Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-21 · Heft 29 (21.7.1916) · p. Seite 343

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229262--72383-3284822
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

348 dem spähenden Fremdling. Was will der da oben, der Unbekannte aus einem rin bekannten Lande? Will er Schlimmes? Jahre über Jahre hat er da unten im Keller gehaust, einer der unzähligen und namenlosen Elenden des Ghettos; er hat den Donner der Kanonen gehört, das trockene Knattern der Maschinengewehre; seine Brotbiissen sind noch spärlicher geworden — ahnt er etwas von dem Großen, das geschehen, versteht er, daß -ein Lichtstrahl Zu seinem unglücklichen Volke gedrungen ist, daß die Gefängnis-mauern gesprengt sind, daß der Kampf gegen Schmutz und Erniedrigung begonnen hat? So, wie ich sein Haupt gegen das graue Dunkel sehe, bekommt es fast Rembrandtsche Schönheit: aus Armut und Sorge, aus Schmutz und Lumpen leuchtet dennoch eine geheimnisvolle, seelische Ausstrahlung menschlicher Größe. Die schmutzige Stirn trägt die Linie des Adels, die nicht lügt, und die das ewige Elend des Ghettos nicht zu Zerstören vermochte. Betritt man eine solche Kellerwohnung und gewöhnt den Blick ans Dunkel, so bemerkt man, daß das ganze Zimmer von herumkriechenden Kindern wimmelt, bleichen, schwarzen Geschöpfen. Einige liegen aus dem Tische, andere sitzen aus der Kommode — man hat das Gefühl, daß selbst in die Schubladen Kinder gestopft sind. Sie sind stumm; kaum einen Laut hört man. Furcht regiert hier wie überall im Ghetto. Ueber dieses unglücklicheJupenviertel ist nun noch die Kriegsnot gekommen und hat neue Wunden geschlagen, neue, bittere Tränen erpreßt. Aber auch neue Kräfte sind in Bewegung gesetzt worden. Deutsche Uniformen tauchen in den engen Gassen auf; deutsche Aerzte bringen Hilfe, barmherzige Schwestern folgen ihnen, neue Einrichtungen werden geschaffen. Die Grundsätze des guten Willens, der Ordnung, der Verantwortung und des Verstehens bahnen sich einen Weg durch diesen bis jetzt fast unergründlich gewesenen Sumpf. Man richtet jetzt Kinderheime für die jüdischen Straßenjungen ein; denn viele kleine Knaben jeden Alters, die entweder keine Eltern haben oder deren Eltern wegen des Krieges geflohen sind, hausen aus den Straßen, schlafen in Rinnsteinen, essen, was sie im Schmutz finden, oder was man ihnen zuwirft, oder auch, was sie sich auf den öffentlichen' Märkten aneignen können. Viele von ihnen sind fast nackt; sie sterben wie Fliegen; keiner fragt danach, wenn ein Wagen sie überfährt — wie sollte man auch diese dünnen, heiseren Stimmen in den Geräuschen des Ghettos beachten können! Wen kümmerte es früher, wenn sie nach Brot schrien Noch immer ist für diese Kinder die Straße erfüllt von Abeniteuern und Zauberkraft; sie ist die Dschungel, in dem sie jagen; die Straße lockt und fesselt sie, und es gibt Kinder, bk vor der Sauberkeit des Kinderheims flüchten-, vor Kamm und Bürste, vor Wasser und Seife, reinlichen Betten, vor den Liebkosungen freundlicher Lehrerinnen, vor den schwarzen Tafeln der Schule — diese Kinder flüchten zurück zur Straße, zum Wasser der Kloaken, zum harten Nachtlager auf den Schwellen der Türen inmittender Ratten. Die Kinder des Heims sitzen auf ihren Bänken, die kleine, platte Judenmütze aus dem Kopfe, wie es die gute Sitte erfordert, mit verschlagenen, schwarzen Augenperlen und lernen. Sie alle sind kleine, wilde Tiere, die gezähmt werden! sollen. Ein anderes Heim, ein großes, lnnstergültiges Institut, gibt kranken, alten Flüchtlingen Obdach. Welch ein unendlicher, vielstimmiger Chor des Leidens! Wie unzählig, wie unerschöpflich sind nicht die Leiden der Menschen, wieviel Blut und wieviel Tränen entströmen nicht dem schwärenden russischen Niesenkörper, dessen Pestbeulen jetzt mit dem Schwerte geöffnet werden Das taubstumme, blinde Mädchen ahnt die Nähe der Pflegerin, greift in die Luft, findet die Hand und führt sie mit tierischer Ergebenheit an die Lippen — eine Ahnung von Glück überfliegt das arme, erstorbene Antlitz, ein ergreifendes Symbol der wortlosen, von aller menschlichen Gesellschaft abgesperrten Not, die jetzt die milde Wärme der Barmherzigkeit empfindet. Der Sonnenschein füllt über die langen Reihen der Betten, in denen alte Männer tausendjährige hebräische Gebete lallen. Ein hundertjähriger, weihlockiger, gebeugter Patriarch sieht prüfend in das Gesicht des Fremdlings und küßt ergeben seine Hand. Frauen mit stumpfsinnigen Gesichtern sieht man. Kranke, von Granaten in den brennenden! Dörfern Verstümmelte, Krüppel, Wahnsinnige, Idioten mit Wasserköpfen; verschämte Arme, die mit zitternden Fingern die Blätter in den hebräischen Weisheitsurkunden wenden; Kretins, die mit strahlenden Augen ihre Jacke öffnen und zeigen, wie weiß das Hemd und wie unzerbissen die Haut von Läusen ist. Hier liegt eine einst reich gewesene Frau; jetzt ist sie gelähmt, seit jener Nacht des Schreckens, als die Russen ihr Heim plünderten und sie auf die Landstraße hinausjagten. Und dann zuletzt, Gott sei Dank, Kinder, die lachen: spielende Kinder, die die Herrlichkeit der Fröbelschen Pädagogikerleben, die zierliche Körbe flechten nnd mit farbiger Kreide Sonnenrosen, Glockenblumen und kleine nette Häuschen zeichnen, die Lieder singen vom Fuchs und der Gans, die gedankenlos sind und glücklich und auch ungehorsam wie alle Kinder. Niemals werde ich die Abteilung für heimatlose Juden vergessen. Auch niemals das schöne, junge Judenmädchen, schlank und edel gewachsen, in der einfachen Kleidung der Krankenpflegerin, die Augen wie schwarze Sterne, rein und strahlend die Stirn. Tie Idioten greifen nach ihren Händen, die alten Frauen richten sich in den Betten auf und folgen mit Tränen ihrem Weg. Ueberwälligend wirkt die edle, reizvolle Gestalt in dieser Umgebung: wie eine himmlische Botschaft, wie ein Zeichen der Hoffnung wandert sie umher. Man muß sie segnen, daß sie gerade hier weilt und daß sie so schön wie eine Lilie von Saron ist. Von der Liebe, die durch die Welt geht, fällt ein Strahl in das Dunkel des Ghettos." Gustav Larpeles als Lriefschreibrr. Mit zahlreichen ungedruckten Briefen desselben. Von De. Adolph Ko h n t. (Nachdruck verboten.) ie volkstümlich auch G u st a v Karpeles als Literarhistoriker, namentlich Heine-Forscher, als Verfasser der „Geschichte der jüdischen Literatur" und sonstiger Werke ist und wie sehr auch seine ersprießliche und segensreiche Tätigkeit Die Zöglinge des Jüdischen Lriegswaisenhauses in Lemberg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.