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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-14 · Heft 28 (14.7.1916) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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335 Er ließ sie auch jetzt nicht vollenden. „Ich kenne Ihren Einwand, noch ehe Sie ihn aussprechen. Aber lassen Sie uns einen ehrlichen Handel schließen. Sie sürchten die „Torheiten" Ihres Vetters; nun, ich verspreche Ihnen, mich vor seinem Schießunterricht in acht zu nehmen, dagegen sollen Sie mir versprechen, sich selbst vor — mir in acht zu nehmen." „Dann wären meine Ahnungen doch nicht ganz unbegründet?" flüsterte sie mit tränenfeuchten Blicken. „Die Höflichkeit gegen Damen verbietet es mir. Ihnen zu widersprechen," sprach er gezwungen. „Das ist wieder eine Zurücksetzung für das Weib, immer wie ein unmündiges Kind behandelt zu werden," seufzte sie leise. Er überhörte absichtlich diese Bemerkung und fuhr fort: „Sie müssen mir aber zugeben, daß ich mich Ihren Verdächtigungen gegenüber mit großer Geduld wappnen mußte." „Ja, ich gestehe, Ihren Unmut oft herausgefordert zu haben." „Daß ich mich aber von diesem Unmut nicht hinreißen ließ, geschah deshalb, weil ich mir die ganze Zeit über schon klar war, daß Sie sich aus einem Irrwege befanden. Vielleicht haben wir beide zu großes Gewicht auf die Art unseres Beisammenseins gelegt; zumal wir doch wissen mußten, daß dieses bald zu einem Ende kommen werde. Durch ein Ungefähr, durch einen alltäglichen Zufall sind wir aneinander geraten, und darum werden wir," er punktierte das Wort mit einem Achselzucken, dem man verschiedene, gegensätzliche Bedeutungen unterschieben konnte, „werden wir wieder voneinander gehen, ohne daß sich unser Lebensstrom auch nur durch die kleinste Welle kräuseln wird. Und da muß ich fragen: Lohnt es sich da erst, über korrekte Ausdrücke, akkurate Bewegungen und formvollendetes Mienenspiel sich das Leben so schwer zu machen? Sicherlich nicht." Er brach mit einem scharfen Klang ab und wendete sich weg. Er wollte sehen, wie sie den Gedanken der bald bevorstehenden Trennung aufnehmen, er wollte wissen, ob sein guter Stern an diesem Abend auch die zweite Probe bestehen wird, und seine Spannung war aufs höchste gestiegen. „Gewiß nicht, Herr Schmulikof," wiederholte sie, „falls jeder von uns aus der Erinnerung des anderen spurlos verschwinden sollte." Nun brauchte er nicht länger zu warten. Blitzschnell drehte er sich wieder zu ihr um. „Was soll ich unter dem „Falls" verstehen?" fragte er kühn. „Das muß ich Ihrer eigenen Deutung überlassen," erwiderte sie, das Gesicht so gewendet, daß das Licht aus den» Zimmer es nicht treffen konnte. „Nein, Komtesse Torakow. Das letzte Wort muß ich Ihnen überlassen." „Und wer soll das erste haben?" fragte sie, während ein sonniges Lächeln ihre Züge verklärte. „Ebenfalls Sie," sprach er bedeutungsvoll. „Vergessen Sie nicht meine Stellung im Leben und daß ich das Stichwort aus Ihrem Munde erhalten muß. Ich warte darauf." Sie sah ihn ernst an, als wollte sie jede Faser seines Herzens durchforschen. „Ein Stichwort!" sagte sie sinnend. Beide Hände mit einer lebhaften Bewegung ihm entgegenstreckend, fragte sie, abermals lächelnd: „Muß es ein gesprochenes Wort sein? Kann nicht dieses auch genügen?" Ehe sie noch seine Absicht erraten konnte, hatte er sie umfaßt und fest an seine Brust gedrückt. Ueber und über errötend, entzog sie sich ihm schnell und schickte sich an, die Veranda zu verlassen. Sie blieb jedoch auf halbem Wege stehen und flüsterte ihm mit angstvollen Blicken zu: „Wir haben beide ganz und gär Karol vergessen!" „Ich nicht," beruhigte er sie. „Und ich weiß auch bereits ein Mittel, wie wir seinen Späheraugen entgehen können, und wenn er hundert Augen haben sollte: Papier und Feder und ein unbewachter Augenblick." Kaum ausgesprochen, bereute er doch schon diese Kühnheit und war auf eine Ablehnung gefaßt. Er las ihre Gedanken, und darum entging ihm der Kampf nicht, der in ihrem Innern tobte. Um so größer war sein Triumph, als sie ruhig erwiderte: „Gut. Ich bin mit Ihrem Vorschläge einverstanden. Aber vergessen Sie nicht," fuhr sie ernst warnend fort, „daß es auf den Inhalt der Mitteilungen ankommen wird, ob überhaupt eine Antwort erfolgt." Das Kartenspiel im Zimmer war jetzt beendet und das überhob Gabriel einer weiteren Antwort. Schweigend kehrten beide nach dem Zimmer zurück. Torakow schritt auf feine Tochter zu, und sie zärtlich streichelnd, sprach er: „Nun, Kleine, hat du Herrn Schmulikof genug gelangweilt. Möchtest du nicht jetzt wenigstens etwas Mendelssohn spielen?" „Herzlich gern, Papa, bis du, wie immer, eingeschlaferi bist." Es war eigentlich nichts Befremdliches dabei, daß Vater und Tochter einander liebkosten. Aber Schmulikof hatte sich daran gewöhnt, überall eine Vorbedeutung zu sehen, und ohne daß er es wußte warum, schien ihm auch dieser unschuldige Vorgang eine böse Vorbedeutung seines Vorhabens zu sein. Dieser hinterlistige, feige Mörder wird, wie jetzt, auch später an Alma sich klammern, um seiner Rache zu entgehen, um seinen Lebensplan über den Haufen zu wer'en, der jetzt fertig in all seinen Einzelheiten in seinem Geiste sich entwickelt hatte. Gern würde er auch noch Almas entzückendem Spiel gelauscht haben; doch Torakows Anwesenheit veranlaßte ihn, sich mit einigen höflichen Worten zu verabschieden. Er empfand ein unwiderstehliches Verlangen, allein zu sein, um die befriedigenden, aber auch nervenzerstörenden Ereignisse des heutigen Abends nochmals klar zu überdenken. Eigentlich hatte er doch jetzt alle Ursache, mit sich zufrieden zu sein; jetzt hatte er ja die unzweifelhafte Gewißheit erlangt, daß er die Macht besaß, mit den Gefühlen dieses Mädchens nach Herzenslust spielen und sie nach jeder Richtung beeinflussen zu können. Und dennoch! Warum dieses Unbehagen, warum diese Unzufriedenheit? Wäre die Antwort nicht so absurd, ec könnte sagen — weil ihm alles so gut gelungen war, weil er das Mädchen doch für seinen bösen Plan gewonnen. An diesen Gedanken klammerte er sich jetzt mit aller Kraft, als er den dunklen Korridor durchschritt, der, reich an Nischen lind Vorsprüngen, für einen Hinterhalt, für einen hinterlistigen Ueberfall wie geschaffen zu sein schien. Es bemächtigte sich seiner eine trübe Ahnung, daß fortan eine solche dunkle Atmosphäre seine Umgebung bilden, daß er sich in aller Zukunft in einem solchen düsteren Element werde bewegen müssen, da er sich selbst aus dem Sonnenschein der Wahrheit verbannte. Gewaltsam mußte er einen Schmerzensruf unterdrücken, der sich aus seiner Brust entringen wollte. Großer Gott, was war nur mit ihm geschehen? Wodurch war er nun plötzlich in einen solchen Zwiespalt mit sich selbst geraten? — Doch nein! Kein Zagen, kein Schwanken! Aug' um Aug' und Zahn um Zahn! Ihr Vater für seinen Vater und Mutter... Er hielt plötzlich inne; ein krampfhaftes Beben zog ihm das Herz zusammen, daß er zu ersticken

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