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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-28 · Heft 30 (28.7.1916) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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351 Ohre nun schon auf dem Bahnhof aus dem Munde „ziviler" Menschen entgegen! Und wie am ersten Tage, so laben auch hellte nach langen, langen Monaten den heimkehrenden Krieger deutsche Frauen mit stärkendem Kaffee und freundlicher Miene! Durch lachende Fluren braust der Zug; neue Nahrung trägt heimischer Boden, den die daheim Gebliebenen mit rührendem Fleiße wie in Friedenszeiten bestellt haben mit der Liebe zur Scholle, die sich ihrer Pflicht bewußt ist. Und wenn man die im Winde sich wiegenden Aehren, das Gras und das junge Grün der Kartoffeln sieht, dann festigt sich in unserer Brust die jubelnde Gewißheit: Deutschland ist nicht anszuhungern. Nirgends sieht man Oedländereieu, nirgends wüste Strecken; ein gütiges Geschick hat dem Vaterlande die Schrecken des Krieges erspart, hat es verschont mit dem Anblick zerstörter Häuser, rauchender Trümmer und den Gräbern am Wege! Bei Köln geht es über den Rhein, den Strom, bis zu dem die Franzosen den Kamps tragen wollten, und der mm in tiefem Frieden fein Wasser zur Nordsee führt. Und wenn der Zug donnernd über die Brücke fährt, von der unseres Kaisers Standbild uns grüßt, dann erneut sich wohl in jedem der Trcuschwur unseres Truhliedes: „Solang' ein Tropfen Blut noch glüht, noch eine Faust den Degen zieht, betritt kein Welscher deinen Strand." Weiter, immer weiter geht die Fahrt immer näher dem Ziele! Westfalen durcheilen wir, Deutschlands Waffenschmiede, wo das „Siegfried-Schwert" scharf gehalten wird, daß kein Lindwurm der Heimat Schaden zufügen kann. Und über alle Teile des großen Reiches ergießen sich die feldgrauen Gäste, das Herz voll von Sehnsucht nach kurzen Tagen des Glückes am heimischen Herd fern vom Lärm des Krieges und doch auch voll von dem Wunsche, dann wieder hinauszueilen und weiterzuwirken an dem Werke, das Deutschland einen gesicherten Frieden bringen soll. Schnell fließen die Urlaubstage dahin, wieder heißt es Abschied nehmen von allen Lieben daheim! Schwere Augenblicke für jeden, aber schon im Zuge bei den Kameraden erwacht ein neues Heimatsgefühl, das man das „feldgraue" nennen könnte! Denn jeder weiß es ja! Auch die Armee ist uns Heimat geworden und die Truppe besonders, bei der man steht, und an der man hängt. Und wenn der Zug zur Front wieder ziurückeilt, dann wissen wir, daß uns auch da im Feindesland ein Stück Heimat erwartet. * Unser Korrespondent aus Amerika, Prof. G. Deutsch, sendet uns einen Bericht, der, wenn er auch einen von uns schon erwähnten beklagenswerten Todesfall bespricht, doch wegen seines eigenartigen Tones und um dem immer gern gehörten Berichterstatter das Wort zu gönnen, hier eingerückt werden soll: Schalom (Salomon) Rabinowitz, der bekannteste jiddische Humorist der Gegenwart, starb in New Dort am 13. Mai im Alter von 57 Jahren. Schalom Rabinowitz, bekannt unter seinem Pseudonym Scholem Alechem, war am 18. Februar 1859 in einem kleinen Städtchen des Gouvernements Poltawa geboren, und nachdem er kurze Zeit in seiner Heimat Rabbiner gewesen war, widmete er sich fast ausschließlich der Schriftstellerei. Man hat ihn nicht mit Unrecht den jiddischen Mark Twain genannt, und die Sage geht, daß Mark Twain selbst bei einer Vorlesung, die Rabinowitz vor einigen Jahren in Amerika hielt, sich als den amerikanischen Scholem Alechem bezeichnete. Rabinowitz war von einem unerschöpflichen Humor und ein Meister des Monologs. Seine Gestalten, wie Towijeh, der Milchiger (Milchhändler), sein Städtchen Kasrilevka, sein Mendel aus Jehupetz, sein Bärl Eifeck, der Münchhausen von Kasrilevka, und viele andere dürften mit der Zeit klassische Typen werden, wie Don Quixote, Falstaff und Karlchen Miesnick. Der Krieg brachte ihn etwa vor einem Jahre nach Amerika, wo er, seit längerer Zeit von schwacher Gesundheit, seinem Leiden erlag. # Einer Plauderei von Julius Elias aus dem „Berliner Tageblatt" über Marienbad entnehmen wir folgende Sätze: Das wesentliche Interesse jedoch zieht ein sonderbarer Fremdling auf sich, der im