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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-28 · Heft 30 (28.7.1916) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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350 -Waisen einlud und den Aufruf durch andere große, ganz Deutschland umfassende Organisationen mit unterzeichnen ließ, da konnte der Berliner Verband für jüdische Wohlfahrtspflege nicht unterzeichnen, weil er nur öffentliche Wirksamkeit hat; der Jüdische Frauenbund, der an der Behandlung allgemeiner Wohlfahrtsfragen regen Anteil nimmt, mußte auf die Mitunterzeichnung verzichten, weil er dem Deutschen Frauenbund als Mitglied angehört. Hier fehlte unserer Wohlfahrtspflege das Organ, das sie in der Gesamtheit deutscher Wohlfahrtspflege vertritt. Nach dem Vorgang der Deutschen Zentrale für jüdische Wanderarmenfürsorge und des Ausschusses für Fürsorgeerziehung bei dem D. I. G. B. müßte sich aber eine Vertretung der gesamten deutschen jüdischen Wohlfahrtspflege schaffen lassen. Bewußtes Zusammenarbeiten der verschiedenen vorhandenen Vereinigungen und Vereine muß an Stelle des jetzt herrschenden Nebeneinanders treten, das in Preußen und in den Bundesstaaten mit gleichliegenden Verhältnissen nur als eine Folge der mangelnden staatsrechtlichen höheren Einheit der Synagogengemeinden erscheint, und über dessen Vielseitigkeit das bekannte D. I. G. B.-Jahrbuch erschöpfende Auskunft gibt. Die Gemeinde, die den religiösen Mittelpunkt bildet, soll auch die in ihr wirkenden Kräfte fürsorglicher Hilfsarbeit zusammenschließen, Wohltätigkeits-, Frauen- und Jugendvereine, Logen, Arbeitsnachweise usw. mit den Wohlfahrtsorganen der Gemeindeverwaltung zu einer Ortsgruppe zusammenfassen. Die Aufgabe einer solchen Gruppe wäre mit der des Berliner Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege zu umgrenzen: gegenseitige Belehrung und Förderung der Wohlfahrtszwecke der Mitglieder. Die einzelnen Ortsverbände könnten sich demnächst nach Bundesstaaten zu einer Landesgruppe vereinigen und diese zum Gesamtverband. Wenn wir bedenken, was von anderer Seite in solchen Verbänden geleistet wird — z. B. in dem katholischen Charitasverband oder der evangelischen Inneren Mission — so müßte uns das anspornen, auf dem angedeuteten Wege vorwärts zu schreiten. Würde ein solcher Verband nach außen hin die fehlende Vertretung gewähren, so wäre seine Aufgabe nach innen, auf eine Erziehung zu zweckentsprechender Wohlfahrtspflege hinzuwirken, gegenseitiges Verstehen und das Kennenlernen vorbildlicher Einrichtungen im großen Kreise zu vermitteln. Gewiß, in den Großgemeinden wird heute schon möglichst nach zeitgemäßen und allgemein anerkannten Grundsätzen gearbeitet, es gilt aber alle Kräfte zu solcher Arbeit heranzuziehen. Insbesondere ist denjenigen Persönlichkeiten, die sich der Armenpflege und Wohltätigkeit widmen wollen, die Möglichkeit einer planmäßigen Vorbereitung und Schulung hierzu zu gewähren, nicht nur den Frauen nach dem Muster der anderwärts schon bestehenden Frauenschulen, sondern auch den Männern, die bisher meist nur mit dem guten Willen zur Arbeit in die Wohlfahrtspflege eintraten. Vor allem aber gilt es, in der Heranwachsenden Jugend den Sinn für hilfsbereite Nächstenliebe zu wecken und uns jüdisch-sozial gesinnte Mitarbeiter heranzubilden. Gerade die kommenden Generationen werden allenthalben daran mitzuwirken haben, die Wunden und Schäden zu heilen, die der Krieg gebracht hat. Sorgen wir rechtzeitig dafür, daß sie diesen schweren Aufgaben gewachsen sein werden. Auch damit dienen wir dem Vaterland! Sir Woche. _ Berlin, den 26. Juli 1916. schweren Kämpfe an der Somme dauern fort. Noch ist es unseren Feinden trotz ihrer Massen und trotz der ungeheuren von ihnen verschwendeten Munition nirgends gelungen, den gewünschten Durchbruch zu erzwingen; noch stehen unsere Linien