Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-28 · Heft 30 (28.7.1916) · p. Seite 357

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
Seite 357 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229263--72402-3284842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

857 4. Was Wilhelm Goldbaum in seinen „Entlegenen Culturen" und trt „Literarische Physiognomien" über Kompert geschrieben, ist kritisch auch wertvoll. Das ist, was ich vorläufig weiß. Sollte ich noch erfahren, so schreibe ich Dir sofort . . . Dein treuergebener K. W. Berlin, 14. 11. 85. Lieber Freund! Die Idee der Uebersiedlung7 8) halte ich für sehr gut. Aber ich meine, daß bei Deiner Kenntnis des Ungarischen Pesth weit vorzuziehen sei. Die Befürchtung, daß es zu weit von Deutschland sei, scheint mir ganz grundlos. Erstens würdest Du gerade dadurch eine Vermittlerrolle zwischen beiden Staaten und Literaturen spielen, zweitens würdest Du sämtliche deutschen Zeitungen von dort mit Feuilletons und Correspondenzen speisen können. Ich erinnere mich, daß Nordau alle deutschen Blätter vollgeschrieben hat, wie er noch in Pesth lebte. Desgleichen früher Nemönyi. Jndeß glaube ich auch, daß Du in Wien Dein gutes Fortkommen finden wirst. Dein treuer Karpeles. Berlin W., 20. 11. 85. Ich danke Dir herzlich füx Dein schönes Bull/), daß ich mit großen Vergnügen in den von Dir gewünschten Blättern anzeigen werde. Ein-- zelnes, was ich darin gelesen, namentlich die beiden ersten Essays, sind ganz ausgezeichnet. Ich bemerke einen großen Fortschritt bei Dir in der Eleganz des Stils und der fein durchgenrbeiteten Darstellung, zu dem ich Dir nur gratulieren kann. Wie sagtest Du doch in Deinem vorletzten Brief, wie heißt der Verleger, der Dich betreffs Kompert im Stich gelassen? Ich habe den Namen nicht enträtseln können und die Sache interessiert mich des Stoffes wegen. Ich glaube nämlich, daß ein solches Buch in Oesterreich gehen würde, und möchte Dir Vorschlägen, Dich an Alfred Hölder zu wenden, wenn Du es noch nicht getan hast. Auch Konegen würde es übernehmen. Mit herzlichen Grüßen für heute an Dich und Deine liebe Gattin und Sohn von mir und den Nieinen Dein getreuer Karpeles. Im Jahre 1886 traf Karpeles ein schwerer Schicksalsschlag, der ihn tief niederbeugte. Sein einziges geliebtes Kind, ein reizendes Töchterchen von sieben Jahren, wurde ihm durch den Tod entrissen. Er konnte sich jahrelang über diesen schrecklichen Verlust nicht trösten und seine Briese an mich aus jener Zeit sind voll beweglicher Klagen über das grauenhafte Unglück, das ihn betroffen. Ich glaube auch, daß seitdem sein früher so blühender Gesundheitszustand erschüttert wurde. Seine melancholischen Anwandlungen, die allerdings schon früher sich zeigten, nahmen immer mehr zu und die Schwermut war seitdem eine treue Begleiterin durch sein ganzes Leben. Hier -einige Briefe aus den Jahren 1886 und 1887, worin er von der Herzenswunde, die sich nicht schließen wollte, und noch einigen anderen Sachen mir Kunde gibt. Warschau, 14. 10. 86. Liebster Freund! . . . Von mir kann ich aber nichts Gutes sagen. Meine Wunde blutet noch immer, und jetzt mehr als je, wo ich daran denken muß, nach Berlin zurückzukehren, in dieselbe Wohnung, verwaist, aus der ich vor sechs Monaten so glücklich ausgezogen bin. Auch sonst bin ich unzufrieden mit Gott und der Welt. 9'fm meisten aber mit mir selbst und meinem verfehlten Leben! . . . . . . Gegenwärtig arbeite ich an einer großen kritischen Heine- Ausgabe, deren erster Band schon nächstens erscheint, und den ich Dir vom Verleger zuschicken lassen werde. Die Arbeit macht mir unsägliche Mühe und lohnt sich garnicht. Ich schließe für heute. Schreibe mir doch bald — ich bleibe hier noch bis zum 24. d. M., wenn nicht länger! Dein treuer G. Karpeles. Berlin W, 12. 1. 