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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-28 · Heft 30 (28.7.1916) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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859 schade, daß die Freude von so kurzer Dauer gewesen. Durch Almas übermütiges, wildes Selbstkutschieren hatte das eine Pferd schon nach einigen Tagen ein Bein gebrochen und mußte erschossen werden. Damals schon hatte Torakow darin ein böses Vorzeichen erblickt, und seitdem hatte ihm die Angst förmlich die Kehle zugeschnürt, daß die gefälschten Belege, die er der Regierung eingereicht, noch böse Folgen nach sich ziehen werden. Bei dem Besuche des Präfekten glaubte er ein wenig freier aufatmen zu können, Glogowsky, sein Jugendfreund, war nicht nur sehr reich, sondern auch ein Günstling des Kaisers und dadurch sehr einflußreich. Bei passender Gelegenheit wollte er sich ihm anvertrauen und seine Hilfe erbitten. Allein in seiner Feigheit fehlte ihm der Mut dazu, und er verschob es von einem Tage zum anderen. Seine Hoffnung sank mehr und mehr; der strengrechtliche Standpunkt des Präfekten, den dieser so oft bekundet und — wie es dem Schuldbewußten vorkam — nicht ohne Absicht so oft betont hatte, machte eine freie Aussprache zur Unmöglichkeit. Und nun gar die heutige Bauerndeputation mit ihren Konsequenzen! Die Leute waren der Verzweiflung nahe, ihr Elend war groß und konnte nicht länger verheimlicht werden, eine Hungersnot war unausbleiblich; es war kein Gedanke, daß sie die Steuern entrichten konnten. Wie lange noch, und die Kunde davon würde nach Petersburg dringen; die Behörden würden Nachfrage halten, seine Schuld würde ans Tageslicht kommen und dann . . . Er hatte sich dies alles schon so oft in seinem Geiste ausgemalt, daß die Schrecken für seine eigene Person sich bereits zur Alltäglichkeit abgestumpft hatten. Doch der Gedanke an das traurige Schicksal seines einzigen Kindes war ihm gräßliche Höllenpein. Wenn er doch bloß einen Ausweg wüßte, um die Katastrophe wenigstens noch hinauszuschieben, bis Alma anderweitig versorgt war! Wenn er doch bloß ein Mittel ausfindig machen könnte, um die Muschiks zu beschwichtigen, um für ihre verzweifelte Stimmung eine Ablenkung zu schassen! Er dachte lange und angestrengt nach, plötzlich aber sprang er wie elektrisiert auf. Ja, ja; das Mittel ist gut. Den Muschiks soll geholfen werden, sie sollen mehr Geld bekommen, als sie je von der Regierung hoffen dürften. — Das Mittel ist ja auch alterprobt und hat sich noch immer gut bewährt! Die ausländischen Zeitungen werden freilich wieder einige Artikel schreiben und über das unmenschliche Gebaren in Rußland zetern — aber an der Tatsache wird dadurch nichts geändert werden. Und sollte es selbst zu einer Untersuchung kommen, nun, als Gouverneur werde er ja den Vorsitz führen. Wer kann es auch den Bauern verargen, wenn sie sich, in ihrer Verzweiflung, gegen diejenigen erheben, die Millionen mühelos zusammenschachern, die in den Städten sich eng miteinander verbinden, um den Landleuteu den schwer und sauer erworbenen Verdienst abzugaunern? XV. Mit eiligen Schritten begab sich Torakow zu dem Präsekten, den er mit Schmulikof bei der Arbeit traf. „Sergi, kannst du mir fünf Minuten Gehör schenken?" fragte er nach der Begrüßung. „Sogar fünf Stunden, wenn du willst/' lächelte dieser freundlich; „doch warum denn gar so geschäftsmäßig? Ich wollte dir ohnedies einen längeren Spaziergang Vorschlägen, da können wir ja gemütlich plaudern." „Weil es tatsächlich etwas Geschäftliches ist, das ich mit dir gern und bald erledigen möchte. Bleiben Sie nur ruhig da, Schmulikoff," wendete er sich an diesen, der Miene machte, diskret das Zimmer zu verlassen. „Ich bin ja absichtlich während der Arbeit