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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-21 · Heft 29 (21.7.1916) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 29 (21.7.1916)
Date
1916-07-21
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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339 haben nur kleine Nachbeter. Als politische Parteimeinung klammert sich der deutsche Antisemitismus — im Gegensatz zum russischen — fast nur an die auch sonst in staatlichem, kirchlichem und gesellschaftlichem Sinne Reaktionären, an die Geburtsaristokraten und die vor dem Wettbewerb Aengstlichen. Nämlich nicht aus innerer Ueberzeugung, sondern zu Zwecken der Parteipolitik ist er von Bismarck 1880 gezüchtet worden. Freilich ist seitdem die bis dahin geradlinige Entwicklung der äußeren Gleichberechtigung der Juden zurückgebogen worden. Aber zum Glück ist doch, zum Teil dank dem Widerstande auch der Regierung gegen eine parlamentarische Partei, nicht die gesetzliche, verfassungsmäßige Gewähr angetastet worden. Und in manche Berufe drangen die Juden selbst in der Zeit dieser Reaktion zwar nicht neu, aber in ausgedehnterem Maße vor, so in die des Technikers. Universitätsdozenten, Oberlehrers und Archivars. Wohl ist von der Staatsverwaltung bei der Aemterverteilung und empfindlicher von den gesellschaftlichen Mächten bei der Airstellung und im Verkehr der Jude zurückgesetzt, ja teilweise, wenn nicht grundsätzlich, so doch tatsächlich ausgeschloffen worden. Nicht anders als blutenden Herzens sah der Jude, der 1879 Mann wurde, den Traum des Jünglings zerstört; und wer später aufwuchs, mochte verbittert diese rücklärrfige Bewegung als unaufhaltsam betrachten. Doch brechen sich Kulturfortschritte ja fast nie in gerader Linie Bahn. Deutlich läßt sich nunmehr wieder eine Kurve nach oben beobachten; und der künftige Wellenberg wird höher und fester stehen als der von 1878, weil die Scheingründe des Absturzes überwunden sind. Dazu wird wesentlich beitragen die Arbeit der Juden selbst an ihrem innigeren Zusammenhang mit dem Vaterlande. Wie wenig diese innere Einbürgerung stillgestanden hat auch trotz jenes äußerlichen Rückschlags, lehrt ein Blick auf die Freiwilligkeit des Kriegsdienstes: noch 1870 drang sie in nur wenige jüdische Jugendkreise und 1914 in alle! Vor allem müßte der neutrale Jude sich sagen, daß im Gegensatz zu Frankreich, wo ein Jahrhundert nach den Ideen von 1789 der Dreyfus-Schwindel sein Wesen trieb, die starke deutsche Regierung pflichtgetreu einer etwaigen Straßenhetze widerstehen will und kann, daß zuerst in Deutschland ein Klassiker der Literatur die Theorie der Aufklärung zur praktischen Gleichachtung der Juden weiterdachte, daß zuerst in der deutschen Gesellschaft, vor und neben der staatlichen Einreihung ins Bürgertum, dem Juden der Zutritt zur europäischen Bildung und Lebensgemeinschaft verstattet worden ist. Nur wo als Vorbereitung die Gesellschaft den Antisemitismus überwunden hat, empfangen die Paragraphen einer noch so freien Verfassung wirksames Leben. Weder die englische noch die amerikanische Gesellschaft hat angesichts des Eindringens der Ostjuden sich als gegen den Antisemitismus gefeit erwiesen, obwohl doch die letztere nicht einmal die Scheingründe fremder Herkunft oder des Mangels guter Kinderstube oder besonderer Geldgier gegen die Juden anführen kann. Und lange vorher schon ist doch die jüdische Raffe sogar eines Nichtjuden in England dann nicht vergessen worden, wenn man ihn herabsetzen wollte. Um 1872 hörte ich in einer Volksversammlung für weltliche Schule Disraeli als Juden verspotten: würde in Deutschland etwa die ethische Kultur gegen Stahl, den Jdeengeber der Konservativen, dessen jüdische Abstammung als Grund benutzen? Ein Volk, das wie das deutsche in seinen großen Geistern die Ideen der Aufklärung, die