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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-21 · Heft 29 (21.7.1916) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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jetzt im Sommer, Bücher nicht so schnell verlegt oder gedruckt. Bei solchen Geschäften ist die persönliche Anwesenheit von großem Vortheile. Wenn Du ein oder zwei interessante Manuskripte mitnimmst, so ist das ein Schatz, den Tu in Berlin am Besten verwerten kannst. Wenn Du eins fertig machst: den Humboldts nämlich, so ist das genug. Der wird Aufsehen machen, viel gelesen werden und die Aufmerksamkeit auf Dich lenken. Schreibst Du außerdem noch 5—6 Zeitungsartikel, so hast Du schon eine hübsche Summe für die ersten Tage des Berliner Aufenthaltes, wohl aus 1—2 Monate! Aber der Humboldttag ist am 14. September. Wenn Deine Broschüre nicht bis 10., längstens 14. August fertig, so verlegt sie kein Buchhändler mehr. Du kannst getrost bis zu Humboldts letzten Lebenstagen schreiben, in die gerade mein Brief fällt, den Du nächste Woche bestimmt nebst Deinen Büchern erhältst. Von Vorbereitungen für Berlin habe ich Dir bereits so Manches mitgeteilt. Schreibe mir natürlich sofort, wie alles steht. Aus was ich Dich noch auftnerksam machen wollte: Unterlasse es ja nicht, die Verbindung mit der „Montags- und Börsenzeitung"* 2) eifrigst zu Pflegen. Die Leute werden Dir in Berlin unendlich viel nutzen ... Ich bin in Erwartung eines sofortigen, und wie ich hoffe, vernünftigeren und froheren Schreibens Dein Dich nie verlassender, aufrichtiger Freund Loschitz, 4. August 1869. Karpeles. Interessant ist auch folgenider Brief: Mein vielgeliebter Freund! Ich freue mich ,außerordentlich. Dir heute wieder eine Botschaft mitthellen zu können, die bei unserem 'beiderseitig,en Verhältnisse und im Hinblick auf die Zukunft Dich auch gewiß erfreuen wivd. Ich habe — — 100 fl. verdient! Auf welche Weise, kann ich Dir heute nicht sagen, und zwar nicht etwa meinethalben, sondern merkwürdiger Weise Teinethalben! — Ich möchte nämlich gar zu gerne haben, daß Du ebenfalls solche 100 fl. verdienen sollst. Ties dürfte jedoch in diesem Momente nicht leicht gehen. Sobald wir beisammen sind, werde ich Dir die Manipulation mittheilen, werde Dir auch die Gründe haarklein auseinandersetzen, die mich rn Deinem Interesse einzig und allein verhindern. Dir jetzt schon die Art mitzutheilen, wie man 100 fl. verdient; frage mich also erst nicht unnöthig, sondern freue Dich der Tatsache und nimm rneine feste Versicherung, daß Du auch auf gleiche Weise und mit den gleichen Mitteln das Geld Dir verdienen wirst. Die 100 fl. von Brockhaus erhalte ich sofort beim Erscheinen der „Lichtstrahlen". Das dürfte in ca. zwei Monaten geschehen. Wir werden also, wie Du siehst, in Berlin durchaus nicht verhungern . . . Ich bitte Dich um Gottes Willen, mir ellenbogen-seitenlange Briefe zu schreiben, ich verschmachte fast vor Sehnsucht. Schreibe mir nur über alles, was ich Dich fragte, genaue und ausführliche Antwort. Ich ersuche Dich ferner, mir Zeitungen, Bücher, kurz alles, was Du kannst, über Berlin -und nur über Berlin, das ist mein ganzes Sinnen und Trachten, zu schicken. Du machst mich glücklich dadurch. Erkundige auch ein billiges Hotel. Frage verschiedene Leute. Umgehende Antwort — ellenlang — erwartet Dein Dich grüßender und umarmender, küssender Freund Loschitz, 29. August 1869. Karpeles. Rührend war das Beglückwünschungsschreiben, das er mir zu Rosch-Haschana 1869 schrieb. Sein ganzes, tiefes Gemüt und seine treue Freundschaft zu mir tritt darin in schönster Weise zutage. Es lautet: Loschitz, 5. September 1869. Jnnigstgeliebter Freund! Noch nie — ich kann es beteuern — bin ich so ernst, so aufgeregt dein .entgegengegangen, als diesmal. Ist es doch der Tag, an dem sich unser ganzes