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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-28 · Heft 30 (28.7.1916) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
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356 deutsche Student ein ganz erhebliches Maß von Vorkenntnifsen Nachweisen muß. Das bedeutet eine ungeheuerliche Benachteiligung der eigenen Landsleute. — Daß eine befriedigende Kenntnis der deutschen Sprache vom Ausländer verlangt wird, ist ebenfalls wünschenswert. Unsere Glaubensgenossen wird sicherlich gerade diese Vorschrift nicht hart treffen. — Erfreulicherweise ist heute die früher stets geltend gemachte Forderung, daß die Ausländer zunächst mindestens ein Semester an einer Heimatuniversität zu studieren hätten, nicht wieder laut geworden. — Wir dürfen aber unsere Erörterung nicht schließen, ohne darauf hinzuweisen, daß nach der Fassung der Eingabe alle Beschränkungen nur für „Ausländer deutscher Abstammung und Muttersprache" gelten sollen. Ohne Zweifel hat man hier an völkische oder rassische Momente gedacht. Das aber muß unsere ganz besondere Aufmerksamkeit erregen; denn wir wissen, wie gern man von derartigen Gesichtspunkten gerade bei der Behandlung der Juden ausgeht. Man wird sich gewiß hüten, jemals einen Juden als „deutscher Abstammung" zu bezeichnen. Durch die gesetzliche Festlegung dieses Wortlautes wüvde demnach antisemitischen Uebergrisfen Tür und Tor geöffnet werden. Diese Gefahr fällt aber weg, wenn man den feststehenden Begriff der Staatszugehörigkeit als Unterscheidungsmerkmal wählen würde. Die Preußische Regierung hat zu der Frage noch nicht Stellung genommen. Vor wenigen Wochen hat nach den Zeitungsberichten im Staatshaushaltsausschuß des Abgeordnetenhauses aber der Kultusminister die Erklärung abgegeben, daß die Zulassung der ausländischen Studenten nur vom Standpunkt der deutschen und Preußischen Interessen aus zu beurteilen sei. Was der Minister damit meint, ist noch nicht ersichtlich. Wir aber sind der Ansicht, daß den Interessen unseres Staates am besten entsprochen wird, wenn wir das kulturelle Vermächtnis des alten Deutschlands dadurch in Ehren halten, daß wir in der anbrechenden neuen Zeit uns auch weiterhin bestreben, die Lehrer der Völker zu bleiben. Wir wollen die Fremden nicht bevorzugen. Das wäre ein schweres Unrecht gegen die Söhne unseres eigenen Volkes, die in diesen Tagen solch Gewaltiges vollbracht haben. Ebensowenig aber dürfen wir auch Gesetze erlassen, die im Enderfolg nur die Bekenner einer bestimmten Weltanschauung in Nachteil setzen. Unser Staat ist ein Kultur- und ein Rechtsstaat. Dessen seien wir eingedenk! Gustav karpeles als Sriefschreiker. Mit zahlreichen ungedruckten Briefen desselben. Von Dr. Adolph Kohut. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) achdem ich, dem Zureden meines Freundes folgend, mich in Berlin niederließ und dort literarisch tätig war, erhielt ich 1872 einen Ruf als Schriftleiter der „Düsseldorfer Zeitung", den ich annahm, währendKarpeles nachBreslau übersiedelte, wo er als Feuilletonredakteur der „Breslauer Zeitung" wirkte. Durch meine riesige Beschäftigung infolge der Tagesarbeit, die alle meine geistigen und physischen Kräfte in Anspruch nahm, vernachlässigte ich die Korrespondenz mit ihm, bis ich eines Tages durch einen scharf gepfefferten Brief aus meiner Lethargie aufgerüttelt wurde. Waren auch unsere brieflichen Beziehungen in den siebziger und achziger Jahren keine besonders innigen, so unterließen wir es doch nicht, uns wenigstens zu unseren gegenseitigen Geburtstagen zu beglückwünschen, und dies um so mehr, als ich am 10. November und Karpeles am 11. November das Wiegenfest feierte. Als ich am 13. September 1884, nachdem ich viele Jahre hindurch als Feuilletonredakteur der liberalen „Berliner Zeitung" tätig gewesen, urplötzlich als „lästiger Ausländer" von der Preußischen Regierung ausgewiesen wurde und Knall und Fall die