Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
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Wissenschaft umgeben keine Geheimnisse wie etwa die Sprengstoffabriken. Daß die Fremden trotz ihres Aufenthaltes an unseren Universitäten uns und unser ganzes Wesen falsch eingeschätzt haben, das haben wir doch zur Genüge erfahren. Doch hoffen wir, daß jetzt zweifellos ein Ende sein wird mit der Ueberschätzung des Ausländers. Der Ausländer wird nicht mehr als ein Wundertier angestaunt werden, das mit größter Zuvorkommenheit behandelt werden muß. Man wird es vor allen Dingen hoffentlich nicht mehr für nötig erachten, alle häßlichen Angewohnheiten des Fremden unverzüglich nachzuahmen. Und es wird vielleicht auch nicht mehr zum „guten Ton" gehören, sich so ausländisch wie möglich in Kleidung, Gebaren und Sitten aufzuführen. Unsere eigene Kraft haben wir jetzt — es ist traurig, daß es dazu erst eines solchen Geschehens bedurfte — kennengekernt und das Fremde in seiner ganzen Nacktheit und so oft auch in seiner ganzen Erbärmlichkeit geschaut. Endlich seien wir uns darüber klar — in diesem Zusammenhang sei das besonders betont —, daß wir die Gebenden und die ande- > reu die Nehmenden sind. Deshalb ist es auch sinnlos, die Nichtdeutschen, die mit dem ausgesprochenen Zweck, hier zu lernen, Herkommen, bloß weil sie Fremde sind, zu bevorzugen. Keine nationale Begrenzung unserer Wissenschaft, aber auch keine Bevorzugrlng der Ausländer: das sind die Gesichtspunkte, von denen aus wir die Frage des Studiums der Ausländer an unseren Hochschulen, die heute wieder > Gegenstand lebhaftester Erörterung ist, zu lösen haben. Es sei daran erinnert, daß in den beiden letzten Jahren vor dem Kriege schon diese Frage eine Zeitlang im Brennpunkt des Interesses stand. Der Hallenser Klinikerstreik gab den studentischen Vertretungen fast aller Hochschulen Veranlassung, zu dem Problem Stellung zu nehmen. Teilweise haben dann die Bundesstaaten auch schon bindende Beschlüsse gefaßt. Die inneren Gründe, die die „Ausländerfrage" an unseren Hochschulen haben entstehen lassen, sind wenig verschieden von denen, die sie heute wieder ans Tageslicht, bringen. Es muß vorweggenommen werden, daß nahezu die Hälfte der Ausländer an unseren Hochschulen (45 Prozent) russische Staatsangehörige waren und daß von ihnen wieder die Mehrzahl Medizin studierte. (Vgl. hierzu die ausführ-, lichen statistischen Aufstellungen von Dr. Julius Heilbronner j im dritten Jahrgang der „K. C.-Blätter", S. 120 ff.) Dem: Religionsbekenntnis nach ist ein erheblicher Teil der Russen Juden. Der russische Staat hat bekanntlich seinen Untertanen jüj bischer Konfession die Möglichkeit des Studiums an den russischen! Universitäten durch Einführung der Prozentnorm geradezu unmöglich gemacht. Infolgedessen ist der russische Jude, der sich höherer Bildung zuwenden will — und das Bildungsstreben ist ja bei uns Juden besonders stark ausgeprägt —, auf das Ausland angewiesen. Hier kommen natürlich in erster Linie die deutschen Universitäten in Betracht. Daß diese russisch-jüdischen Studenten in ihrem Aeußeren und in ihrem ganzen Auftreten sich von den Deutschen sehr unterscheiden, ist bekannt, aber auch verständlich, wenn wir bedenken, welch beispiellose Entbehrungen und Demütigungen sie von Kindheit an zu erdulden haben. So gehen wir denn auch wohl nicht fehl, wenn wir die Abneigung gegen die Juden als die Haupttriebfeder der Bewegung gegen die ausländischen Studenten an sehen. Und die Vorschläge, die seinerzeit von den Studentenausschüssen gemacht und dann teilweise von den Bundesstaaten angenommen wurden, zielen denn auch darauf hin, vor allem Liesen russisch-jüdischen Studenten den Zutritt zu unseren Hochschulen zu verwehren. Daneben sind gewiß noch, andere Gründe maßgebend gewesen. Wahrscheinlich spielt auch die Verbitterung über die Bevorzugung der Ausländer mit, die vor allem darin bestand, daß man von ihnen nicht die Vorkenntnisse verlangte wie von den deutschen Studenten — den Medizinern war z. B. das Praktizieren erlaubt, ohne daß sie das Physikum abgelegt hatten. Vielleicht mag auch manchem deutschen Studenten der Fleiß der Ausländer, der nicht selten wohltätig von dem unserer Studenten abstach und ihnen zu gewissen Vorteilen verhaft — so' hatten sie fast regelmäßig in den Hörsälen und Instituten bessere Plätze inne —, mißfallen haben. Aber wir wiederholen: der Hauptstoß der Bewegung richtete sich gegen die russischen Studenten jüdischen Glaubens. Und wenn wir nun die Wünsche einer näheren Untersuchung unterziehen, die in diesen Tagen von einigen Studentenausschüssen der Regierung zu dieser Frage unterbreitet worden sind, so können wir uns wiederum des Eindruckes nicht erwehren, als ob auch hier das nächste Ziel die Fernhaltung der russisch-jüdischen Studenten sei. Bemerkbar ist dabei allerdings auch das Bestreben, auf Grund der im Krieg gesammelten Erfahrungen, den Ausländer überhaupt nicht allzu vieler unverdienter Vorteile teilhaftig werden zu lassen. Nachdem zunächst der Göttinger Studentenausschuß der Frage wieder näher getreten ist, beschäftigte sich die Vertretung der Berliner Studentenschaft eingehendst mit ihr. Nach längerer Verhandlung wurde unter Zustimmung aller Parteien und Richtungen — allein gegen die Stimmen des Kartells jüdischer (zionistischer) Verbindungen und eines verschwindend kleinen Teiles der Nichtinkorporierten — eine Eingabe an den Synagoge in Warschau. ■jspr*“