hergekommen, damit auch Sie Gelegenheit haben, Ihre Ansicht zu äußern. Es betrifft ja eine Verwaltungsangelegenheit, und da dürfte es für Sie, als jüngeren Beamten, nicht ohne Nutzen sein, aus der Erfahrung der älteren gute Lehren zu schöpfen." Schmulikof verbeugte sich und nahm wieder seinen Platz ein. „Bei den Muschiks im hiesigen Bezirk gärt es wieder nicht unbedenklich," leitete Torakow sein Vorhaben ein. „Ja; ich hörte davon, daß eine Deputation heute bei dir war," bemerkte der Baron mit großem Ernst. „Wo fehlt es denn?" „Sie jammern mir wieder den Kopf voll, daß die Ernte zum Teufel sei, falls sie kein Geld bekommen, um sich Ackergerät und allerlei Zeug anfchaffen zu können. Sie sind dem Verhungern nahe und wollen, daß ich inich für sie bei dem Minister verwende." „Was du natürlich tun wirst, da es deine Pflicht ist." „Das ist leichter gesagt, als getan. Ich habe allerlei Bedenken und sogar triftige Gründe, es nicht zu tun. Erstens bin ich fest überzeugt, daß es erfolglos sein wird; sodann aber müßte ich mich auf einen scharfen Verweis gefaßt machen, daß ich meinen Distrikt nicht besser verwalte. Als ob es die einzige Aufgabe des Gouverneurs sei, sich um die Kuhställe und Kartoffelkeller der Bauern zu kümmern." Er brach ab und blickte seine Zuhörer erwartungsvoll und durchdringend an, als müßte er erst das Terrain sondieren. Als aber keinerlei Antwort erfolgte, fuhr er entschlossen fort: „Da ich also von Petersburg nichts zu erwarten habe, muß ich den armen Leuten Gelegenheit verschaffen, ihre Bedürfnisse aus der Hilfsquelle zu decken, die hier bei der Hand ist." „Hilfsquellen — hier bei der Hand!" wiederholte der Präfekt gedankenvoll und erstaunt. „Torakow, was meinst du damit? Hast du etwa Goldfelder oder Petroleumquellen hier entdeckt?" Wie man's nimmt," war seine zurückhaltende Antwort; „meine Hilfsquellen sind sogar noch weniger beschwerlich und weniger kostspielig als jene. — Es sind die natürlichen, althergebrachten des russischen Volkes, es sind — die Juden!" Der Baron sprang auf und warf einen besorgten Blick aus Schmulikof; dieser aber saß ruhig da und seine Miene zeigte keinerlei Veränderung. „Jawohl, die Juden," wiederholte Torakow, der in der Bewegung des Barons einen Widerspruch zu sehen glaubte. „Warum denn nicht? Es ist Zeit, daß das gepeinigte russsische Volk wieder einmal Gelegenheit findet, den Spieß umzudrehen und gegen die Teufel zu richten, die ihm die Erde zur Hölle gemacht. Sagen Sie, Schmulikof," wendete er sich an diesen, da der Baron zum Fenster gegangen und dort nachdenklich stehen geblieben war, „wer anders ist für die jämmerlichen Folgen verantwortlich, die unser Land durchzumachen hat, als diese Parasiten, die jede Energie, alle Lebenskraft aus uns herauspressen, die alle unsere gesetzlichen Einrichtungen über den Haufen werfen, die uns zu Verwicklungen mit dem Auslande führen, als nur allein die wucherischen Juden?" „Gewiß, Exzellenz," sprach Schmulikof, ohne mit der Wimper zu zucken; „jener Volksstamm greift mächtig ein in unser Wirtschaftsleben und ist ein tonangebender Faktor bei allen Erwerbsunternehmungen dieses Landes." „Nicht wahr?" fuhr Torakow grimmig fort, nicht wissend, wie er Schmulikofs Aeußerung auffassen sollte. „Dabei kennen Sie das Lumpengesindel nicht halb so gut wie ich, der sich seit Jahrzehnten mit ihnen abplagen muß. Sie dürfen es mir daher schon glauben, wenn ich Ihnen sage, daß kein Betrug, keine Hinterlist vorhanden ist, die der Teufel nicht diesem Volke beigebracht hat. — Es ist gleichsam, als wäre ein tückischer Magnetismus in diesem Volke, der den Wohlstand des Landes an sich heranzieht, so daß die Reichen zu Bettlern und die Bettler zu Bestien werden, die sich um einen halbangefaulten

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