Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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353 v erschlepp ten Juden an und sagt, das sei nur ein Dokument unter tausenden, die alle bezeugten, daß die Lage der Juden in Rußland sich in 'Nichts während des Krieges gebessert habe. Nachdem die Spionensurcht sich etwas beruhigt Halle und die Juden nicht mehr als Verräter verfolgt werden, habe man jetzt etwas anderes gesunden, das man ihnen in die Schuhe schiebe: die Teuerung. Ein hier schon mehrfach erwähntes Geheimzirkular der russischen Polizeidepartements an die Provinzgouverneure Gezeichnete die Juden ausdrücklich als Urheber der allgemeinen Teuerung und forderte die Gouverneure auf, sich diese Mitteilung zur Richtschnur dienen zu lassen. Mau wisse, was das heißen wolle. Das Zirkular mache seinen Weg und tue seine Wirkung. Ueber dasselbe Thema äußert sich die Vertretung des Jüdischen Arbeiterbundes im Auslande: Ueber die sogenannte Militärspionage der Juden wird nicht mehr gesprochen. Diese ruchlose Lügenfabrikation der Regierung hat aber einem neuen Verleumdungsfeldzug Platz gemacht. Die Juden — heißt es jetzt — treiben eine deutschfreundliche Agitation unter den Soldaten und verleiten sie zur Fahnenflucht. Tatsächlich wurde in den letzten Monaten die Desertion im russischen Heere zu einer Massenerscheinung. In den Dörfern sind Zehntausende von geflüchteten russischen Soldaten geborgen. Unaufhörlich werden sie ausgegriffen und den Behörden eingeliefert. Dabei muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß unter den Fahnenflüchtigen bisher kein einziger jüdischer Soldaten aufgegriffen wurde. Der Hauptstab aber, vor allem bedacht, die Schuld an der Massendesertion auf die j ü d ische Bevölkerung a b z u w ä l z e n : der Chef des Hauptstabes — Alexejew — forderte vom Ministerpräsidenten Stürmer die unverzügliche Durchführung energischer Maßnahmen gegen die jüdische Propaganda zur Fahnenflucht. Stürmer richtete darauhin ein Kreisschreiben an die Gouverneure, Gendarmerieverloaltungen, Eisenbahnbehörden usw. mit dem Befehle, die gesamte jüdische Bevölkerung streng im Auge zu behalten. Im besonderen müsse auf Juden in den Eisenbahuzügen und auf den Wzweigungssiationen geachtet werden. Wird ein Beweis für die Agitation eines Juden unter Militärpersonen erbracht, müsse dieser vor ein Feldgericht gestellt werden. Bei unzureichendem Beweismaterial müsse er aus dem Verwaltungswege nach Sibirien verbannt werden. Durch Stürmers Zirkular ist auf diese Weise die gesamte jüdische Bevölkerung unter besondere Aussicht gestellt worden; der niedrigsten Instanz gegenüber beim geringsten Verdacht ist das Leben eines Juden vogelfrei. Damit nicht genug, wird jetzt die Legende verbreitet von angeblichen Torturen, die die russischen gefangenen Soldaten von ihren jüdischen Mitgefangenen in den deutschösterreichischen Gefangenenlagern auszustehen hätten. Die jüdischen Gefangenen, heiß: es, werden von den deutsch-österreichischen Militärbehörden zu Aufsehern über die russischen Gefangenen ernannt und benutzen ihre Aenrter dazu, die russischen (rechtgläubigen) Soldaten zu quälen und zu foltern.. Dieser ruchlosen Lüge wird in den rückständigen Volksmassen immer mehr und mehr Glauben geschenkt. Unter besonderem Druck wurden die beiden großen öffentlichen Organisationen — der Städte- und der Semstwobund — gezwungen, ihre jüdischen Angestellten zu entlassen. Aus die Einwendungen des Vorsitzenden des Stüdtebundes, des Moskauer Stadthauptes Tschelnokow, der daraus hinwies, daß das jüdische ärztliche Personal unentbehrlich sei, erwiderte Alexejew wie folgt: „Sollen die Sanitätsabteilungen ohne Juden nicht bestehen können, müssen sie aufgelöst werden!" An der Spitze des neuen Ausrottungsfeldzuges gegen die Juden steht der Zar selbst, der aufrichtig an die Quälereien glauben soll, die die jüdischen Kriegsgefangenen ihren rechtgläubigen russischen Kameraden angeblich verursachen. Diese neueste Phase der russischen Politik führt das Land zu einer blutigen Katastrophe. Untrügliche Kennzeichen sind vorhanden, daß Rußland am Vorabend blutiger Pogrome steht. Die jüdische Bevölkerung besindet