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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-28 · Heft 30 (28.7.1916) · p. Seite 352

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
Seite 352 (sequence 4)
Language
German
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352 Aus einem Artikel von Wilhelm Hegeler über Brest- Litowsk aus dem „Berliner Tageblatt" folge hier ein Auszug: Llber eine Barbarei ist die weitere Maßregel, daß die Russen die Vernichtung auch auf die Stadt ausdehnten, daß Kosakenhorden die Straßen durchzogen und in die Häuser ihre Brandfackeln warfen. Ohne Zerstörung geht es im Kriege nicht ab, und wenn der angerichtete Schaden mit dem beabsichtigten Zweck einigermaßen im Einklang steht, kann sich niemand beklagen. Vielleicht wollten die Russen nicht, daß wir die Stadt zu einem Etappensitz, zum Mittelpunkt einer Armeeverwaltung benutzten. Wenn das die Absicht war, nimmt es einen nur wunder, daß die Zerstörung nicht gründlicher ausgeführt wurde. Denn nach einer ziemlich genauen Schätzung sind nur etwa 63 Prozent der Häuser eingeüschert, und gerade die öffentlichen Gebäude sowie die Kaserne der Zitadelle sind unversehrt geblieben. Bei unbefangener Ueberlegung wird man den Eindruck nicht los, daß ebenso wie der Gedanke, uns zu schaden, die Absicht sie leitete, den Juden einen Streich zu spielen. Denn diese saubere und reinliche Stadt war eine jüdische Kolonie. Von den achtundfünfzigtausend Einwohnern, die sie vor ihrer Zerstörung besaß, waren vierzigtausend Israeliten. Ehe Zar Nikolaus auf den Gedanken kam, in der Oede der Nokitnosümpfe diese Festung zu erbauen, lag unweit des heutigen Brest das alte Briska: Brisk de Lita, wie die Chroniken es nennen. Eine Stadt, auch danrals schon nicht ohne Bedeutung. Versammelten sich doch hier nach der Vereinigung Litauens mit Polen die Gemeinden zur Beratung ihrer Angelegenheiten in der sogenannten Vier-Länder- Svnode. Lange nach der Umwandlung des ehemaligen Brisk in das moderne Brest stand noch die alte Synagoge, in der Saul Wahl, der Sohn des berühmten Gelehrten Samuel von Padua, zum Andenken an seine Frau Deborah die Frauengalerie gestiftet hatte. Der Rame Saul Wahls ist dadurch auf die Nachwelt gekonunen, daß er für eine Nacht König von Polen war. Als Vertrauter und Berater des Fürsten Radziwill war er mit diesem 1586 nach dem Tode des Stephan Barthori zur Wahl des neuen Königs nach Warschau gereist. Da nun die Fürsten ben ganzen Tag über stritten, ohne zur Einigung kommen zu können, stand Radziwill auf und rief: „Hört auf, euch zu streiten. Saul soll uns regieren!" Die Fürsten erhoben keine Einwendung, und so blieb Saul bis zum nächsten Morgen König, wo man dann in einem neuen Wahlakt Sigismund von Schweden zum Herrscher Polens erkor. Bei dem Umzug in den ireit-en Ort, wo aus Moor und Brake die zukünftige Stadt erstehen sollte, schmerzte die frommen Inden nichts so sehr, als daß sie die Toten aus ihren alten Friedhöfen umzubetten gezwungen wurden. Anfangs wollte die neue Gründung keine rechten Fortschritte machen, bis im Jahre 1835 ein großer Brand die Neste des alten Brisk einäscherte. Von nun an gelangte Brest bald zu Blüte und Ansehen. Schon 1839 erbauten die Juden das erste Krankenhaus, 1851 wurde zum Bau der großen Synagoge geschritten. Vor seiner Zerstörnng besaß Brest-Litowsk achtllnddreißig Synagogen und Bethäuser, acht Schulen, an denen unentgeltlich unterrichtet wurde, eine Handelsschule und ein Gymnasium. Obwohl diese Anstalt aus jüdischen Mitteln nicht nur erbaut war, sondern auch unterhalten lourde. durften die Schüler nach russischem Gesetz doch nur bis zu zwei Prozent ans Juden bestehen. Um nun ihren Kindern möglichst zahlreich den Unterricht zu gewähren, bezahlten die Juden den Schulbesuch für die Söhne armer orthodoxer Eltern. Hier, wo die Juden nicht wie in anderen Städten Rußlands das unterdrückte und zusammengepferchte Proletariat, sondern den Stamm bildeten, gestalteten sie ihre Stadt zu einem geordneten und wohlanständigen Gemeinwesen aus. Ein Drittel der Bewohner Waren wohlhabende, wenn nicht reiche Leute, die einen lebhaften Handel nach Deutschland trieben. Aber auch für die Armen wurde hinreichend gesorgt, und es lourde