Notwendigkeit des Nationalstaats und die Sozialkritik tief wie kein anderes durchdacht hat und in seiner überwiegenden Mehrheit, wenn auch langsam, seinen Lehrern in die Höhe zu folgen gewohnt ist, wird die Reste der alten Vorurteile, nachdem deren Verteidigung zusammenbrach, um so sicherer für immer beseitigen. Der Kampf für die praktische Verwirklichung der Gleichstellung der Juden — langwierig, weil der alte Krieger- und Beamtenstaat Preußen innerlich so tüchtige Kraft besitzt — wird zum Siege führen, wenn Deutschland sich weiter zum Volksstaate erhebt. Dieses Ziel sollte auch der neutrale Jude befördern, indem er es verschmäht, die heuchlerischen Hetzreden der englischen und französischen Kriegstreiber gegen eine angebliche Unfreiheit und einen stark übertrieben und unrichtig als dauernd dargestellten Antisemitismus sich anzueignen. Im währenden Kriege hat er als Jude Grund, Deutschland den Sieg zu wünschen. Nach dem Kriege wird er, besonders soweit er sich an der Tagespresse beteiligt, vor der hohen, aber schwierigen Aufgabe stehen, im Interesse der Menschheit wie seinem eigenen die wilden Haßgefühle, von denen die Nationen erfüllt sind, zu dämpfen und das gegenseitige Verständnis unter den bisherigen Feinden anzubahnen. Die Woche. Berlin, den 18. Juli 1916. as große Ereignis der Woche ist die Ankunft des U n t e r s e e h a n d e l b o o t s „Deutschland". Es ist nach einer verhältnismäßig schnellen Fahrt in Baltimore gelandet, hat Farben und Arzneiwaren dorthin gebracht und ist dazu bestimmt, Waren, die wir benötigen, besonders Gummi, nach Deutschland zurückzubringen. Diese Fahrt ist ein großartiger Triumph deutscher Erfindungskunst und Ausdauer, ein glänzendes Zeugnis für die Unerschrockenheit und Kühnheit seiner Mannschaft. Sie hat in Amerika Bewunderung, bei den gegen uns verbündeten Mächten, die natürlich nicht unparteiisch genug sind, um die großartige Leistung anzuerkennen, Entsetzen und Schrecken erregt. Die Vereinigten Staaten stellen sich glücklicherweise auf den Standpunkt, den einzigen, der dem Recht und der Billigkeit entspricht, das Schiff als Handelsschiff anzuerkennen, und werden ihm ohne jede Einschränkung gestatten, mit der Belastung, die es einzunehmen gedenkt, die Rückfahrt anzutreten. Frankreich und England dagegen verlangen einerseits, was sie aber nicht durchsetzen konnten, von den Vereinigten Staaten Zurückhaltung des Schiffes und sind anderseits entschlossen, alle Mittel anzuwenden, um die Rückfahrt des Schiffes zu hindern und wenn sie es vermögen, es auszugreifen und zu vernichten. Wir erhoffen, nachdem Amerika sich nicht den Willen der Ententemächte hat aufdrängen lassen, die gute Rückkehr des wackeren Schiffes und die häufige und glückliche Wiederholung eines ähnlichen Unternehmens. Schon ist das Schwesterschiff „Bremen" unterwegs; andere Schiffe sind, wie man hört, im Barl, und so würde ein Ereignis von weittragender Bedeutung vollzogen sein, wenn das Glück weiter dem Mutigen gehört. Wie dem aber auch sein mag: diese Fahrt hat gezeigt, daß die von England mit so ungeheuren Mitteln gegen uns unternommene Blockade tatsächlich durchbrochen ist. Sie hat ferner für die Zukunft eine Möglichkeit geschaffen, für Deutschland eine gewisse Freiheit der Meere zu erzwingen. Die Kriegslage ist für uns gut. Unterseeboote sind wacker an der Arbeit. Ein großer englischer Hilfskreuzer wurde in den letzten Tagen vernichtet; mehrere kleine englische Schisse, auch italienische und russische, sind untergegangen. Auch im Lustkampf sind in den letzten Wochen sehr viele englische und französische Fahrzeuge zerstört worden und nebst der Mannschaft in unsere Hände gefallen. Die allgemeine Offensive hat in der letzten Woche, wenn auch keineswegs geruht, so doch einigermaßen gestockt. Selbst

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