Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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m übergibt. Das Buch kostet zwar 21 Schilling, dafür enthält es aber auch noch manch andere merkwürdige Dinge. Die S-enonen. ein gallischer Volksstamm, der sich im fünften Jahrhundert vor Christi Geburt -am oberen Seinelaus fest setzte, tragen einen aus Simeon latinisierten Namen, die Südsranzosen waren einmal im gelobten Lande Kanaan zu Hause, und die Normannen sind dem Stamme Benjamin entsprossen. Die alten keltischen Briten aber, sagt Mr. Hannay, bildeten einst die Aristokratie in den Gebieten des Ostens, deren Herren und Verwalter die heutigen Briten sind. Und mit den Preußen ist es Anno dazumal so gekommen: Nach der Schlacht von Aquä Sextiä flohen die im Jahre 102 von Marius geschlagenen Teutonen entsetzt bis zu den jütländischen Inseln hinauf. Nachdem sie sich von ihrem Schreck genügend erholt und bessere Zeiten abgewartet hatten, gingen sie wieder südwärts und fanden in Germanien die ismaelitischen Araber Shara Ky-oun oder Borussi vor, mit denen sie sich vermischten. Diese Mischlinge nannte man fortan Teutonen oder Preußen, welchen Namen sie noch führen bis auf den heutigen Tag. Und dann gäbe es.im langelsächsischen Alphabet den halben Zischlaut „1h" in thing, the und this usw. Diesen Laut können nur die Angelsachsen in seiner ganzen Schöne Hervorbringen; den Teutonen sei dies unmöglich, der beste Beweis, daß es sich um zwei verschiedene Rassen handle. Bon einer Blutsverwandtschast zwischen Briten und Deutschen könne füglich keine Rede mehr sein, allenfalls kämen als wirkliche Germanen die Hessen in Betracht, die sich der Blutsverwandtschaft mit den angelsächsischen Briten rühmen könnten. — Wir ismaelitischen Lento-Borussen entsagen hiermit gern und freudig der aufgekündigten angelsächsischen Vetterschaft, und unsere perstschhebräisch-germnnischen Volksgenossen im deutschen Hessenlande werden aus den zweifelhaften Ruhm gnädigst gewährter Blutsverwandtschaft mit den vor Hochmut anscheinend übergeschnappten Briten dankend verzichten. Ludwig Ahland und löerthold Auerbach. Von Ludwig Geiger. 3ch weiß nicht, ob jemand schon eine Arbeit über Ludwig Uhland und die Juden gemacht hat. Sie wäre auch schwer möglich: weder in seinen Gedichten noch in seinen Dramen hat Uhland Juden ausführlich behandelt; in seinen wissenschaftlichen Arbeiten über Geschichte der deutschen Sage und Dichtung ergab sich dazu kaum eine oder gar keine Gelegenheit. Auch Persönliche Beziehungen hat Uhland mit Juden nur wenig unterhalten, außer mit einzelnen Kollegen in der Paulskirche. Und auch da ist es merkwürdig genug, daß in der gleich zu nennenden Briefsammlung der Name Gabriel Rießers überhaupt nicht vorkommt, der Name Johann Jacobys nur einmal in einer mündlichen Aeußerung, in der Jacoby freilich als Freund bezeichnet wird. Wäre Uhland Sachwalter geblieben, so hätte er vielleicht mannigfach mit Juden zu tun gehabt, vermutlich in nicht sehr erfreulichem Sinne; als schlichter Privatmann und als Universitätslehrer in Tübingen kam er wenig mit Juden in Berührung. Unter den deutschen Dichtern jener Zeit befanden sich natürlich auch Juden, die den berühmten Autor aussuchten oder ihm ihre Werke zur Beurteilung schickten. Aber ich finde in der eben fertiggewordenen Briefsammlung') nicht einen. ') Uhlands Briefwechsel, im Auftrag des schwäbischen Schiller- Vereins heransgegebcn von Julius Hartmann, vier Bünde, Stuttgart und Berlin 1916, I. G. Cvtiasche Buchhandlung Nachf. Die vier stattlichen Bände, mit vielen Illustrationen versehen, mit der bei dem Herausgeber gewohnten Sorgfalt hergestellt und mit wertvollen Anmerkungen begleitet, gewähren ein schönes Zeugnis von der erfolgreichen Tätigkeit dieser literarischen Gesellschaft, der man in Norddeutschland, namentlich in Berlin, größere Aufmerksamkeit schenken sollte, als dies bisher geschehen ist. Es ist besonders