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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-28 · Heft 30 (28.7.1916) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
Seite 360 (sequence 12)
Language
German
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360 Apfel in der Gosse herumbnlgen. Aber sie sollen sich nur vor dem Ungeheuer in acht nehmen, das sie selbst großgezogen." Der Präfekt hatte diesen leidenschaftlichen Ausbruch mit innerer Unruhe angehört, bis Schmulikoss unerschütterliche Gleichmut ihn überzeugte, daß seinerseits keinerlei unliebsame Erörterungen zu befürchten seien. Das ermutigte ihn, auch seine Ansicht zu äußern. „Weißt du, Torakow," warf er beschwichtigend ein, „wenn ich dir die Wahrheit gestehen soll, habe ich noch keinen übermäßigen Reichtum bei den Juden wahrgenommen. Es mögen wohl einige ein Vermögen erworben haben, doch die Mehrzahl besteht aus armen, schwer arbeitenden Wichten, die froh sind, wenn sie nicht vom Pöbel gesteinigt und von den Hunden zu Tode gehetzt werden. Hat aber der Reichtum der ersteren mit dem jüdischen Standpunkt gar nichts gemein, so ist die Armut der letzteren sicherlich nur die Folge der konfessionellen Verhetzung. Meiner Ansicht nach werden aber weder die ersteren noch die letzteren dem Staate besonders gefährlich werden." „Weil du zu kurzsichtig oder zu gutmütig bist, lieber Sergi. Alle, ohne Ausnahme sind sie reich, nur sind sie schlau wie die Füchse und geheimnisvoll wie die Maulwürfe, um ihre Reichtümer sehen zu lassen." „Sind nicht auch vor zwei Jahren einige Ruhestörungen hier vorgekommen?" fragte Schmulikof, scheinbar ganz unbefangen. „Wie kommen Sie daraus?" fragte Torakow mißtrauisch. „Ich habe zufällig davon gehört. Sind denn auch Menschenleben dabei vernichtet worden? Gewiß ist die Sache übertrieben worden." „Ja—a," sprach Torakow verlegen; „ein altes Ehepaar soll im Walde umgekommen sein. Aber die Sache war nur ein Sturm im Glase Wasser. Es ging alles verkehrt; die Juden liefen nach einer Richtung und die Muschiks wieder nach einer anderen." „Die Aufrührer liefen davon?" fragte Schmulikof verwundert. „Ja, durch irgendein Mißverständnis; das Militär erschien nämlich zu früh auf der Bildfläche. Sicherlich wollte irgendein Dummkopf von einem Offizier seinen Uebereifer zeigen, um irgendeine Auszeichnung zu erlangen, und hat dadurch den ganzen Putsch verdorben." „Das ist wirklich schade," sagte Schmulikof mit bitterer Ironie, die aber bei Torakows Fanatismus diesem ganz und gar verlvrenging. „Der Mann verdient nach Sibirien geschickt zu werden. — Und welche Maßregeln gedenkt Exzellenz diesmal zu treffen, um ein unliebsames Zwischentreten eines übereifrigen Offiziers zu verhindern?" „Diesmal wird das Militär gar nicht in der Garnison anivesend sein: es soll an dem betreffenden Tage etwa fünf Meilen von hier manövrieren und auch die Polizei wird ihre bestimmte Instruktion erhalten. Aber auch die Muschiks iverden wissen, daß sie keine Störung zu befürchten haben, so daß alles glatt gehen wird." „Wenn ich recht verstehe, wollen die Behörden gemeinsame Sache mit den Muschiks machen?" „Ganz recht." Bisher hatte der Baron mit gerunzelter Stirn zugehört. Jetzt richtete er einen verwunderten Blick auf seinen Sekretär, während er fragte: „Torakow, gibt es denn gar keinen anderen Ausweg?" „Warum erst nach anderen suchen, wenn dieser schon so oft und so gut sich bewährt hat?" „In jedem Fall solltest du dir die Sache noch reiflich überlegen. Du hast mich doch sicherlich nur deshalb ins Vertrauen gezogen, damit ich dir meine Meinung