Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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347 der heiligen Mutter Gottes, flehen wir Exzellenz an, Ihren ganzen Einfluß in Petersburg aufzubieten, daß wir wenigstens nicht verhungern, und Väterchen zu bitten, daß er sich unserer erbarmt." „Aber das sind doch nur allgemeine Redensarten," rief Torakow ungeduldig; „sagt mir bestimmt, was ihr von mir wollt?" Mit herzzerreißendem Jammern fuhr der Alte fort: „Die Ernte steht vor der Tür, und wir haben keine Sensen, um das Korn zu mähen, keine Scheunen, wo wir es dreschen, keine Wagen, um es heimzubringen, und wie im vorigen Jahre, wird es wieder durch den Herbstregen auf dem Felde verfaulen. Dann haben wir keinen Samen für die neue Aussaat, und die Pflüge und Ackergeräte sind morsch und vom Rost zerfressen. Und dann kommt — ach, der harte, harte Winter! Bisher haben wir doch geduldig ausgeharrt. Schon vor zwei Jahren haben Exzellenz uns Hilfe versprochen, und wir haben gewartet — und gewartet und nicht gemurrt. Wir wissen ja, daß Väterchen gar viele Kinder hat, die alle seiner Hilfe bedürfen; aber so schlecht wie uns geht es wohl keinem; uns liegt das Messer am Halse, und wenn nicht bald Rettung kommt, dann — dann — sind wir dem sicheren Untergang geweihet." Bei den letzten Worten hatten sich Torakows Züge verfärbt. Er bewegte sich unruhig auf seinem Stuhle und hielt den Kopf gesenkt, als wäre er eifrig mit Schreiben beschäftigt. Endlich richtete er sich auf. „Ich habe euer Gesuch zu Papier gebracht und werde es auch bei der zuständigen Stelle warm befürworten. Mehr kann ich für euch nicht tun. Inzwischen aber betet fleißig zur heiligen Mutter Gottes und trinkt etwas weniger Wodki." Mit einem leisen Murmeln, das man sowohl als Dank wie auch als Verwünschung hätte auffassen können, drängten sie wieder nach dem Ausgang. Der Sprecher warf noch einen flehenden Blick zurück, ehe die Tür sich hinter ihm geschlossen, der aber spurlos an Torakow vorüberging, da er immer noch eifrig mit Schreiben beschäftigt war. „Die Leute sind fort, Papa," sprach Alma ernst und traurig. Torakow nickte. „Nicht wahr, Papa, du wirst alles aufbieten, um ihnen zu helfen." Auch jetzt bestand seine Antwort nur in einem Nicken. „Der Mann sagte doch, daß du ihnen vor zwei Jahren schon bestimmt Hilfe in Aussicht gestellt hast," fuhr sie beharrlich fort: „Ist sie denn noch immer nicht gewährt worden? Mir ist es doch aber so, als ob ich gehört hätte, daß sie aus Petersburg hunderttausend Rubel geschickt?" Torakow fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er etwas Häßliches wegwischen; vielleicht geschah es auch, um dem forschenden Blick seiner Tochter zu entgehen. „Wo denkst du nur hin, Kind!" war seine ausweichende Antwort. „Es wurde wohl eine Untersuchung angestellt und viel hin und her geschrieben, zum Schlüsse aber blieb alles beim alten." „Das ist unrecht, grausam!" rief sie mit blitzenden Augen. „Gewiß! Natürlich!" stimmte er ihr gedankenlos bei. „Und das ist gewiß auch der Grund, daß auch bit in der letzten Zeit so verstimmt warst. Nicht wahr, Papa?" »Ja, ja," war jetzt seine abweisende Antwort, um die unbequeme Fragestellerin endlich los zu werden; „ja, ja; darum muß ich auf Mittel sinnen, wie ich den Leuten helfen kann." „Hast du schon etwas in Aussicht, Papa?" „In Aussicht schon; doch läßt sich der Erfolg nicht im voraus bestimmen. Nichts ist sicher im Leben." „Nur unsere Liebe, Papa. Bei dieser ist doch jeder Zweifel ausgeschlossen!" Sie küßte ihn mit besonderer Zärtlichkeit und ließ ihn allein. (Fortsetzung folgt.) Litrrarilchr Mitteilungen» — Die polnische Iudenfrage. Von Benjamin Lege L Verlag von Georg Stilke, Berlin NW 7. Der Verfasser kämpft, wie er selbst sagt, euin ira ac studio gegen Dinge, Zustände und Personen. Unter den Persönlichkeiten, welche er nrit einer unerhörten Wut angreift, die nicht immer in der Sache begründet, sondern durch eigene unangenehme Erfahrungen hervorgerufen oder verschärft zu sein scheint, befinden sich Professor Marburg i-n Berlin, der zwar nicht