Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 im dadurch die sittliche Ausklärungs- und Erziehungsarbeit der bellfenen Kreise zu fördern. Wir müssen gestehen, dah uns eine evangelische Sexualethik ebenso unverständlich ist wie etwa eine katholische 'der israelitische; denn wir wissen nicht, wie sich diese drei Arten von fthik voneinander unterscheiden sollen. Mit Recht wurde auf der iagung der enge Zusammenhang betont, der zwischen dem Staude er Sittlichkeit und den sozialen Verhältnissen besteht, besonders enen auf dem Gebiete des Wohnungswesens. Wie man nun eine Bevölkerung, die durch schlimme Wohnverhältnisse sittlich gelitten hat, ntt einer evangelischen oder mit einer katholischen Sexualethik heilen ann, Nüssen wir nicht; bisher glaubten wir, das richtige Verfahren ei, die Ursachen zu beseitigen, also in diesem Falle die Wohnverhältlisse zu verbessern. Dazu braucht man aber weder evangelische noch acholische Sexualethik, sondern einen allgemeinen guten Willen und us nötige Geld. Ebensowenig kann man in konfessioneller Scheidung >en Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten führen, der ebenso wichtig st wie die vorbeugende Arbeit des Volksfreundes; der jüdische Arzt geilt den christlichen Kranken nach dem Stande der Wissenschaft und lach der Höhe seiner Erfahrungen und wird dabei keine konfessionellen Erwägungen hinzuziehen. Kassel, 21. Juli. Vor einiger Zeit verschied Hierselbst der königliche Hofbuchdruckereibesitzer Herr Theodor Gotthelft. Fast '3 Jahre hindurch bekleidete der Verstorbene das Amt eines Geneindeältesten, und während der letzten 12 Jahre war er Vorsitzender X'8 Gemeindeältestenkollegiums. Der Dahingeschiedene hat stets sein -estes Können darangesetzt, um den Interessen der Israelitischen Gemeinde in Kassel zu nutzen; er war ein gerader Charakter, und sein 'lndenken wird deshalb stets in dankbarer Erinnerung in hohen chren gehalten werden. Welch großer Wertschätzung Herr Gotthelst ich erfreute, wurde durch die zahlreiche Beteiligung bei seiner Beietzung, welche, da er Mitkämpfer des Feldzuges von 1870 war, mit militärischen Ehren erfolgte, bezeugt. L. Frankfurt a. M., 21. Juli. Eine Persönlichkeit, die sich als Mensch, als stiller Wohltäter und Förderer wissenschaftlicher und gemeinnütziger Unternehmungen, besonders aber als großzügiger Kaufnmnn im Metallfach höchster Anerkennung erfreute, ist am 17. d. M. mit Kommerzienrat Leo Ellinger aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene war ein Enkel des berühmten Mainzer Großherzoglichen Rabbiners Rabbi Löb Ellinger, der in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im Kreise Mainz segensreich wirkte. Rabbi Lobs Sohn Philipp war Mitbegründer der weltbekannten Metallfirma Philipp Abr. Cohen, dessen Mitinhaber der Verstorbene späterhin wurde. Nach Umwandlung des Geschäfts in die Metallgesellschaft trat er in deren Aufsichtsrat ein, dem er in führender Stellung bis zu seinem Tode angehörte und in dem er den stellvertretenden Vorsitz innehatte. Auch dem Aufsichtsrat der Metallbank und der Metallurgischen Gesellschaft gehörte Kommerzienrat Ellinger an. Die großen Vorzüge seines Charakters, seine Kenntnisse und reichen Erfahrungen sowie die Liebenswürdigkeit seines Wesens, das von tiefem sozialen Empfinden getragen war, sichern dem im 64. Jahre Entschlafenen, der auch in der jüdischen Gemeinde mehrere Ehrenstellen bekleidete, ein ehrendes Gedächtnis. Frankfurt a. M., 21. Juli. Die hiesige Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes hat dem Komitee der Vereinigten jüdischen Wohlfahrtspflege 1914/16 die Anregung gegeben, eine rituelle Kriegsküche einzurichten. Das Komitee hat daraufhin eine Kommission eingesetzt, die den Auftrag hat, festzu stellen, ob das Bedürfnis für eine solche Kriegsküche vorhanden ist. Die Kriegsküche hätte nach jeder Richtung hin aus derselben Grundlage zu arbeiten und dasselbe zu gleichem Preise, zurzeit 0,80 Mark einzeln, wöchentlich 4 Mark, zu leisten wie die lallgemeine neue Kriegsküche in der Fahrgasse. Mitglieder der Kommission sind die Damen Frau Henriette Besthoss, Frau Emma Mainz, Frau Paula Ras sauer, Frau Jd-a Wolf und die Herren Wolfgang Auer' b a ch und Rabbiner Dr. H o r o v i tz. Gesterrrich-Angam. Wien, 21. Juli. Hofrat Prof. Dr. Eduard Lang, der Schöpfer der Lupusheilbewegung in Oesterreich und Vorstand der Lupusheilstätte in Wien, wurde am 17. d. M. auf dem Wiener Zentralfriedhose bestattet. Ein unabsehbarer Kreis von Freunden unb Verehrern, hohen Würdenträgern und Vertretern der medizinischen Wissenschaft, zahlreicher humanitärer Vereine gab dem hochverdienten