Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
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tz42 „Lieber Vetter! Das Lchicksal unserer Glaubensgenossen in Rußland, namentlich derjenigen, die sich der großen Schar der Flücht- 'liiiige aus Polen mehr oder weniger zwangsweise zugesellt haben, spottet geradezu jeder Beschreibung. Recht- und besitzlos, hilflos der Willkür untergeordneter Polizeiorgane preisgegeben, von Orten, wo sic zeitweise sich niedergelassen, nach kurzer Zeit verjagt, sterben sie zu Tausenden; Kinder unter vier I a hren gibt e s k a u in noch, ebenso wie auch die meisten Leute über 60 j o (| 11 den Strapazen des Wanderlebens, dem Hunger und Seuchen erlegen sind. Doch nicht nur diese Aermsten der Armen, auch die geflüchteten Polen, die von ihren Gütern zwangsweise entfernten Bauern d e u t s ch e r A b st a m m u n g und die aus Ostpreußen anfangs oes Krieges mitgeschleppten Geiseln lei d e n für ch t e r l i ch e 9c o t, von den aus O st p r e u ß e n m i t g e s -ch l e P P t e u K i n d e r n sind, wie ich aus absolut einwandfreier und zuverlässiger Quelle erfuhr, allein 2000, das s i n d m e h r als 50 Prozent, gest orben. Auf Grund dieser Berichte haben wir nun beschlossen, all unsere Glaubensgenossen aufzusordern, n u r d e n j e n i ge r, P r ä s i d e n t s ch a s t s k a n d i d a t e n zu unterstützen, der sich feierlich verpflichtet, hier mit der ganzen Autorität der U. S. einzugreifen; ferner werden zurzeit Unterschriften gesammelt, um an Wilson die Forderung zu stellen, die Gewährung der Anleihe an Rußland von der Beseitigung dieser Mißstände abhängig zu machen. Ein gewisser Zwang ist ja doch das einzige Mittel, um die Kriegführenden zur Humanität zu zwingen, und wir sind dafür die geeignetste als einzige neutrale Großniacht." güdilchr krirgswailrn. er jüdischen Mildtätigkeit hat sich ein neues, ebenso ehrenvolles als schweres Arbeitsfeld eröffnet, die Versorgung und Erziehung tausender infolge des Krieges ihrer Eltern beraubter jüdischer Kinder in Galizien und in der Bukowina. Es sind das Kinder, deren Väter im Kriege gefallen oder als Geiseln verschleppt, deren Eltern von mordlustigen Kosaken getötet oder von Seuchen -dahingerafft wurden. Da die größte Opferwilligkeit der Priv-atwvhltätigkeit nicht ausreicht, um den leider von Tag zu Tag wachsenden Anforderungen zu genügen, hat der Staat die Aktion unter seine Patronanz gestellt. Mit Rücksicht auf die sozialen Verhältnisse erwies sich eine Teilung der Waisenfürsorge nach religiösen und nationalen Gesichtspunkten als erwünscht. Neben einem polnischen und ruthenischen wurde auch ein jüdisches Zentralwaisenkomitee berufen, dessen Mitglieder von der Regierung ernannt find. An der Spitze steht Hofrat Vizebürgermeister Saare in Krakau; als dessen Stellvertreter und gleichzeitig als Vorsitzender der ostgalizischen Sektion fungiert der Präsident der Lemberger Bne-Brith-Loge, Dr. Emil Tamas. Außerdem gehört dem Zentralkomitee eine Reihe von Damen und Herren aus verschiedenen Vereinen der jüdischen Gesellschaft an. Da es sich um die Erziehung von Kindern aus meist streng orthodoxen Kreisen handelt, ist auch der theologische Stand, wenn auch nicht in erwünschten! Maße, vertreten. Es haben die Herren Rabbiner Dr. Guttmann (Lemberg), Tr. Thon (Krakau), Oberrabbiner kaiserlicher Rat Lewin (Sambor) und llniversitätsprosessor Dr. Schorr (Lemberg) Sitz und Stimme; zum Generalsekretär ist Religionslehrer Rubenzahl ausersehen worden, der seit zwei Jahren im jüdischen Rettungskomitee für Ostgalizien unermüdlich tätig ist. Seiner Energie und aufopferungsvollen Tätigkeit ist auch die schon vorher erfolgte Errichtung des ersten jüdischen Kriegswaisenhauses in Lemberg zu verdanken, von dessen Zöglingen hier eine photographische Aufnahme vorliegt. In nächster Zeit soll eine größere Anzahl solcher Waisenheime ins Leben gerufen werden. Warschauer GhettobiMrr^. n einer er gre i senden Studie, die erfüllt ist von tiefstem Mitleid mit den Aermsten der Armen unter den geknechteten Fremdvölkern des Moskowiterreiches, schildert Fredrik Book, Schwedens angesehenster und feinsinnigster Essayist, in „Svenska