Mund der Völker nur der Wunderrabbi von Belz heißt: ein riesengroßer, starker, merkwürdiger Mann, mit einem Fabelbart und rätselhaften Allgen. Er ist wie ein Fürst unter seinen Gesippen. Dieser Magus aus galizischen Gauen soll in seiner Heimat weite, reiche Ländereien besitzen, und nicht durch seine Wortgewalt und durch seine Gelehrsamkeit nur, auch durch die suggestive Art, wie er die Seelen der Menschen behandelt, soll er sehr berühmt sein. Er ist mit großem Gefolge von Familie und Schülerschaft hier und hat in einem Hotel einundzwanzig Zimmer gemietet. Fährt er ans, so lilüssen die Lehrlinge sich mit dem Rücksitz begnügen; er aber thront allein und mit großer Würde im Fond des Wagens, die kostbare Pelzkappe auf dem eisgrallen Kopf. Der Mann hat viel durchgemacht — versichert mir einer seiner Adepten —, und königlicher Wohltätigkeitssinn ist seine erste Charaktereigenschaft. Er wird hier heimgesucht von allerlei ekstatischen und gemütlich-bresthasien Leuten: seine „Wunder" aber bestehen nicht etwa in Visionen, Prophezeiungeil, Gebetsmystik oder in Vorschriften der Laienmedizin, sondern in seinem „Rat". Der Rabbi ist ein Wissender und Begabter; er kennt die Menschen und spricht — spricht aus einer des Gottes vollen Seele und wirkt unmittelbar auf die geistige Verfassung derer, die sein Wort mit ihrem Herzen suchen. Paul Schlenther, der Marienbad liebte, doch der Marienbader Gesellschaft entschieden widerstrebte, hatte eine Schwäche für die gali- Zischen und polnischen Juden, diese Stillen im Lande. Er suchte in ihren sonderbaren und komplizierten Physiognomien zu lesen, wenn er ihnen begegnete, llnd wählte nicht selten seinen Weg durchs Ghetto. „Diese hier sind viel, viel besser," pflegte er Zu sagen, „als die sogenannte erstklassige Welt dort unten an der Kaiserstraße." Das größte Interesse wendet sich immer den I u d e n Rußlands zu. Da ist zunächst als Nachtrag zu früheren Berichten über die zu Lausanne stattgehabte Nationalitätenkonferenz folgender Bericht der „Neuen Zürcher Zeitung" mitzuteilen, ohne daß wir damit die Schlußfolgerungen des Redners billigen: Der jüdische Redner Dr. Aberson verlangte für die Juden nicht nur die bürgerlichen und politischen, sondern auch die nationalen Rechte. Er richtete einen warmen Appell an die polnische Nation, die in der Vergangenheit den Juden stets als erste Gastfreundschaft und Toleranz erwies und durch die in der Konferenz bekanntgegebene Deklaration zeigte, daß sie ihren Traditionen auch in der Zukunft treu bleiben würde. Ein von dem jüdischen Komitee in der Konferenz verteiltes Memorial verlangte für die Juden ferner noch das Recht der freien Emigration nach Palästina, wo das jüdische Volk seine Wiedergeburt erleben würde. # Im Anschluß daran folge hier aus demselben Schweizer Blatt eine interessante Notiz: „Pro Causa Judaica “ Durch den Ausruf des Komitees „Pro Causa Judaica“ sahen sich die in der Schweiz niedergelassenen polnischen Organisationen veranlaßt, eine Erklärung in der Judenfrage an das Komitee zu richten. Das Schreiben betont zunächst die Uebereinstinulng der Bestrebungen des Komitees uüt den polnischen Interessen, besonders wegen der Aufhebung aller rechtlichen Beschränkungen der Inden in Rußland und der Tendenzen, eine ausschließlich jüdische territoriale und nationale Einheit zu bilden. Es wird weiterhin gegen die Verwechslung Polens mit Rußland protestiert und jedwede Mitverantwortung der Polen für die russische Gesetzgebung energisch nbgelehnt mit dem besonderen Hinweis, daß, solange Polen als unabhängiger Staat bestand, sich dort die Juden der größten Freiheit und Unabhängigkeit erfreuten. Die polnische Erklärung versichert zuletzt, daß alle polnischen Parteien darin einig sind, ein freies und unabhängiges Polen werde keinerlei rechtliche Beschränkungen gegen die Juden bestehen lassen. „Polen wird die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden anerkennen und demnach das Werk der Verständigung mit den Juden aus eigenem Willen und ohne fremde Einmischung vollziehen."— Die Erklärung wurde vom Komitee „Pologne et la guerre“ in Lausanne und dem „Polnischen Pressebureau" in Bern gezeichnet.

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