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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-21 · Heft 29 (21.7.1916) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
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346 sogar gegen Alma ist? Gegen Alma, die er doch in übertriebener Weise mit Zärtlichkeiten überhäuft." „Weißt du, Adele, in der ganzen Welt gibt es wohl keine zweite Frau wie du, die am Hellen Tage Gespenster sieht," war seine noch immer scherzende Antwort. „Ich sollte doch meinen, deine früheren Kombinationen und dein Verdacht gegen Alma, Karol und Schmulikof sollten endlich eine Lehre für dich sein, dich keinen übertriebenen Besorgnissen hinzugeben." „Ich bin noch gar nicht so fest überzeugt, daß mein Verdacht nach dieser Richtung wirklich so grundlos ist," entgegnete sie nachdenkend. „Aber, Kind, was fällt dir denn ein? Soweit meine Beobachtungen reichen, haben Alma und Schmulikof in der letzten Zeit kaum noch miteinander gesprochen." „Gerade das ist es, was mir durchaus nicht gefallen will. Junge Menschen sollen sich den ganzen Tag unterhalten, allerlei Scherz treiben, nicht aber so kopfhängerisch und geheimnisvoll einander aus dem Wege gehen. Glaube mir, Sergi, trotz der zur Schau getragenen Entfremdung ist doch ein gewisses Einverständnis, wenigstens zwischen Alma und Schmulikof, vorhanden. Gestern glaubte ich sogar wahrzunehmen, daß sie sich einander Zettel zugesteckt haben. Und siehe dir nur Karol an. Wo ist seine Lustigkeit geblieben? Er hält sich immer im Hintergründe, mit der Miene eines Spürhundes." „Wenn du recht hast. Adele, und das Haus voller Schrecken und Geheimnisse ist, dann wäre es erst recht an der Zeit, daß wir uns aus dem Staube machen, ehe auch wir darin verwickelt werden." „Vielleicht ist es aber doch nicht so schlimm, als ich mir einbilde," suchte sie wieder einzulenken. „In jedem Falle verbiete ich es dir, dich zu beunruhigen. Du hast nur an dich und an dein Vergnügen zu denken und, wenn du Zeit hast, allenfalls auch ein klein wenig an mich. Wegen Torakow brauchst du dir wirklich keinen Kummer zu machen." * * * Wäre aber der Präfekt etwas weniger optimistisch und scharfsichtiger gewesen, so würde er die Unruhe seiner Frau doch nicht verlacht haben. Hätte er jetzt Torakow in seinem Zimmer beobachten können, so hätte er der Menschenkenntnis seiner Frau das schönste Kompliment machen müssen. Mit bewölkter Stirn, mit gebleichten Wangen und stieren Blicken schritt Torakow aufgeregt in seinem Zimmer von einer Stelle zur anderen, und es wäre jedem schwer geworden, in ihm einen zufriedenen Menschen zu sehen. Sein heftiges Zusammenfahren und seine angestrengten Versuche, sich zu fassen, da er ein leises Klopfen an der Tür vernahm, brachten seine innere Unruhe noch mehr zum Ausdruck. Er ging zur Tür und öffnete sie einen halben Zoll breit. Alma stand dort und begehrte Einlaß. „Störe ich dich, Papachen?" fragte sie schüchtern. „Nein, mein Kind. Ich freue mich, dich zu sehen," sprach er mit sichtlicher Anstrengung, ruhig und freundlich zu erscheinen. „Mich auch, Onkel?" fragte Karol, der unaufgefordert sich hinter Alma ins Zimmer drängte. Torakow nickte bejahend, während seine Augen „Nein!" sagten. „Papa, ich wollte dir nur sagen, daß einige Muschiks draußen warten, die dich sprechen wollen. Soll ich sie fortschicken? „Natürlich!" rief Karol vorlaut. „Vielleicht gestattest du, lieber Neffe, daß ich meine Angelegenheiten selbst erledige," sprach der Gouverneur mit zusammengeknisfenen Angen. Zu Alma gewendet, fuhr er fort: „Ich erwarte