Schicksal entscheiden wird oder, in freigeistigsni Sinne ausgesprochen, an dem wir ernstliche Gedanken betreffs unserer Zukunft hegen werden. Alles, was uns in dem nächsten Jahre bevorsteht, wird uns morgen vor das geistige Auge treten. Wie könnte dies armselige Blatt Papier die Gefühle und hochwogenden Empfindungen Dir bringen, die ich heute fühle, wo unser Geschick sich aneinander kettet für die Zukunft! *) Mein Werk „Alexander von Humboldt und das Judentum" erschien erst 1871 in Leipzig und erlebte rasch hintereinander mehrere vermehrte und verbesserte Auflagen. 2) Ich war Mitarbeiter dieses damals sehr gelesenen Blattes. Und so bringe ich Dir denn zum meine innigsten und besten Glückwünsche dar. Möge Gott alles das erfüllen^ was Du im Gebete von ihm erfleM möge er das künftige Jahr für uns Beide zu einem Jahr gedeihlicher Fortenwicklung, sorglosen Lebens und heiterer Arbeit machen, möge er es ein für uns werden lassen in des Wortes bester Bedeutung, und mögen wir an die Schwelle des nächsten Jahres wieder so treten als Freunde, wie wir es heute sind! - In diesen Punkten wird mein Gebet morgen sich concentrieren; es ist auch Deins gewiß! Wozu also Worte, leere, nichtssagende Worte! Lebe wohl. Ich umarme und küsse Dich und bin Dein ewiger Freund G. Karpeles. Als ich noch immer nicht Miene machte, die mir -damals so liebe Dratislavia zu verlassen, wurde Karpeles immer stürmischer und heftiger. Ich bekam einen Brief nach dem anderen, bald in schwärmerischen, bald in siedesackgroben Ausdrücken. Als Pröbchen seiner, lediglich der innersten Freundschaft entsprungenen Ungeduld mag hier nur die nachstehende Epistel ohne Datum, aber geschrieben Oktober 1869, ein Plätzchen finden: Lieber Ko Hut! Es tut mir sehr wehe, daß Du Deinen besten, einzigen Freund so unendlich vernachlässigest. Vor etwa 14 Tagen schon habe ich Dir zwei Briese nacheinander (Paket) .geschickt, und herrte noch keine Antwort. Die Zeit rückt immer näher, wo die Entscheidung bezüglich Berlins getroffen werden muß. Ich habe bereits an Dr. Sternheim, sowie an Hildesheimer geschrieben. Elfterer freute sich, daß wir nach Berlin kommen. Das Leben sei nicht gar so teuer, mit 20 Reichstalern monatlich komme man fort. Hildesheimer würde uns ungeheuer viel nützen in Berlin, jedoch hat er sich, wie er schrieb, noch nicht entschieden, ob er hingehet''). Ich grüße und küsse Dich Dein treuer Freund Gustav Karpeles. (Fortsetzlmg folgt.) Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) XIV. it2 twa eine Woche später betrat der Präfekt das Zimmer seiner Frau einen offenen Brief in der Hand. „Adele," sprach er; „es tut mir leid, daß wir unseren Aufenthalt hier werden abkürzen müssen. Der Polizeiminister teilt mir mit, daß der Großfürst anstatt im Herbst schon im nächsten Monat nach Odessa kommt. Natürlich bleibt mir keine andere Wahl, so gern ich auch noch länger geblieben wäre. Mir war es hier so leicht zumute, Äs sollten wir unsere Flitterwochen nochmals verleben." „Auch mir fällt es schwer, schon von hier sortzngehen," erwiderte sie. „Auch aus derselben romantischen Ursache?" fragte er scherzend. „Nein, aus einer ganz prosaischen und vernünftigen Ursache," war ihre trockene Antwort. „Torakows wegen wäre ich gern noch länger hier geblieben." „Adele, es ist vergebliche Mühe, mich eifersüchtig machen zu wollen," neckte er sie weiter. „Sei nicht so abgeschmackt, Sergi. Hast du denn keinerlei Veränderung bei ihm wahrgenommen?" Er schüttelte verneinend den Kopf. „Marie sagte es mir schon, daß er gar nicht mehr so froh und frei sich fühlt als in den ersten Tagen unseres Hierseins, und ich selbst bin überzeugt, daß irgendein schwerer Kummer auf ihm lastet. Hast du nicht auch bemerkt, wie heftig er *) Er war damals noch Rabbiner in Eisenstadt (Ungarn).

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