Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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344 als Gründer und teilweise Leiter der jüdischen Geschichts- und Literaturvereine sowie seine öfsentliche Wirksamkeit überhaupt war, so wenig ist er als Mensch in seinem Privatleben, seinem geheimsten Sinnen und Fühlen, seinen Gemüts- und Herzensäußerungen bekannt geworden. Er war zeit seines Lebens eine scheue, mimosenhaste Natur, den jedes Zurschaustellen seines innersten Fühlens und Denkens anwiderte und der sich ängstlich davor hütete, dasjenige, was seine Seele in ihren Tiefen bewegte, denr prokonum vulgus preiszugeben. Nur einige wenige, die das Glück und die Freude hatten, mit ihm intim zu verkehren, also in der Lage waren, Blicke in diese zartbesaitete und tiefe, wahrhaft ideale Natur zu werfen, hatten Gelegenheit, den Kern des Menschen Karpeles zu ergründen. Ich kann wohl sagen, daß ich zu den ältesten und vertrautesten Freunden des für die Wissenschaft, die Literatur und die Interessen des Judentums viel zu früh verblichenen Forschers, Gelehrten und Schriftstellers zählte. Seit dem Jahre 1869 bis zu seinem Tode — also 4V Jahre — stand ich mit ihm unaufhörlich in regem brieflichen und persönlichen Verkehr. Ich studierte mit ihm zusammen an der Breslauer Universität und am Breslauer Rabbinerseminar Fraenckelscher Stiftung. Auch wohnte ich in meiner Studentenzeit einige Jahre mit ihm zusammen. Wir hungerten, strebten und rangen gemeinschaftlich und wir beide waren mit heißem Eifer bemüht, auf dem Gebiete der Literatur, ja sogar der Wissenschaft, hohe Ziele zu erreichen. Seine während vieler Jahrzehnte an mich gerichteten Briese, oft intimen Inhalts, zählen nach Hunderten. In manchem schüttete er sein volles Herz aus und äußerte sich über alles und jedes. Diese Zuschriften sind für die Psychologie und die Biographie ihres Verfassers von hohem Werre. Ich hoffe, daß eine seit Jahren schmerzlichst empfundene Lücke «usgefüllt und endlich eine Lebensbeschreibung und Charakterschilderung des seltenen und so hochverdienten Mannes erscheinen wird. Dann dürften diese Briefe ein sehr wertvoller Beitrag zu der Würdigung des großen Schriftstellers und edlen Menschen sein. Bevor dies jedoch geschieht, sollen hier wenigstens einige Bausteine zu diesem biographischen Monumentalwerk geliefert werden. Indem ich nun daran gehe, aus der Fülle des brieflichen Materials einige besonders bezeichnende Stellen herauszugreijen, möchte ich von vornherein noch bemerken, daß ich mit Rücksicht auf Lebende und auf gewisse Parteien und Strömungen nur dasjenige hier mitteile, was, ohne Anstoß zu erregen, veröffentlicht werden kann. Im Jahre 1869 lebte bzw. studierte ich in Breslau. Ich ivar einundzwanzig und Gustav Karpeles zwanzig Jahre alt. Ich leitete damals die „Breslauer Nachrichten", das als Konkurrenzblatt eines anderen damals sehr verbreiteten Tageblattes, der „Breslauer Morgenzeituug", ins Leben gerufen wurde. Kein Geringerer wie der berühmte Breslauer Dichter Karl v. Holtet hatte mich, den damals völlig Unbekannten, dem katholischen Verleger namens Neumann empfohlen. Als ich schmächtig, blaß und schwach vor Hunger mich zum erstenmal dem Genannten vorstellte, war er nicht wenig verblüfft, denn er traute mir so viel publizistische Begabung und redaktionellen Takt, den die Schriftleitung erforderte, wohl nicht zu, doch meinte er, daß er es auf die Empfehlung Holteis hin mit mir mal versuchen wolle. Ja, Herr Kohut, sagte er, schreiben Sie, was Sie wollen. Nur eine Bitte hätte ich, wenn Sie das Proletariat angreifen, so habe ich nichts dagegen, aber hüten Sie sich vor allen Anfeindungen des Prälatariats. Das Blatt wurde nämlich von dem Breslauer Fürstbischof Dr. Heinrich Foerster unterstützt