mitteile, daher will ich dir entschieden davon abraten. Es wird sicherlich z> Mord und Totschlag kommen, und da könnte die Sache für dich doch einen üblen Ausgang nehmen," „Da sei nur ohne Sorge. Uebrigens, Sergi, nicht un mir zu raten, habe ich dich in meine Pläne eingeweiht,' lächelte Torakow schlau, „sondern weil du dich dabei beteilige: sollst." „Da sei Gott vor!" rief dieser, einen Schritt zurückweichend. „Nie und nimmer werde ich mich bei so etwas beteiligen." Torakow biß sich die Unterlippe wund, gab aber sonsi kein Zeichen seiner inneren Erregung. „Du mißverstehst mich, mein Freund," suchte er den Baro: zu beschwichtigen: „ich erwarte keineswegs, daß du Person lich dabei mit eingreifen oder auch nur irgendeine Verant Wortung tragen sollst: dennoch aber kannst du mir in andere: Hinsicht nützlich sein. Sieh mal, lieber Sergi. Die Sache wird natürlich viel Staub aufwirbeln. Die Juden brüllen ja schon wie besessen, wenn nur ein Schoßhündchen sie anbellt. Not gedrungen wird die Regierung eine Untersuchung anordnei müssen, und da wird es für mich von großem Nutzen sei:: wenn ich auf deine moralische Unterstützung rechnen könnte. Das ist doch nicht schlimm." „Moralische Unterstützung, wenn Menschenblut vergossen wird!" wiederholte der Präfekt bitter. „Nur deine Bestätigung als Augenzeuge, Sergi," fuhr Torakow mit einem häßlichen Lächeln fort. „Du warst gerade mit deinem vortrefflichen Sekretär hier, als das Ereignis eintrat, und du hattest genügend Zeit, um die Verhältnisse dieses Distrikts kennenzulernen, die durch die Raubgier und durch die Betrügereien der Juden für die ganze Bevölkerung unerträglich geworden waren. Du hast dich sogar von einigen ihrer Schwindeleien persönlich überzeugt, darum mußte, nach deiner bestimmten Absicht, die langangesammelte Erbitterung endlich einmal zum Ausbruch kommen. Hörst du, Sergi?" Es war Schmulikof, der ihm antwortete. „Exzellenz wünschen, daß der Herr Präfekt dieses bestätigen und daß ich es noch besonders bezeugen soll?" „So ist es, mein lieber Schmulikow," ries Torakow und seine Züge hatten sich wieder aufgehellt; „doch in Ihrem Falle würde ich mich mit Ihrer einfachen Zeugenschaft nicht begnügen, vielmehr will ich Sie bitten, mit all Ihrer Klugheit und Fähigkeit einen Bericht in diesem Sinne für mich abzufassen, und seien Sie versichert, ich werde nicht ermangeln, mich Ihnen in jeder Weise erkenntlich zu zeigen." „Wie kam es nur, daß Exzellenz bei dem letzten Aufruh: nicht an solche Vorsichtsmaßregeln gedacht hatte?" fragt: Schmulikof, ohne aus die Versprechung oder auf die gespendete Schmeichelei weiter einzugehen. „Damals war ich nicht persönlich dabei beteiligt; aus gewissen Gründen, aus verschiedenen Differenzen mit den: Polizeimeister mußte ich im Hintergründe bleiben und durfte mich nicht aktiv dabei betätigen; doch diesmal hindert mich nichts, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und ich selbst will die Rädelsführer genau über ihre Aufgabe unterrichten daß sie keine Gefahr laufen und keine Nachteile zu befürchten haben." „Mit anderen Worten, es soll diesmal ein ungehindertes Blutvergießen erfolgen?" Torakow zuckte mit den Achseln. „Und wenn schon? Man kann keinen Eierkuchen backen, ohne die Eier zu zerbrechen. — Sergi, was meinst du?" Dieser fuhr heftig zusammen. Er war Torakows Erläuterungen nur mit halbem Ohr gefolgt, weil er sich Schmulikofs scheinbare Ruhe und Einverständnis durchaus nicht erklären konnte. Seine Antwort kam daher nur zögernd und zurückhaltend. (Fortsetzung folgt.)

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