen Sturmlauf im Zimmer abermals auf. Doch, was er nicht verschließen, von dem er nicht entrinnen konnte, war noch immer die schwerwiegende Frage, ob Karols Lüge, wie Gabriel es Malka gegenüber mit voller Entrüstung bezeichnet, auch wirklich eine Lüge war! Die Ironie der Wiedervergeltung, von welcher er dem Präsekten gesprochen, schien auch hier eine neue Bestätigung zu finden. Seine Absicht war es gewesen, das Mädchen sklavisch, hündisch an sich zu ketten, um in ihrer Vernichtung zu schwelgen — statt dessen lag er vernichtet, mit gebrochenem Herzen vor ihr. Der Pfeil war auf den Schützen zurückgeschnellt und. hatte ihm selbst eine tiefe Wunde beigebracht. Er blieb stehen und rang verzweifelt die Hände, sein Blick war starr, ausdruckslos nach außen, aber um so hellsehender und schärfer nach innen gerichtet. Und er sah, daß er schrittweise, aber unaufhaltsam dahin gelangt war, die Tochter des Mannes zu lieben, dessen Untergang er sich zur Lebensaufgabe gemacht. Es sing schon damals in Odessa an, als sie noch wie ein Schmetterling von Blume zu Blume flatterte, und es wuchs und nahm zu mit jeder Minute, die er in ihrer Nähe verbrachte. Und ihre Hand sollte dem eigenen Vater den Todesstoß versetzen! Er schauerte innerlich bei dem Gedanken zusammen, daß er nahe daran