mit Namen genannt, aber so deutlich gezeichnet wird, daß man an seiner Identität nicht zweifeln kann, Justizrat Bodenheimer in Köln, Dr. Franz Oppenheimer und Dr. Adolf Friedemann in Berlin. Hauptsächlich richtet sich die Polemik des Autors gegen eine Schrift von Caplan Cagan, dessen Arbeit zu einer Bedeutung heraufgeschraubt wird, die ihr gar nicht zukommt. Ich kann nicht sagen, daß der Ton, der hier gegen Männer gebraucht wird, die ich selbst als Gegner betrachte, würdig und angemessen ist. Mit Ausnahme des letzteren, von dem ich nichts weiß, sind die Genannten alle Persönlichkeiten, deren ernste Arbeit und deren verdienstliches Streben man anerkennen müßte, wenn man auch ihren Standpunkt nicht teilt. Zudem sind es Männer, die irn öffentlichen Leben stehen und sich auf ihrem Arbeitsgebiete Verdienste erworben haben; es ziemt sich daher wahrlich nicht, daß sie in einer so heftigen und verächtlichen Art angegriffen werden und dem allgemeinen Gespött preisgegeben werden sollen. Das ist eine Kampfesart, die mit anständigem Umgangston nicht vereinbar ist und die den Angreifer viel mehr schändet als die in so höhnender Art Angegriffenen. Die Forderungen, die Segel bekämpft, sind solche, die auch uns anfeindungswert erscheinen: vor allem die Bildung eines eigenen Judenstaates, das Volksjudentum, die Förderung des Hebräischen und Jiddischen als Nationalsprache. Aber der Verfasser ist sich selbst in seinen Anschauungen so wenig klar, daß er trotz seines Kampfes gegen das Jiddische gelegentlich eine Lanze für diese Mischsprache bricht. (S. 37—39.) Als seine eigentliche Ansicht scheint hervorzugehen (denn wa.s er eigentlich will, wird nicht vollständig klar), daß die Juden in Polen nicht zu einer Sonderexistenz und nicht zur Absonderung gegenüber ihren Landesgenossen erzogen, sondern zu jüdischen Polen, das heißt zu wirklichen Staatsbürgern herangebildet werden sollen, die Polen als ihr Vaterland, das Polnische als ihre Landessprache betrachten und bei aller Zugehörigkeit zu ihrem Vaterlande den jüdischen Glauben, ihre Anhänglichkeit und Treue wahren. Das ist eine Auschauung, die auch wir in diesen Blättern häufig vertreten haben und die wir daher durchaus billigen. Nur muß wiederholt werden, daß es für die Schrift und den Verfasser unendlich viel vorteilhafter und würdiger gewesen wäre, wenn diese Anschauungen in sachlicher Weise geführt worden und wenn die Polemik gegen Andersmeinende in anständiger Art vorgebracht worden wäre. L. G. * — „D i e K r i e g s p s a l m e n und di e j ü d i s ch e V o l k s - s e e l e." Vortrag von Prof. Dr. I. H i r s ch, Rabbiner in Prag- Karolinenthal. Separatabdruck aus der ,,Freien Jüdischen Lehrerstimme". V. Jahrgang, Nr. 1 und 2. Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1916. 24 S. Preis 0,80 Mark. Ich muß gleich zu Beginn dieser kurzen Anzeige bemerken, daß ich nach dem Titel des vorliegenden Vortrags etwas anderes erwartet habe, als der Verfasser bietet. Er widmet nämlich fast die Hälfte des ganzen Vortrages (10 von 24 Seiten) einer polemischen Auseinclndersetzung mit einigen christlichen Gelehrten wie Delitzsch, Deißmann, Stade, Wellhausen u. a., um aus den „erfreulichen Wandel im Urteil über die Bibel und den israelitischen Gottesbegriss" hinzuweisen, der deutlich zutage tritt bei einem Vergleich früherer Urteile der genannten Gelehrten mit jüngeren Aeußerungen derselben und anderer moderner christlichen Theologen über das zeitgemäße Thema: „Die Bibel und der Krieg". Ein Beweis auch dafür, daß erst durch die Abkehr von allen Ivissenschaftlichen Fiktionen und durch das Sichhineinversetzen in die Verhältnisse der Wirklichkeit eine gerechte und objektive Erkenntnis des Judentums ermöglicht wird. Nach einer allgemeinen Skizzierung der humanen Art der jüdischen Kriegführung, der nach der Anschauung des Verfassers der Gedanke der Gerechtigkeit und der Wille zum Leben zugrunde liegen, behandelt der Verfasser sein Thema in der Weise, daß er die leitenden Gedanken einzelner Kriegspsalmen (Psalm 9, 35, 44, 74, 79, 94) darznlegen versucht.