Dagbladet" aus eigener Anschauung das Elend des Warschauer Juden Viertels, m dessen Trostlosigkeit die Morgenröte einer neuen Zeit jetzt zum erstenmal feit 100 Jahren einen hossnungsfrendigen Lichtstrahl entsendet. Mehr als eine Viertelmillion Inden lebt, wie man weiß, in Warschau eng zusam-menged rängt; lebte bisher zum großen Teil in bitterster Arm-ut, in unbeschreiblicher Verkommenheit. Der bekannte schwedische Schriftsteller hat in Begleitung deutscher Ossiziere diese Stätten grenzenlosen Jammers ausgesucht; was Book dort gesehen hat, wirkt in seiner meisterhaften Schilderung erschütternd und wie eine furchtbare Anklage gegen die erbarmungslose Härte der fühllosen *rnssischen Despotie, die mit vertierter Grausamkeit bis zum letzten Tage ihrer fluchbeladenen Herrschaft in Polen gewütet hat. „Erst im Ghetto von Warschau", so sagt Fredrik Böök, „lernt man das Dasein der Juden des Ostens in seiner schrecklichen Wirklichkeit kennen. Betritt man das Viertel, so erstirbt das 'letzte Lächeln aus den Lippen. In den engen, schmutzigen, winkligen Gassen wimmelt es von Menschen zu allen Tages- und Nachtstunden; es ist wie ein einziger Ameisenhaufen, darin sich die Unruhe niemals legt. Es ist, als ob die Juden aus den Straßen wohnten; ihr Leben ist eine endlose Wanderung, ihre Tage sind endlose Gespräche, endlose Geschäfte. Man kann sich nicht gegen, den unheimlichen Eindruck wehren: hier lebt ein Volk von Tagedieben, das starke Arbeit nicht kennt. Man versteht plötzlich die Schändlichkeiiten der Pogrome, die rohe Herrschaft der Faust und der Reitpeitsche, den schonungslosen Boykott der Nationalpolen — versteht es mit Schaudern, Mitleid und Gewissensbissen. Aber nicht nur die Straßen sind überfüllt, auch die Häuser , sind ebenso vollgepackt mit Menschen vom Boden bis zum Keller. Solche Labyrinthe haben oft fünf Hinterhäuser, und in einem dieser Häuser, das nur zwei Klosetts enthält, wohnen 2000 Juden. Dies erklärt den traurigen Gesundheitszustand der Bewohner. Von den Flecksiebererkrankungen entfallen denn auch neun Zehntel aller Fälle aus die Juden. Es ist nicht ganz leicht, im Warschauer Jud-enviertel eigene Beobachtungen zu -machen-. Wennein Wagen der Kommandantur durch die Straßen fährt, so bilden alle die Beschäftigungslosen dichte Gruppen; wirft man eine Frage hinein, so fuchteln unzählige Arme vor den Augen; die Lust ist von Schreien erfüllt; Antworten kreuzen sich, die Stimmen übertönen einander, fast entsteht der Eindruck einer Prügelei. Kriechende Untertänigkeit, haltlose Neugierde, hossende Geschäftigkeit machen diese Menschen nervös; der Anblick des hohen uniformierten Herrn bringt sie von Sinnen. Dennoch wagen sie sich an den Wagen heran. Sie wissen schon, daß diese ihnen seltsamen und strengen Offiziere ihnen weder ins Gesicht spucken noch sie mit Fußtritten traktieren, lote es die Russen taten. Betritt man einen Hof, so strömt die ganze Schar nach, und man steht in einem unruhig wogenden Meer. Man tut am besten, ein paar handfeste Kerle zu mieten, die den Eingang während des Besuches sperren — dann gibt es eine regelrechte Belagerung, und der Heldenmut der Belagerer macht sich in dumpfen Schlägen gegen die Pforte Lust. Eine große Dummheit beging ich, -als ich dann angesichts des Hausens die Börse zog, nur die Türhüter abzulohnen. Mit einem Schrei des Hungers, der Hoffnung-, der Verzweiflung stürzte sich die Schar aus mich. Die Frauen mit ihren rotbraunen Perücken, die sie am Hochzeitstage anlegen, nachdem sie das eigene Haar abgeschnitten haben, strecken mir ihre weinenden Kinder entgegen. Sieht man durch -eine zerbrochene Fensterscheibe in eine der schwarzen, feuchten Kellerhöhlen — die schlimmsten sind bereits von der deutschen Militärverwaltung aufgeräumt und versperrt —, so kann man einenblassen und majestätischen Moseskops mit hoher, schöner Stirnunter den dünnen und schmutzigen Locken zu sehen bekommen; der abgemagerte Körper ist mit Lumpen bedeckt. Wenn mein Schatten das Fenster verdunkelt, so wendet sich langsam-, langsam der müde Kopf, und ein schwer zu ergründender Blick begegnet *) Ans der „Neuen Preußischen Krenzzeitung", Berlin, 30. Juni 1916.