und da hieß es natürlich mit dem Klerus recht vorsichtig zu verfahren. Zu jener Zeit war ich bereits aus der Kutte gesprungen, denn ich hatte mich davon überzeugt, daß meine ganze Lebens¬ und Weltanschauung für den rabbinischen Beruf nicht passe. Auch mein Studienkollege und Stubenkamerad Gustav Karpeles war zu dem Entschluß gelangt, der theologischen Laufbahn Valet zu sagen, obschon fein Vater Mas Karpeles, der Rabbiner zu Lofchitz in Mähren war, es gern gesehen hätte, wenn auch sein Sohn feinen Fußstapfen gefolgt wäre. Gleiche literarische Neigungen verbanden uns aufs innigste, und wir beiden Stürmer und Dränger schwuren uns treue Freundschaft für das Leben zu, und ich bin stolz darauf, daß ich diesen Schwur bis ans Lebensende meines Kameraden — „einen besseren find' ich nicht" — gehalten habe. Damals begann Gustav Karpeles für Heine zu schwärmen und sich für ihn zu interessieren. Merkwürdigerweise meinte er jedoch, daß ich Heinrich Heine besser kenne als er, und so geschah es denn, daß wir uns vereinigten, gleich zwei Schriften über Heinrich Heine auf einmal zu schreiben und herauszugeben. Von diesen war eine für die weltberühmte Firma F. A. Brockhaus in Leipzig bestimmt, die Lichtstrahlen aus den Werken großer Dichter und Schriftsteller verlegte, und die andere für einen Herrn Graetz in Leipzig, der eine von Hans Wachenhusen redigierte Zeitschrift „Der Hausfreund" im Verlag hatte. Das erstere Werk betitelte sich „Heinrich Heine; Lichtstrahlen aus seinen Werken und Briefen" und das zweite „Heinrich Heine; biographische Skizzen". Das erste Buch erschien nicht, weil der Verleger der Werke Heinrich Heines, Campe, aus Gründen des Urheberrechts dagegen protestierte, wohl aber das zweite. Im Jahre 1869 übersiedelte Gustav Karpeles von Breslau nach Berlin. Er fühlte sich nicht mehr behaglich in der schlesischen Hauptstadt. Auch ging er von der Ansicht aus, daß sein Vaterland größer werden müßte. Nur von Berlin ginge das literarische Heil aus, sagte und schrieb er mir wiederholt. Mich in der Metropole Preußens an seiner Seite zu haben, war sein sehnlichster Wunsch. Er bot seine ganze Beredsamkeit und Ueberzeugungskraft auf, um mich Zögernden, Schwankenden und nie zu einem frischen. Entschluß Gelangenden zu bewegen, das gemütliche schlesische Heim zu verlassen und ihm zu folgen. Seine aus jener Zeit aus seiner Vaterstadt Loschitz und aus Berlin an mich gerichteten Briefe bewegen sich hauptsächlich um diesen Punkt. Mögen einige derselben in chronologischer Folge hier abgedvuckt werden: Liebster Freund! Dein eben erhaltenes Schreiben ddo. 3. August hat mich mit wenig Freude erfüllt. Wenn ich etwas unternehme, so geschieht dies immer mit Freudigkeit und in Folge dessen auch mit Energie. Wer zaghaft schmerzlich an eine frische Thätigkeit geht, der wird bald ermüden. Daher ist es mir unlieb zu vernehmen, daß Du nur gezwungen, nur ungerne nach Berlin gehst. Du willst Deine einflußreiche Stellung, Dein Ansehen, Deine Achtung, Deine literarischen Verbindungen, Deine weitausgebreiteten gesellschaftlichen Beziehungen, Deine Studien, kurz. Dein angenehmes heiteres Leben in Breslau nicht verlassen, um in Berlin ein „Abenteurerleben" zu führen. Fühlst Tn die Ironie nicht, die in diesen Worten liegt? . . . Wenn ich Dir offen sagen soll, halte ich von Deinen Arbeiten bis zu unserer Abreise nach Berlin sehr wenig. Du bist zu aufgeregt, zu wild, als daß Du einen fremden Stofs mit der dazu nötigen Ruhe behandeln könntest. Du mußt fremde Luft einatmen, neue, frohe und liebe Gesichter sehen, und dann, hoffe ich zu Gott, wird sich Dein reicher Geist unendlich entfalten, — und die arme Literatur überschwemmen — ihre Verleger und Redakteure zu Bankerott bringen . . . Im Uebrigen werden heutzutage, und gerade