Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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338 Gefühl und europäischer Bildung höchststehenden geistig am schwersten — bedrückt, daß er am Leibe des deutschen Volkes eine schlimmere Krankheit bedeutet, das soll auch hier offen und tief beklagt sein! Und dennoch, so hoffen wir zuversichtlich, nur eine Kinderkrankheit, über die der künftige Politiker Deutschlands nur lächeln wird. Im Bunde mit den christlichen Freiheitsfreunden des eigenen Landes hofft der Jude zur Gesundung dieses Verhältnisses fortzuschreiten. Der Sohn der unbekannten, ungelehrten, armen Familie, des Bauern, des Kleinbürgers und Arbeiters wird Schulter an Schulter mit dem Juden den alten Kastengeist überwinden, sie alle nicht bloß für sich, sondern fürs allgemeine Beste kämpfend. Bisher hat 1812, 1848, 1866 bei jeder großen inneren Entwicklung Deutschlands auch der Jude Schritte zur Gleichberechtigung tun können. Der heutige neutrale Jude aber versuche auch hier auf historischem Wege zu verstehen. Zunächst vergleiche er die soziale und politische Stellung der deutschen Juden um 1840 und um 1880: der Ausstieg ist einfach wunderbar. Und auch heute nimmt der Jude bei uns (und in keinem Lande der Erde in höherem Grade) teil an Wissenschaft, Literatur, Kunst, politischer und sozialer Bewegung, Technik und Handel, im kommunalen und Ehrenamt, in leitenden, wenn auch nicht staatlichen Stellen. Sodann vergleiche er die Judenschaft von Thorn, Posen und Kattowitz mit der des inneren Polens, und er wird begreifen, welch ungeheure Kulturarbeit der preußische Staat und die deutsche Gesellschaft an dem von ihnen beeinflußten Teile einer vor fünf Menschenaltern noch ganz gleichartigen Bevölkerung vollzogen haben. In den westlichen Ländern machte die Judenschaft einen weit geringeren Prozentsatz der Bevölkerung aus, bewahrte, besonders in ihrem portugiesischen Teile, von sich aus innigere Fühlung mit der geistigen Umwelt und fand eine wirtschaftlich höhere Entwicklung der Christen vor, die zu städtischem Bürgertum samt Achtung vor dem Handel, auch dem in Geld, selbständig vorgedrungen war. In Italien und Südfrankreich, wie einst auf der Iberischen Halbinsel, fiel ferner eine Aeußerlichkeit ins Gewicht, deren Gegensatz den Juden vom Niedersachsen und Slawen aus den ersten Blick zu unterscheiden beiträgt, nämlich die größere Aehnlichkeit im Pigment von Haut, Haar und Auge, aber auch in der lebhaften, gestikulierenden Redeweise samt einer Rhetorik, die mit Witz, Ironie und Ellipse zu wirken versteht. In Deutschland selbst steht der Südwesten, was die Angleichung der Juden an die Christen betrifft, unzweifelhaft höher als der Osten. Gibt sich nun der neutrale Jude die Mühe, das Gistgewächs des Antisemitismus Deutschlands näher zu prüfen, so wird er eine logisch zunächst vermutbare Wurzel überhaupt vergeblich suchen. Wie tatsächlich der Jude Deutschlands an der Ausübung seines Gottesdienstes nirgends eine Hemmung empfindet, so wird sein Glaube, für sich genommen, fast nirgends gehaßt oder verachtet und, selbst von Theologen, nur noch wenig bekämpft. Letzteres im vorteilhaften Gegensatz zu England und Nordamerika mit ihren aufdringlichen Judennkissionen. In keinem Lande der Welt steht die führende christliche Theologie so wie in Deutschland dem Wesen des Judentums nahe, indem sie die unterscheidenden Dogmen von der Göttlichkeit Christi, der Dreieinigkeit, der Brotwandlung im Abendmahl fallen läßt oder stark ins Geistige umdeutet, indem sie die ethischen Ideen des Neuen Testaments als in der jüdischen Prophetie vorgebildet anerkennt, indem sie mit höchster Gelehrsamkeit und scharfsinniger Methode eine fast schon ganz vorurteilslose Religionsforschung und -Vergleichung betreibt, von der das Judentum als Religions- oder Sittlichkeitslehre nur weiteren Wahrheitsgewinn