sich in maßloser Aufregung. Den bemittelten Kreisen des Judentums, die in früheren Jahren in ähnlichen Fällen ins Ausland flüchteten, ist der Weg abgeschnitten. Aus Grund einer speziellen Verordnung erhalten Juden keine Auslandspässe mehr. Wo bleiben die Apostel der demokratischen Weltanschauung im „freien" Westeuropa und Nordamerika, die das Monopol auf die Befreiung der kleinen Nationen zu besitzen wähnen und den Kampf für Menschlichkeit und Recht im Munde führen? Das Studium der Ausländer an den deutschen Hochschulen. Von Dr. Kurt Alexander, Krefeld. nsere deutschen Hochschulen sind in den letzten Jahrzehnten in immer stärkerem Maße von Ausländern besucht worden. Das ist an sich gewiß ein hocherfreuliches Zeichen, denn die Universitäten sind staatliche Bildungsanstalten, die errichtet sind, um den Kindern unseres Landes die Möglichkeit zur wissenschaftlichen Arbeit zu geben. Werden sie aber außerdem noch in einer solch unverhältnismäßig großen Zahl von Nichtreichsangehörigen besucht, während andererseits Deutsche nur in den seltensten Fällen an den Hochschulen fremder Länder zu finden sind, so kann diese Erscheinung nur als ein Beweis für die Vorherrschaft der deutschen Wissenschaft gedeutet werden. Das mögen sich einmal unsere Gegner, die uns so gern zu kulturlosen Barbaren herabwürdigen möchten, vor Augen halten! Nun haben wir in diesen Kriegstagen gar oft sagen hören, daß die, die bei uns gelernt, unsere Gastfreundschaft und das viele, was wir ihnen sonst noch gegeben, mit allem anderen — nur nicht mit Dankbarkeit vergolten hätten. Ja, hier hätten sie die Waffen geschmiedet, mit denen sie uns jetzt bekämpften! Mit Vorliebe wird das Beispiel der Japaner genannt, die ihre ganze Kultur von uns empfangen, und die dann, als sie genug gelernt zu haben glaubten, nichts Eiligeres zu tun hatten, als über uns herzufallen. Vieles mag an dem, was wir hier hören müssen, falsch sein, doch steht fest, daß die große Zahl unserer Schüler jedenfalls nicht gelernt hat, uns zu lieben. Diese Erkenntnis erfüllt uns mit Trauer und mit Schmerz. So mag es dem Lehrer ergehen, der sein Bestes seinen Schülern gegeben hat, und der nun sehen muß, wie sie, statt sich für all die Gaben erkenntlich zu zeigen, das Gelernte benutzen, um ihn aus seiner Stellung zu verdrängen. Aber der Lehrer, der sich der ganzen Schwere und auch der ganzen Größe seiner Ausgabe bewußt ist, wird nun nicht etwa aus lauter Verbitterung seine Erziehungsarbeit aufgeben, sondern er wird es auch weiterhin als seine Pflicht ansehen, die anderen hinaufzuziehen zu der Höhe, auf der er steht. Denn die Kraft, zu erziehen und zu belehren, darf und kann sich nicht erschöpfen an den Enttäuschungen und Mißerfolgen. Nur durch sie wird die Entwicklung gefördert. Glücklich der einzelne und glücklich das Volk, dem diese Kraft innewohnt. Wenn auch der Präsident der französischen Republik seinen edlen Verbündeten, darunter den Uralkosaken, das Märchen erzählt hat, daß sie allein für die Kultur kämpften, wir Deutschen wissen es doch, daß von uns die Kultur der Welt ausgeht, zum mindesten die Kultur, die in der Bildung, in der Wissenschaftlichkeit, zum Ausdruck kommt. Die Wissenschaft aber kann nicht völkisch begrenzt werden, es sei denn, daß man ihr Fesseln anlegen wollte, unter deren Druck sie ersticket müßte. Die deutsche Forschung wird, wenn einmal dieser Krieg beendet ist, ihre Arbeit fortsetzen ohne Rücksicht darauf, ob sie sich innerhalb oder außerhalb der Grenzen unseres Landes bewegen muß. Wunderbar schön hat das im Herbst des vergangenen Jahres in seiner Antrittsrede der Rektor der Berliner Universität v. Wilamowitz-Möllendorf ausgesprochen. So wird es aber auch andererseits nicht ausbleiben, daß unsere Universitäten wieder Ausländer herbeilocken, die hier das suchen, was sie eben im eigenen Lande nicht finden: universale Bildung. Wir werden die anderen nicht rufen. Aber wenn sie kommen, dann mögen sie von neuem von uns und bei uns lernen. Vielleicht erkennen sie dann doch einmal, was und wie wir sind. Glauben wir auch nicht daran, daß wir den Ausländern, wenn wir ihnen unsere Wissenschaft reichen, zuviel -geben. Die Lehrstätten unserer