87. Lieber alter Freund! ... Du schreibst — ich kann Dir nur antworten. Ich lebe wie im Schlafe, mechanisch arbeite ich, mechanisch lebe ich meine Tage dahin, seit mir das größte Unglück passiert ist. Aber wozu sollen lvir 7) Nach Wien. 8) „Moderne Geistesheroen", Berlin 1885. Einer dem Andern mit Klagen das Leben schwer machen? Wir haben beide genug zu tragen. Nur noch zwei Sachen: Warum schreibst Du nicht für die „Deutsche Wochenschrift" in Wien (Herausgeber Dr. I. E. Rüssel, I, Löwengasse 14). Dieselbe geht gut und braucht viel Literarisches. Ich habe heute hingeschrieben und Dich unverschämt gelobt. Also schreibe hin und berufe Dich auf mich schlechtweg. Zweitens: die neueste Neuigkeit. U. hat die „Deutsche Illustrierte Zeitung" (Dominik) gekauft! Man sagt um 400 000 Mark. Was sagst Du dazu? In jedem Falle wirst du jetzt fleißig Mitarbeiten können, da Du ja wohl mit U. gut stehst. Schreibe ihm bald, sobald die Sache publik wird — früher nicht —, daß er Dich mit Aufträgen beschäftigen möge. Er wird's tun! Mich haßt er noch immer wie die Sünde. Ich schließe für heute, hoffend und wünschend, daß der Briefwechsel nicht so lange in's Stocken gerate! Dein stets getreuer Karpeles. Karlsbad, 23. 5. 87. Lieber Freund! Ich bin sehr krank, mißgestimmt und selbstmörderisch gestimmt, hätte Dich also heute gewiß nicht mit einem Klagebrief belästigt, wenn ich nicht eine große Bitte an Dich hätte. In Leipzig ist 1844 oder 1848 eine Brochüre erschienen: „Heinrich Heines politisches Glaubensbekenntniß". Diese Brochüre brauche ich im Augenblicke, wo ich beim VII. Bande meiner Ausgabe bin, sehr nothwendig und möchte sie um jeden Preis haben. In dieser Noth wende ich mich an Dich: Vielleicht kannst Du sie bei einem dortigen Antiquar auftreiben, ich zahle gern jeden Preis dafür, und man könnte sie mit Postvorschuß zuschicken, oder noch eher könntest Du sie aus der dortigen Bibliothek entleihen, wo sie bestimmt ist, und mir herschicken. Ich würde sie Zuverlässig in acht Tagen dankbar retournieren. Sei überzeugt, daß ich Dich nicht belästigt hatte, wüßte ich mir eine andere Quelle, die besser wäre. In der „Deutschen Wochenschrift" werden Deine Artikel jetzt hintereinander erscheinen. Einer war ja schon abgedruckt. Dränge aber die Leute nicht zu sehr. Auch Franzos will gerne von Dir bringen. Er kann aber nur ungedruckte Briese, Aufsätze, Gedichte brauchen. Die zahlt er sehr gut. Du hast ja dergleichen. — Warum publizierst Dil es im „Magazin", das so schlecht zahlt? Auch Granichstättel?) habe ich Dich wärmstens angepriesen. Sie brauchen aktuelle, pikant geschriebene Feuilletons. „Dresdener Frühlingstage", das wäre vielleicht ein Stofs für die alte „Presse". Mir ist so kalt und schlecht von den verheerenden Wirkungen des Sprudels, daß ich abbrechen muß. Bitte tue mir den Gefallen wegen obiger Brochüre — mit Sehnsucht harre ich auf Deine diesbezüglichen Mitteilungen. Karpeles. Meine Werke verfolgte Karpeles stets mit dem lebhaftesten Interesse. Auch besprach er sie wiederholt in den namhaftesten deutschen und österreichischen Zeitungen. So veröffentlichte er z. B. eingehende Essays über meine Schriften: „Moderne Geistesheroen", „Die deutsche Sappho" und andere mehr. Die letztere hatte ich ihm als Zeichen unserer langjährigen Freundschast gewidmet. Er dankte dafür gerührt mit folgendem Schreiben: Karlsbad, 2. 6. 87. Teuerster Freund! Gestern Nachmittag hat mir die Post endlich Dein Buch gebracht — leider ohne den Brief. — Ich habe es in zwei Stunden sofort durchgelesen und sage Dir tausendfachen Dank sür die Ehre und Auszeichnilng, die Du mir dadurch erwiesen, daß Du demselben meinen Namen vorgesetzt hast. Alte Erinnerungen der Jugend stiegen gestern in langer Revue vor mir auf, die Schmerzenstage des Seminars, die Arbeitstage der Oderstraße, die Heine-Tage in der Elisabethstraße, die Hildesheimer Nascher-Periode, die „Breslauer Nachrichten"-Epoche, dann die Berliner Zeit, wo Du im Großen und Ganzen doch trotz mancher Plackerei leidlich zufrieden warst. Ich trage die feste Zuversicht in mir, daß es Dir noch einmal wirklich gut gehen wird. Du weißt, ich bin ein gläubiges Gemüt und hege Vertrauen in die Vorsehung. Ohne dieses Vertrauen würde ich nach dem harten Schicksalsschlage, der mich getroffen, dann noch (eben? So glaube ich denn auch, daß Deinem unausgesetzten Arbeiten o) Granichstütten war Redakteur der längst eingegangenen alten Wiener „Presse".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.