und höhere Achtung erhoffen kann. Mag es praktisch für die Seelenzahl der Judenschaft auf Verluste hinauslaufen, wenn der protestantische Pfarrer dem Juden bei der Taufe das Opfer an Bekenntnis gar leicht macht und die Mischehe in Deutschland wie wohl nirgend sonst Platz greift: beides zeigt doch ein starkes Verblassen des Glaubensgegensatzes. Vollends nun unter den nicht theologisch geschulten und gebundenen oder nicht besonders christlich und kirchlich gerichteten Kreisen deutscher Protestanten der höchsten Intelligenz herrscht Deismus, Pantheismus, naturwissenschaftlicher Monismus oder Agnostizismus — Anschauungen, denen viele die Taufe zwar entschieden ablehnende Juden recht nahestehen —so weitgehend wie weder in England noch in Nordamerika, wo Kirchlichkeit in irgendeinem Bekenntnis noch immer als Prüfstein der Wohlanständigkeit gilt. Um 1867 lehrte ein Gymnasialprofessor in Berlin, mit Recht galt Merkur als Gott wie der Kaufleute so der Diebe, gemäß der inneren notwendigen Verwandtschaft dieser Gewerbe. Seit Deutschlands Aufschwung im Welthandel wirkt diese Erinnerung nur noch komisch. Und mit dem Abstreifen der Eierschale des Agrarstaats ist auch der Vorwurf gegen jüdische Neigung zum Handelsgewerbe, der dem Antisemitismus Nahrung bot, hinfällig geworden. Dazu kommt, daß die deutschen Juden in immer steigendem Maße sich vielen anderen Berufen, wo sich diese ihnen nur öffneten, erfolgreich so gut fürs allgemeine Beste wie für sich selbst zuwendeten. In einem Menschenalter wird sich die öffentliche Meinung in Deutschland, wie bisher in England und Amerika schon, abgewöhnt haben, in antisemitischer Absicht Juden und Händler zu identifizieren. Da aus der Geschlechtsverbindung zwischen Juden und Christen fast stets die Nachkommenschaft letzteren zuwächst und materiellen Vorteil in der Verschleierung ihrer jüdischen Ahnenschast sieht, so daß die Judenheit stammrein und abseits bleibt, da anderseits das Verhältnis der Juden zu den Christen in Deutschland aber nicht eins zu hundert ausmacht, also jene Mischung das Blut auch der Christenheit quantitativ nicht beeinflussen kann, so werden in absehbarer Zukunft Juden und Christen zwar sich weiter rassenhaft unterscheiden. Wie aber die erwähnten Mischehen das Vorkommen der Geschlechts liebe zwischen beiden statistisch in Deutschland besonders stark bezeugen, so gibt es gewiß hier auch nicht etwa weniger Freundschaft zwischen ihnen als anderswo. Eine Abneigung also, wie sie ja auch logisch oder physiologisch aus der Verschiedenheit gar nicht zu folgen braucht, kann vielleicht bei einzelnen naiv gefühlt, bei manchen aus Parteipolitik aufgepeitscht, aber im Volke als Ganzem kaum mehr wirksam sein. Unzweifelhaft ist es aber gerade deutsche Wissenschaft, die zunächst die Vorstellung von einem festen Rassethpus des blonden blauäugigen Germanen als Mythos erwiesen, dann gegen die vorschnelle Verbindung geistiger Merkmale mit ererbter Körperbeschaffenheit Einspruch erhoben hat. Hat der von Engländern stammende, in Frankreich geschulte Chamberlain, der jetzt die Fahne des Deutschtums gegen sein Heimatland zu schwingen für geschmackvoll hält, früher alles Gute und Schöne in der Welt den Germanen allgemein beizulegen für gut befunden, so ist gerade von deutschen Protestanten dieser oberflächliche Dilettantismus aus dem Tempel der Wissenschaft hinausgewiesen worden. Es ist wahr, daß der deutsche Antisemitismus wirklich noch stark besteht, den Juden wesentlich in materieller und temperamentlicher Weise Schaden bringt und dem deutschen Volke (das ihn 1879 zwar wahrlich nicht erfand, aber von einer kleinen Partei übernahm und noch nicht energisch abschüttelte) einen Flecken auf dem Ehrenschild und bedeutenden geistigen Verlust an begabter Mitarbeit für den Staat eittträgt. Aber er ist bereits ideenleer. Lagarde und Treitschke