Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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362 an ihn anch nnr zu denken. Allein seinem Einfluß ans das Bestehen oder Vergehen eines Volkes messen sie eine wesentlich geringere Bedeutung bei. In ihrer Vorstellung von Gott und seinem gerechten Walten in der Geschichte der Völker gehen sie ihre eigenen Wege. Das ist aus folgenden Auslassungen deutlich zu ersehen: Gott sprach zu Moses: „Geh. steig hinab, denn ausgeartet ist dein Volk, das du aus Aegypten geführt; sie haben ein gegossenes Tierbild angefertigt, sich anbetend vor ihm niedergeworfen und ihm Opfer dargebracht." (Exodus 32, 7 bis 8.) „Herr aller Welten!" erwiderte Moses, „sie wollten dir ja nur für dein Schaffen und Walten eine Stütze au die Seite stellen, du hast keine Ursache, ihnen zn zürnen." „Wie," rief der Herr, „Moses, auch du! Auch du bist in dem Wahn befangen, es eristiere etwas in dem -Himmel oder auf der Erde, das auch nur annähernd meiner schöpferischen Kraft gleichkäme!" „Das", versetzte Moses, „sei ferne von mir. Ich weiß, daß alle Namen und Vorstellungen der Menschen von dir, um dich zu vergegenwärtigen, kein Bild von deiner hocherhabenen, Welt und Menschen umspannenden Macht abgeben. Du warst, bist und bleibst der Quell alles Seins, ob die Menschen dich als ihren Schöpfer anerkennen oder nicht, und eben darum wundere ich mich, daß du die Kurzsichtigkeit eines Volkes, dessen albernes Vergehen deiner unendlichen Herrlichkeit nicht den geringsten Abbruch tut, zum Anlaß nimmst, um es zu vertilgen." Und der -Herr verzieh dem Volk seine schwere Sünde8). Mit harten Worten weist Jeremia das Volk wegen seine? götzendienerischen Treibens zurecht und wirft dabei die Frage auf: Warum das Volk so verwildert sei, warum Jerusalem in Abtrünnigkeit verharre (Jeremia 8, 5). Daran anknüpfend wird folgendes bemerkt: HD» lmanpn nrtüi nniETl rr'2^. Eine ewig unwiderlegliche Antwort sei von Israel einem Propheten (Zacharia) erteilt worden. Dieser in seiner an Israel gerichteten Ermahnung, sich zu Gott zu bekehren, gebrauchte die Wendung: „Sehet, wo sind eure sündigen Väter geblieben?" worauf Israel ihm erwiderte: „Und wo sind die sündenreinen Propheten geblieben?"I Das Wort des Herrn an Jeremia: „Wenn sie zu dir sprechen, warum hat der Ewige dieses große Unglück über uns gebracht? Was ist unsere Missetat? Was unsere Sünde? so sage ihnen: weil eure Väter fremden Göttern nachgegangen sind, ihnen gedient nnd sich vor ihnen gebückt, mich aber verlassen und meine Lehre nicht beobachtet haben" (Jeremia 16, 10 bis 11), wird dahin gedeutet: der -Herr sprach: 'm# ’xibri ■nxstP mim 1211? „Ach, hätten sie doch mich verlassen, aber die Gesetze meiner Lehre beobachtet!"8) Ja, selbst da, wo der Götzendienst als die einzige Quelle alles über Israel gekommenen Leides anerkannt wird, wird die Bemerkung hinzugefügt: weil ihr wie die sittlich entarteten und nicht wie die sittlich hochstehenden heidnischen Völker gehandelt habt. Die talmudischen Weisen beschäftigten sich viel mit der Psyche des jüdischen Volkes; sie kannten genau sein Denken und Empfinden und, die Vergangenheit zuweilen mit Recht durch den Spiegel der Strömungen ihrer Zeit betrachtend, konnten sie sich nicht gut vorstellen, daß Israel bei allem seinen -Hang, fremde Sitten und Gebräuche nachzuahmen, sich soweit hätte vergessen können, den Gott seiner Väter ganz zu verleugnen. Sie forschten darum nach anderen Ursachen, die den Untergang Israels