streng darauf geachtet, daß sie nicht als umherziehende Schnorrer den Nalnen ihres Heimatortes in Verruf brachten. Ja, unter ihren Schwestern, deren Gewand aus Seide und Lumpen ein buntscheckiges Gemisch ist, stellte Brest-Litowfk so etwas wie ein Muster an Ehrbarkeit, Ordnung und Reinlichkeit dar. Und dennoch kam der Tag, an dem es ein Sodom-und-Gomorra-Schicksal zu leiden hatte. Kosaken trieben die Bewohner aus ihren Räumen, ließen ihnen kaum Zeit, das Nötigste zusammenzuraffen, und warfen den Jeuerbrand in die Häuser. Binnen wenigen Stunden war die ganze Stadt ein rotes, glühendes Meer, dessen Flammenwogen unsere in stundenweitem Umkreis lagernden Soldaten durch die Nacht emporbranden sahen. Die Vertriebenen hatten sich in Dörfer und Wälder geflüchtet. Viele kamen elend um, andere kehrten nach dem Einzug der Deutschen zu ihren Ruinen zurück und wurden von den Behörden ins Etappengebiet verteilt, wo der Hilfsverein der Deutschen Juden sich -ihrer annimmt. * Die „Deutsche Orient-Korrespondenz" schreibt: Geldnot und Judenfrage in Rußland. Kürzlich hatte, wie erinnerlich, die russische Duma aus ihrer Mitte eine Abordnung in die verschiedenen Länder des Vierverbandes entsandt, um dort über die politische Lage und die Beurteilung der allgemeinen Kriegslage Aufschlüsse zu erhalten. An der Spitze dieser Abordnung stand der gesprächige Herr Miljukow, der die Reise auch benutzte, um in verschiedenen Hauptstädten durch Unterredungen mit Journalisten der Welt seine große politische Bedeutung zu offenbaren. Ueber den Bericht, den die Abordnung der Duma erstattet hat, sind nur geringe Einzelheiten bekanntgeworden. Jetzt aber erfährt man von zuverlässiger Seite, daß Herr Miljukow auch sehr beachtenswerte Mitteilungen gemacht hat über die Auffassung, die man in den verbündeten Ländern von der Judensrage in Rußland hat. Dieser Bericht hat zu stürmischen Auftritten in der Duma Anlaß gegeben. Man wird sich erinnern, daß bereits Ende März Vertreter amerikanischer Großbanken, die zu Anleiheverhandlungen nach Petersburg gekommen waren, der russischen Regierung erklärten, daß eine Begebung neuer Anleihen nur gegen die bindende Zusage einer sofortigen Aenderung der Judengesetzgebung möglich wäre. Kurz vorher hatte die Duma aus Anlaß einer Interpellation zweier Abgeordneten über die Judenfrage in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben, daß sie zu einer Aenderung der die Staatsbürgerrechte der Juden beschränkenden Gesetze unter keinen Umständen die Hand bieten würde. Und nun wurde den Mitgliedern der Duma in London klargemacht, daß die Lösung der Judenfrage in engstem Zusammenhang mit dem Gelingen einer großen russischen Anleihe in Amerika stehe. Ebenso hat man in Paris keinen Zweifel darüber gelassen, daß ohne Regelung der Judenfrage auf amerikanisches Geld nicht zu rechnen wäre. Diese Auseinandersetzungen scheinen 'auf Miljukow und seine Reisegenossen einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, denn der erstere erklärte unumwunden, er müsse unter diesen Umständen notgedrungenerweise für die Lösung der Judenfrage eintreten. Auch andere Abgeordnete vertraten denselben Standpunkt, und sogar ein Nationalist verlangte, daß das Reich seine Politik den Juden gegenüber ändere in Anerkennung der guten Haltung, die die Juden während des Krieges eingenommen hätten. Dagegen erhob der bekannte Nationalist Markow mit aller Energie Einspruch. Er erklärte, es handle sich bei dem Versuch, durch Gewährung einer Anleihe einen unmittelbaren Einfluß auf die innere Gesetzgebung Rußlands zu gewinnen, um eine Erpressung Amerikas, der manunter keinen Umständen nachgeben dürfe. Die Ehre Rußlands stände aus dem Spiel. Diese Ausführungen verursachten eine ungeheure Erregung und einen großen Tumult zwischen den Befürwortern und den Gegnern einer Aenderung der Judengesetzgebung. Zu einer Beschlußfassung kam es nicht; die anwesenden Regierungsvertreter enthielten sich jeder Aeußerung. * Ueber Judenverfolgungen in Rußland heißt es in der „Frankfurter Zeitung": Bern, 19. Juli. Der russische Korrespondent des ententefreundlichen „Journal de Geneve" führt einen ergreifenden Brief eines nach Sibirien

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