Gelehrten und Forscher das letzte Ehrengeleite. Der Sarg, der von Reichenau nach Wien gebracht worden war, war auf der Estrade der Zeremonienhalle dev israelitischen Abteilung des Zentralfriedhofs ausgebahrt. Eine Fülle Prächtiger Kränze schmückte den Sarg. Ein besonders mächtiger Kranz war im Aufträge des Herzogs Ernst August von Cumberland niedergelegt worden. Unter den Trauergästen waren als Vertreter der „Heilstätte für Lupuskranke" der Präsident des Kuratoriums, Max Egon Fürst zu Fürsten - berg, in der Felduniform, den rechten Arm vom jüngst erlittenen Unfall noch in der Binde, mit dem 1. Sekretär, Geheimem Jüstiz- und Regierungsrat Dr. Adolf Edlen v. Bachrach, Fürstin F ü r st e n b e r g - S ch ö n b o r n , dann vom Kuratorium der Stiftung gemeinsamer Finanzminister Dr. v. Ko erber. Finanzminister Dr. Ritter v. Leih mit Gemahlin, für die Unterrichts- Verwaltung Sektionsrat Dr. Wojtech, der Dekan der medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Julius Tandler, Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde, zahlreiche Universttätsprofessoren und Aerzte erschienen. Rabbiner Dr. Bach hielt die Trauerrede, das Wirken des Verewigten im Dienste der Wissenschaft würdigend. Dann wurde der Sarg zur letzten Ruhestätte getragen und versenkt. Alle Trauergäste folgten zum Grabe. Ehe sie schieden, wendete sich Fürst Max Egon Fürstenberg an Rabbiner Dr. Bach und dankte ihm nicht nur für seine Person, sondern auch für das Kuratorium der Stiftung „Heilstätte für Lupuskranke" mit den Worten: „Das waren die r i ch t i g e n Worte, die mir aus der Seele gesprochen waren!" — Das Budapester Landesrabbinerseminar hat, wie von dort berichtet wird, auf Antrag des Präsidenten des Kuratoriums Königlichen Rates Dr. Franz Mezey beschlossen, vom nächsten Schuljahre angefangen, sowohl in der unteren wie in der oberen Abteil ring für die hebräischen Lehrgegenstände die hebräische Sprache als Unterrichtssprache einzusühren. Diese Neuerung ist um so bezeichnender, als gerade in Ungarn in jenen Kreisen, welchen die Leitung des Rabbinerseminars angehört, bis vor gar nicht langer Zeit eine entschiedene Abneigung gegen die Anerkennung der hebräischen Sprache als lebendige Sprache notorisch war. Diese Wandlung, welche auch anderen jüdischen Lehranstalten zur Nachahmung empfohlen werden kann, wird sicherlich nicht ohne Wirkung auf die Erziehung der künftigen Generation der ungarischen Juden bleiben. — Der Verein „Ahawas Reim" (Nächstenliebe) in Budapest hielt die ordentliche Generalversammlung unter dem Vorsitze des Präsidenten Julius Adler bei reger Beteiligung der Mitglieder. Der Sekretär N o s n e r berichtet, daß der Verein, der sich zumeist aus Büchsengeldern und Hellerspenden erhält, im verflossenen Jahre in acht Spitälern jüdische Kranke, jüdische und mohammedanische glaubenstreue verwundete Krieger mit ritueller Kost versehen hat, 18 000 Portionen, eine Ausgabe von mehr als 30 000 Kronen, wovon aus die jüdischen Verwundeten 65 Prozent, aus die mohammedanischen 15 Prozent voll kommen. Trotz der großen Teuerung hat es im verflossenen Jahre weder eine Stockung in der Verpflegung noch fleischlose Tage gegeben, allein das fortwährende Steigen der Lebensmittelpreise bedroht diesen humanitären Verein mit einer ernstlichen Krise. Die Herren Alexander T s u k und Rabbiner Dr. Julius Fischer haben deshalb Anträge zur Abhilfe gestellt. Nach Erteilung des Absolutoriums wurde der Vereinsleitung nach einer schönen Ansprache Dr. Julius Fischers Dank und Anerkennung votiert, womit die Versammlung schloß. a. Prag, Mitte Juli. Das Programm des hiesigen k. k. Staatsgymnasiums in der Stephansgasse bringt unter der Rubrik: „XI. Chronik der Anstalt" nachstehende Abschiedsworte an den mit Ende Oktober 1915 in den bleibenden Ruhestand getretenen k. k. Professor Dr. K i sch : „Mit hohem Ministerialerlasse vom 14. Oktober 1915 (Z. 11 080) wurde Herr Prof. Dr. Alexander Kisch auf eigenes Ansuchen in den bleibenden Ruhestand versetzt. Mit Herrn Prof. Dr. Kisch, der seit dem Jahre 1887 an unserer Anstalt als israelitischer Religionslehrer tätig war, scheidet ein verdienstvolles Mitglied aus dem Lehrkörper, das diesem zur Zierde gereichte. Er war stets ein aufrichtiger Freund der ihm zur Erziehung anvertrauten Jugend, die er durch Belehrung und durch sein vorbildliches Beispiel zu Gottesfurcht, Patriotismus und zu jener wahren Menschenliebe heranzubilden bestrebt war, die, frei von jedem Strebertum, und von jeglicher Selbstsucht, jederzeit sich hilfsbereit erweist und im Nächsten nur den Menschenbruder sieht und achtet nach dem Dichterworte: