Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1916)
- Date
- 1916-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 29 Allgemeine Berlin, 21. Juli 1916 eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint w Scheu Ni ch. A bonneme nts«pr e^5-. durch den Buchhandel oder die Post (in Verltu und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich S NI. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig PHUippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TTttfrÄlt* Wenn ich Neu traler wäre. Von Felix Liebermann. — Die Woche. — Jüdische Kriegswesen. — Warschauer Ghettobilder. — Gustav Karpeles als Briefschreiber. Von Tr. Adolph Ko Hut. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M.Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Rawitsch, Posen, Leipzig, München, Nürnberg, Oldenburg, Köln Dortmund, Straßbnrg i. E.,Wien, Budapest, New Dort. — Von Nah und Fern. Wenn ich Meutrairr wäre. Bon Felix L i e b e r m a n n. H. ie Juden in Deutschland vermochten dem seit etwa 50 Jahren siegreichen Gedanken der sozialen Freiheit besonders leicht zu folgen. Vieles davon war in der Prophetie vorbereitet, im Gottesdienst, unter allmählicher Zurückdrängung des örtlich-nationalen und priesterlich-hierurgischen Bestandteils, täglich verkündet und, wenn auch früher unter Beschränkung innerhalb der Gemeinde, in werktätiger Liebe gelebt worden. Sollte nicht auch in neutralen Ländern der Jude im deutschen Freiheitsideale eigenes Herzblut strömen fühlen? Um so mehr, als es seinem Wesen nach, sehr im Gegensatz zu britischem Imperialismus, die Selbständigkeit der Nachbarnationen niemals bedroht hat? Darf er sich von gegnerischen Lügen mit dem Popanz schrecken lassen, Deutschland wolle die Welt erobern mit Feuer und Schwert? Er hat zumeist die Fähigkeit, Deutsch zu lesen, und immer die der scharfen Kritik. Wenn er die Stimme der verantwortlichen Regierungsmacht, verstärkt von der an Zahl unendlich überwiegenden Wählermasse, vergleicht mit den Drohungen unserer Feinde, uns 31t vernichten, so kann keine Frage sein, wer darauf ansging, aller Völker Freiheit zu verschlingen. Wird aber der Wille, ein Volk von siebzig Millionen höher zu entwickeln und gegen eine Welt von äußeren Feinden zu schützen, als berechtigt anerkannt, so muß auch das Mittel einer starken und tief ins Privatleben des einzelnen einzugreiscn befugten Staatsmacht zugegeben werden. Die Möglichkeit, sein Kind analphabet oder körperlich unausgebildet zu lassen und das des Nachbarn ausznnutzen, den armen Kranken oder abgearbeiteten Alten verhungern zu sehen, ist endlich nicht als Freiheit, sondern als deren Gegenteil erkannt worden; sie muß auch den selbsüchtigen Rückständigen von Staats wegen benommen werden: dazu bedarf es Staatsämter und Amtsregeln und Amtsaufsicht freilich mehr als in den früheren Hochburgen des Laissez faire. Auch wer das Personal der Aufsicht volksmäßiger auserlesen sehen möchte — die Notwendigkeit der Sache muß auch der neutrale Jude einsehen; auch wer mit dem heutigen Grade der Volksfreiheit in Deutschland durchaus nicht sich zufrieden gibt, muß einen Teil der Widerstandskraft des alten Becnntenstaates als begründet anerkennen in der tüchtigen und unbestechlichen Natur des alten Personals. Er muß ferner die fortschrittliche Entwicklung seit hundert Jahren begrüßen und sie betrachten als den Weg zu einem Ideal, wie die Welt ein höheres nicht kennt. Denn — allen Juden, die nach zwei Jahrtausenden der Staatslosigkeit in säst nur einem Menschenalter die Teilnahme an Politik und Gesellschaft unerhört schnell sich gewannen und daher ungeduldig den Fortschritt überall nicht schleunig genug erwarten können, muß es gesagt sein — nur in historischem lleberblicke über mehrere Menschenalter und durch Herausfindung der aussteigenden Linie, nicht in flüchtigem Betrachten der heute und vielleicht nur an einem Orte vereinzelten Erscheinung, läßt sich ein reifes Urteil über ein großes Volksleben gewinnen. Das deutsche Volk in seiner jungen Einheit fühlt, das; es auch innerlich in vieler Beziehung erstarken muß. Und verächtlich ist seine Muskelübung, anch abgesehen vom blutigen Ringen, niemandem. Da möge der neutrale Jude bedenken: dieses Volk, das noch vor fünfzig Jahren das angelsächsische Staatswesen und das französische Gesellschaftsleben in den Himmel hob, überhaupt das Fremde, weil es fremd war, liebte, ist, nicht etwa infolge des Krieges, sondern lange vorher, von der Ausländerei gründlich geheilt. Der konservativste Agrarier und der röteste Sozialdemokrat sind in dieser Negative vollkommen einig: das Antipodentmn Deutschlands, den Amerikanismns mit seiner Plntokratie, lassen wir nicht herein! Auch Englands und Frankreichs Freiheit tragen bei Lichte besehen stark plutokratische Züge. Wir wollen sie heute nicht mehr geschenkt, wenn auch die freigebigen Schenker nicht unsere Erzfeinde wären. Endlich zu dem Punkte, der wohl die meisten neutralen Juden gegen Deutschland erbittert, dem Antisemitismus! Auf die Seite unserer Gegner zu treten, bietet er jedenfalls keinen Grund. Denn bei Rußlands Sieg würde er jenem Drittel der gesamten Judenheit, das 1014 russischem Zepter unterstand, sicher noch drückender fühlbar werden. Der Berliner Kongreß war es, der einst für das Bürgerrecht der rumänischen Juden eintrat! Und von vornherein muß betont werden, daß die internationale Presse und ihr folgend die öffentliche Meinung im Auslande den deutschen Antisemitismus stark übertreibt. Einmal ans dem oben erwähnten allgemeinen Haß gegen dasjenige Staatsleben, welches von ihr — mehr als das Englands, Frankreichs, Italiens und vollends Nordamerikas — sich unabhängig und die Ueberlieserung der Vergangenheit aufrechterhnlt. Dann aber auch, weil jene Presse in weit höherem Grade, als dem Verhältnis der Judenheit zur Volksmenge entspräche, jüdischen Einfluß erfährt, gemäß der Begabung unseres Stammes zu schnellem Beobachten und Denken sowie leichtem und lebhaftem Ausdruck. Aber daß der Antisemitismus wirklich in Deutschland die Juden — und zwar gerade die an deutschem