als selbständiges Volk bewirkten, erblickten den eigentlichen Grund seiner nationalen Auflösung in der Nichtbeachtung der Gesetze der Thora, die °) Exodus rabba, Kap. 44. Sanhcdrin 105a. 8) Midrasch Echa. Israel für alle Zeiten den Lebensweg vorzeichnet, und gelangten schließlich zu der Ansicht: vh* D’bWTP N21N vb rDinb rmoK IpDBfi? Jerusalem sei nur deswegen zerstört worden, weil Glauben und Vertrauen aus seiner Mitte geschwunden waren8). Dieser Mangel an Glauben und Vertrauen aus Gott wie auf die eigene Kraft und den endlichen Sieg der historischen Gerechtigkeit zeigte sich, wie die Geschichte der Kundschafter lehrt, schon zur Zeit Moses', nagte wie ein Wurm am Volkskörper in den Tagen Jesaias' und Jeremias' und bildet seit damals das traurige Stigma, das dem in der Welt umherirrenden Israel anhaftet und nicht allein Moses und den Propheten, sondern auch den späteren Führern des jüdischen Stammes gar oft Veranlassung gegeben hat, das alte Klagelied „Echa" anzustimmen, das alljährlich am neunten Ab in Israels Gotteshäusern ertönt: „Wie soll ich dich trösten Jerusalem? Was dir vergleichen? Wer hat gelitten wie du, Jungfrau, Tochter Zions? Deine Wunde ist weit wie der Ozean — Wer kann dich heilen?" Heldentum. Zicin zweiten Jahrestage des Kriegsbeginns. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens, Göttingen. „Müßige Ruh' ist das Grab des Muts." Schiller. u stiller Einkehr, zu innerer Sammlung, zu ernstem Rückblick ladet die Stunde. Unvergeßliche Eindrücke, unvergleichliche Wandlungen sind an uns vorübergerauscht, haben tief ihre Spuren uns ins Herz gegraben. Wir schauten Ereignisse, die keines Künstlers Griffel, keines Dichters Sang je wird ausschöpfen können. Ein Krieg mit feinen Taten, Leistungen und Wirkungen ward zur Wirklichkeit, ward zum Schauspiel, wie weder Geschichte noch märchenhafter Traum je es verzeichnet, ward zum Erlebnis unserer Seele, das tief bohrend und schürfend seit zwei vollen Jahren uns in Atem und Spannung hält. Als mit Sturmesgewalt dieser Kampf über uns hereinbrach, mußten wir wohl angesichts der Fülle unserer Feinde mit langer Kriegsdauer rechnen. Der Schrecken aber schien zunächst auf alle Kreise lähmend zu wirken. So weltenfern war zunächst dem deutschen Volke dieser Zusammenstoß von urgewaltigen Dimensionen erschienen, daß es in seinen Tiefen erschüttert war. Die Tapferkeit seiner Heere, die schon nach wenigen Wochen glänzende Siege zu verzeichnen hatten, die Trefflichkeit seiner Führer, die unsterblichen Ruhm an ihren Namen hefteten, haben ihm die Ruhe wiedergegeben, deren es bedurfte, um den Glauben an den schicksalsschweren Gang, der ihm bestimmt war, an die Sicherheit und Selbstgewißheit zu gewinnen, die in solchen Zeiten unerläßlich sind um der Selbstbehauptung der Nation willen. Uns zwang die geschichtliche Entwicklung zu dem gefahrvollsten und verhängnisreichften Wagnis, das je an unsere Tore pochte. Daß es dank der Gnade einer höheren Macht gelang, dürfen wir nach der Dinge bisherigen Lauf auszusprechen uns erkühnen. Wie weit auch die Feinde das Ende in die Ferne zu verrücken versuchen, an dem Ergebnis werden sie schwerlich rütteln. Unsere Erfolge gründen sich auf das schlichte Heldentum des deutschen Volkes, dem neue Lorbeeren in diesen beiden Kriegsjahren winkten. Wir hatten uns des Glückes eines langen Friedens erfreut, seiner Segnungen und Güter waren wir §roh. Wir hatten das Schwert geschärft, aber nicht versucht. Aus -der Zerrissenheit °) Sabbat 119b.