unerschüttert da. Gegen mutige, gutgeführte, des Sieges gewillte Truppen geschehen hier von den Unserigen Heldentaten, die wir, von unauslöschlichem Dank und tiefer Bewunderung erfüllt, preisen und verehren müssen. Unsere Zukunft, das Schicksal unseres Reiches entscheidet sich dort. Voll Vertrauen sehen wir dem Ausgang entgegen, der, freilich nach menschenm'örderischem Ringen, das auch für uns von schwersten Verlusten nicht frei sein kann, endlich Ruhe und Frieden bringen muß. An den übrigen Fronten ist zwar keine Ruhe eingetreten, aber sehr wichtige Ereignisse haben sich nicht vollzogen. Die russische Offensive ist zum Stillstand gekommen; manch kleiner Erfolg ist auf unserer Seite errungen. Die Italiener bemühen sich nach wie vor, gegen unsere Verbündeten vorzudringen. Die feindselige Stimmung des Straßenpöbels und der leitenden Kreise wird, ebenso wie das Drängen der einflußreichen Freunde, Italien zur Kriegserklärung gegen Deutschland treiben; durch eine solche Erklärung würden wir nur einen offenen Feind mehr haben statt eines versteckten, den wir seit lange als grimmigen, wenn auch nicht übermäßig zu fürchtenden Gegner betrachten mußten. Nur würde eine solche Kriegserklärung die widrige Folge haben, daß Italien mit Truppenmassen die empfindlichen Lücken in den französischen Heeren ergänzt. Aber auch gegen einen solchen Ansturm hoffen wir gerüstet zu sein. Freilich wird auch dadurch die Aussicht auf Frieden in weitere Ferne gerückt. Wir müssen alles zu ertragen lernen. Bon Friedensbedingungen zu sprechen, sollte man ruhmredigen Feinden überlassen, die wirklich auf eine Demütigung Deutschlands rechnen. Wir dürfen nicht glauben und haben keinen Grund zu dieser Meinung, daß Deutschland bezwungen einen Frieden erfleht, sondern leben in der unerschütterlichen Zuversicht, daß unser teures Vaterland glorreich aus diesem unerhörten Kriege hervorgeht. Das Wetter hat sich gebessert, die Hoffnung auf eine glänzende Ernte hat sich verstärkt, das Unterseehandelsboot „Deutschland" ist mit reicher Ladung befrachtet, wird hoffentlich bald ausfahren und unbeschädigt, wenn auch gewiß nicht unbelästigt, heimkehren. Deutsche Kraft und Tüchtigkeit bewährt sich überall, und so dürfen wir in das dritte Kriegsjahr mit felsenfestem Vertrauen eintreten. Einer unserer Mitarbeiter, Herr Dr. Willy Cohn, der, wie so viele unserer Glaubensbrüder, lm Felde steht und seine Pflicht tut, dabei aber seine schriftstellerische Tätigkeit in manchen ansprechenden Arbeiten übt, veröffentlicht in der „Armee-Zeitung" nachstehende Skizze, der wir gern hier einen Platz einräumen: , . .. v Heimwärts. Wenn »ach langen Monaten die Stunde schlägt, wo der Soldat, den Urlaubsschein in der Tasche, freudigen Herzens zur nächsten Bahnstation eilt, um nach der Heimat zu fahren, so möchte er in diesem Augenblick nicht so leicht mit irgendeinem Menschen auf der Erde tauschen! All das, wonach er sich in einsamen Stunden gesehnt hat, soll er Wiedersehen: Heimat, Familie! Was die Heimat bedeutet, das ist manchem wohl so recht erst während des Krieges klar geworden, wie man ja stets das Gute erst recht zu schätzen versteht, wenn man es nicht mehr hat! Und nun geht es nach Hause, durch die Städte und Dörfer des besetzten Frankreichs und Belgiens eilte der Zug, und ein stolzes Gefühl erfüllt da wohl jeden von uns, wenn er sich sagt: Dies alles haben deutsche Soldaten in heißem Kampfe erobert und halten es fest, und wo einstens welsche Laute dem Reisenden auf der Bahn entgegenschlugen, da ertönt jetzt heimatliches Deutsch. Ganz besonders werden dies alle diejenigen empfinden und in seiner ganzen Größe zu würdigen wiflen, die in Friedenszeiten in derselben Gegend gereist find. Und jetzt sind wir über der Grenze! Lange gewöhnt, nur aus feldgrauem Munde die Muttersprache zu hören, fliegt sie unserem

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