die Leute. Führe sie herein." Karol nahm die Zurechtweisung mit spöttischem Lächeln hin, als wäre sie gar nicht für ihn gemeint. Alma hatte bereits die Tür geöffnet, als Torakow ihr nachrief: „Sie sollen draußen die Stiefel ausziehen, damit sie nicht den Teppich zertrampeln." „Sie sind ja alle barfüßig." Mit der Miene eines vielbeschäftigten Beamten ließ sich Torakow an seinem Schreibtisch nieder. Nach wenigen Minuten erschien Alma wieder, gefolgt von einigen zerlumpten, halbverhungerten Gestalten, denen Not und Entbehrung ihren Stempel unverkennbar aufgedrückt hatten. Sie waren von einigen bewaffneten Kosaken umgeben und sahen mehr Verbrechern ähnlich, die zum Galgen geführt wurden, als ehrenamtlich Abgesandten einer Gemeinde. Und die amtliche Zwiesprache wurde durch ein unliebsames Vorkommnis eingeleitet. Karol stand nahe der Tür und blickte verächtlich auf die Bittsteller, die zagend im Gänsemarsch hereinschlichen. In der Meinung, daß bereits alle, die zur Deputation gehörten, eingetreten, wollte er sich entfernen, um der voraussichtlich langweiligen Unterhaltung zu entgehen, als er mit dem letzten der Muschiks zusammenprallte, der wahrscheinlich noch zaghafter als die anderen, draußen noch länger gezögert haben mochte, dafür jetzt mit verdoppelter Eile seinen Kollegen folgen wollte. Karol stieß einen wilden Fluch aus, und den Tölpel an die Kehle fassend, schleuderte er ihn mit voller Wucht gegen dessen Kameraden, so daß er plump wie ein Mehlsack zur Erde fiel, bei seinem Sturz noch zwei andere mit sich niederreißend. Einen Augenblick rieb sich der Unglückliche noch seine zerschundene und blutende Nase, um bald mit hündischer Unterwürfigkeit auf den Knien zu Karol Hinrutschen, um dessen Rocksaum noch zu küssen. Der arme Schlucker zitterte vor Aufregung, ein solches Verbrechen begangen zu haben, indem er einen so hochgestellten Herrn, wenn auch zu seinem eigenen Leidwesen, berührt hatte. Wer weiß, was ihm noch bevorstand! Mit einem weiteren Fußtritt und laut lachend, verließ Karol das Zimmer. Vielleicht aber hätte er seine Fröhlichkeit ein wenig gezügelt, wenn er den haßerfüllten Blick gesehen, den der Muschik ihm nachschickte. Alma hatte wie versteinert und wortlos den Vorgang mit angesehen, und sie war kaum imstande, ihre Tränen zurückzuhalten. Ihr Vater aber tat, als ob er nichts bemerkt hätte und noch immer in seinen Akten vertieft sei. Mit erzwungener Geschäftsmäßigkeit eröffnete er jetzt die Verhandlung, indem er sprach: „Nun, ihr Leute, was ist euer Begehr?" Wie geängstigte Schafe drängten sie sich zusammen, bis endlich ein alter, graubärtiger Mann einen Schritt vortrat und zu sprechen begann: „Eure Gnaden, Erzellenz, mögen nur gnädigst verzeihen, daß wir es gewagt haben, hier zu erscheinen. Gnädigste Exzellenz, wir sind nur hergekommen, weil es uns so sehr schlecht geht. Ich bin achtundsiebzig Jahre alt geworden, aber ich muß noch immer mit meinen Schultern den Pflug ziehen, weil zwei meiner Söhne im Kriege für Väterchen gefallen sind; der dritte und letzte kann mir nicht einmal ein Stück Brot geben, das er nicht den hungerigen Mäulern seiner Kinder entzieht. Daraus können Exzellenz ersehen, wie schlecht es mit uns Bauern steht." »Ich glaube es euch ganz gern. Doch was kakm ich denn dabei tun?" fragte Torakow, der scheinbar der Litanei des Alten mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte. „Wir möchten untertänigst bitten, daß Exzellenz uns beistehen soll, damit wir nicht elend zugrunde gehen. Im Namen

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