rühmlich «hervorzuheben, daß dieser Verein ebenso wie die übrigen literarischen Gesellschaften Deutschlands während des Krieges seine Tätigkeit nicht eingestellt, ja sogar in keiner Weise beschränkt hat. der besonders hervorzuheben wäre. Weder Karl Beck, noch S. H. von Mosenthal, noch Moritz Hartmann werden erwähnt; L. A. Frankls Name wird nur an einer einzigen Stelle genannt. Unter den führenden Schriftstellern jüdischen Ursprungs gibt es nun vor allem zwei, die wir ja noch heute als die Unsrigen in Anspruch nehmen: Ludwig Börne und Heinrich Heine. Der Name des ersteren kommt überhaupt nicht vor, so daß die merkwürdige Tatsache zu konstatieren ist, daß der große Volksmann seinen wahrhaft bedeutenden Gesinnungsgenossen, der ja gerade in derselben Zeit wirkte, als Uhland politisch tätig war, nicht besonders beachtet zu haben scheint. Heine kommt nun ein einziges Mal vor, und zwar wird von ihm ein Brieschen vom 4. Mai 1823 mitgeteilt, mit dem er dem schwäbischen Kollegen die erste Sammlung seiner Gedichte übersandte, ein Briefchen, auf das Uhland nicht geantwortet zu haben scheint. In seinen eigenen Briefen spricht er nicht von dem Dichter. Dieses Schweigen ist merkwürdig genug, um so merkwürdiger, da ja Heine, wie bekannt, sich über die Zurücksetzung, die er von den schwäbischen Dichtern empfing, und die darin bestand, daß in einem Almanach sein Bild, das man zu bringen beabsichtigt hatte, entfernt und an dessen Stelle dasjenige Uhlands gesetzt wurde, weidlich lustig gemacht «hat. Heine hat sich in seinen literarisch-historischen Arbeiten eingehender über Uhland ausgesprochen. Börne hat in seinen vertrauten Briefen nur gelegentlich von Uhland geredet?) Man könnte ja geneigt sein, dieses Schweigen des schwäbischen Dichters als Antipathie gegen Juden auszulegen, muß aber bedenken, daß die Briefe kein vollständiger Kommentar des Lebens sind, kein Tagebuch, sondern nur Aeußerungen, die Antworten aus briefliche Erörterungen anderer enthalten. Um so erfreulicher ist es, daß Berthold Auerbach Uhland gegenüber als Vertreter des Judentums zu nennen ist. Ein Lebensverhältnis zwischen beiden existierte freilich nicht; aber daß die beiden Schwaben zusammenkamen, ist aus dem diesem Volksstamm eigentümlichen Zusammengehörigkeitsbewußtsein erklärlich und bei Auerbachs Wanderlust ebenso verständlich wie aus seiner Neigung, an die Großen sich anzuschließen und sie für sich zu gewinnen. In einer allerliebsten Skizze „Wie Ludwig Uhland seine Lieder singen hörte" hat Auerbach einmal geschildert, von welcher Rührung der schwäbische Dichter ergriffen wurde, als ihm die Klänge eines seiner Lieder entgegentönten. Auerbach hat seinen berühmten Landsmann mehrmals besucht und war auch gerade bei ihm, als der Antrag einlief, ihn zum Mitglied des Ordens Pom le merite zu ernennen, ein Antrag, den Uhland bekanntlich zum Befremden mancher, die ihn hochschätzten, ablehnte. (Auch über diese sehr eigenartige Geschichte enthält unser Briefwechsel die vollständigen zum Teil unbekannten Dokumente.) Häufig sandte Auerbach dem schwäbischen Kollegen seine neu erschienenen Werke und bat den im Antworten Säumigen um eine Erwiderung und um eine Anerkennung. Aber auch anderes ließ er ihm zugehen. So schickte er ihm einmal ein Gedicht seines Schwagers Hieronymus Lorm und schrieb dazu: „Sie müssen es sich schon gefallen lassen, daß wir Jüngeren unseren Namen gerne in Ihrem Gedenken als an geweihter Stelle einzeichnen." Er war unermüdlich in herzlichen Worten, und da er die erste Ausgabe seiner gesammelten Schriften 1857 ff. dem 2) In Uhlands „Tagbuch" wird Börnes Besuch 1823 kurz erlvähnt; in seinen vertrauten Briefen, in denen Börne auch ziemlich scharf über Rückert urteilt, werden Uhlands unpoetisches Allssehen und fein schweigsames Wesen hervor gehoben. In Heines Briefen wird Uhland nur «einige Male ganz gelegentlich erwähnt, ohne daß von einer persönlichen Berührung die Rede ist.