preußische Hauptstadt verlassen mußte, siedelte ich nach Dresden über. Während dieser ganzen für mich so traurigen Zeit gab mir Karpeles viele rührende Beweise feiner Treue und Anhänglichkeit, obschon er als nichtnaturalisierter Preuße in jener Ausweisungsära alle Ursache hatte, im Verkehr mit einem so verfemten „Staatsverbrecher" sehr vorsichtig zu sein. Ich hatte schwer mit dem Schicksal zu ringen, zumal ich über ein Jahr lang an der Ischias, der Krankheit des damaligen Altreichskanzlers Fürsten v. Bismarck daniederlag. Die Briefe von Karpeles gewährten mir Trost und Erhebung in meinen seelischen und physischen Leiden. Hier nur einige als Beispiele: W. Berlin, 30. Septr. 84. Liebster Freund! Es ist schwer, in Wien Pvsto zu fassen. Hat man aber einmal einen Anhaltspunkt, so ist es leicht, sich festzusetzen und Wurzel zu fassen. Ein Mann wie Tu verliert nichts an seinem Wert und seiner Bedeutung, wenn er Texte zu Bildern schreibt'). Du darfst nur nicht Dein Selbstvertrauen verlieren und niemals vergessen, daß Du einer der begabte st en und fleißig st en deutschen Public i st e n b i st, der in der Journalistik s e h r g u t renommiert ist. Wenn Tu davon ausgehst, wirst Tu Dir leicht einen Wirkungskreis schassen, gleichviel, von wo Tu anfängst. Alles erdenkliche Glück auf Deiner Reise!! Und schreibe bald Deinem treuen ergebenen Karpeles. Berlin W„ 27. 1. 85. Liebster Freund! Ich war wieder sehr krank und bei meinem Leiden ist das schlimmste, daß eine scheußliche Hypochondrie eintritt, die einem zu jeder Arbeit, ja selbst zu einem einfachen Briefe unfähig macht. Tie Idee des Mutterbuches deutscher Poesie^) halte ich nach wie vor für sehr gut, und versteht es sich von selbst, daß ich sie Dir mir Vergnügen abtrete. Ich würde alle Dichter Deutschlands nehmen und nicht alphabetisch, sondern nach der Zeit. Einen Verleger findest Du sehr leicht dafür. Ich glaube, Herr L. Ehlermann in Dresden, der die Anthologie von Avenarins hat, ivird ein solches Buch auch gewiß bei» Karpeles. Liebster Freund! Vf. Berlin, 21. 5. 85. Was nun die Kompert-Sache") betrifft, so begrüße ich zunächst die Idee mit großer herzlicher Freude. Briese habe ich nur 2 oder 3 — ganz uninteressant und rein persönlich. Ich glaube überhaupt nicht, ob Briefe über Kompert sich litterarisch wertvoll erweisen würden. Dagegen kann ich Dich auf folgendes Material verweisen: 1. Kompert oder sein Schwiegersohn Dr. Kurländer haben eine Biographie aus einem kleinen Taschenalmanach, ich glaube: deutschböhmischer Provenienz, aus den fünfziger Jahren, den der letztere vor zwei Jahren mir leihweise überlassen und den ich nach Gebrauch ihm sofort wieder zurückgeschickt. Er ist biographisch namentlich für die frühere Zeit das E i n z i g e und B e st e für diesen Zweck! Vielleicht hast Du schon den Artikel. 2. In den „Illustrierten Monatsheften für das Judentum", die ich leider nicht besitze (es sind nur 2 Bände erschienen bei A. Hilberg in Wien), stand ein Essay von Eduard Kulke über Kompert, den ich, wieder literarisch betrachtet, für das Bedeutsamste halte, was bisher über ihn geschrieben worden. 3. Einer seiner besten Jugendfreunde, der sein Entstehen und Wachsen miterlebt, ist Dr. Hieronymus Lorm in Dresden. Wenn Tu zu ihm gehst, wird er Dich überaus freundlich ausnehmen und Dir massenhaftes Material geben. Sage nur, Frau Ulla Wolfs schickt Dich, die mit ihm sehr befreundet ist. Eine besondere Empfehlung brauchst T u nicht, Du bist der besten Aufnahme sicher. 4) Ich erhielt eine Berufung an die „Wiener Illustrierte Zeitung", die damals K. E. Franzos redigierte, doch konnte ich ihr leider durch meine schwere Erkrankung nicht Folge leisten. *0 Ich trug mich damals mit dem Gedanken, ein Werk bzw. eine Anthologie zu schreiben über die Atutter in der deutschen Dichtung. ") Ich wollte ein Werk über Leopold Kompert anläßlich seines 100. Geburtstages schreiben.

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