Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
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332 Kultur und Wohlstand der Nation, für welche er seinerzeit gedichtet und gekämpft hat. Daß Sie mir gerade heute das Recht geben, den tiefempfundenen Dank, welchen wir lebenden Schriftsteller dem großen Toten bewahren, gegen einen Sohn feines Geschlechtes auszusprechen, das ist mir vor allem erfreulich." Ich selbst habe Freytag persönlich nicht gekannt. Als er die „Grenzboten" herausgab, war ich noch zu jung; während der kurzen Jahre seiner Redaktionsführung der Zeitschrift „Im neuen Reich" gehörte ich nicht zu deren Mitarbeitern. Aber als Herausgeber des „Goethe-Jahrbuchs" wandte ich mich einmal an ihn. In meiner Aufforderung begann ich mit einem Hinweis auf die hübschen Worte, mit denen Freytag in seinen „Lebenserinnerungen" der Predigt meines Vaters bei der Hochzeit Berthold Auerbachs gedacht hatte, und bat ihn um einen Aufsatz über Goethe für das von mir herausgegebene Jahrbuch. Darauf erhielt ich folgendes Schreiben: Wiesbaden, 28. Oktober 1887. Hochverehrter Herr Professor! Für die gütige Weise, in welcher Sie in der Erinnerung an Ihren lieben Vater Ihre freundliche Gesinnung für mich ausfprechen, bin ich Ihnen aufrichtig dankbar. Gern würde ich Ihrem Wunsch, etwas Zeitgemäßes über Goethe zu schreiben, entsprechen, doch bin ich gerade jetzt durch andere Arbeit in Anspruch genommen. Es fragt sich nun, ob Sie einige Bemerkungen, die ich vor langen Jahren in den „Grenzboten" geschrieben habe, für Ihren Zweck gebrauchen können. Sie sind so wenig bedeutend, und es ist so lange her, seit sie hinausslatterten, daß ich Sie ersuchen muß, selbst die Kritik zu üben, ob sie Ihnen irgend verwendbar sind. Ich sende sie nur, um Ihnen zu zeigen, daß ich Ihren Wunsch gern erfüllen möchte. Sollten Sie die Seiten ja abdrucken wollen, so müßte ich freilich bitten, daß Sie den Lesern eine Bemerkung zufügten, der Aufsatz sei eine Arbeit aus früheren Jahren. — Mit den besten Wünschen für Sie und Ihr „Jahrbuch" bin ich, hochverehrter Herr Professor, Ihr aufrichtig ergebener Freytag. Bescheidener kann ein hochgefeierter Mann einem jüngeren Fachgenossen kaum gegenübertreten. Ich konnte den Aufsatz, eben weil er schon früher gedruckt war und weil er mir nicht sehr bedeutend erschien, nicht zum Abdruck bringen, glaube aber nicht, daß ich mir dadurch das Wohlwollen des Hochverehrten entzogen habe. Als Dokument von Freytags Gesinnung gegen Juden darf wohl auch dieser Brief gelten. Prof. Dr. Schwarz, geboren am 15. Juli 1846 Wolf Schwsr?. Von Prof. Dr. S. Krauß. A^en 15. Juli 1916 begeht Rektor Professor Dr. Adolf Schwarz iit völliger geistiger und körperlicher Frische das Fest seines 70. Geburtstages. Die weite Oeffentlichkeit, die dieser Mann nie gesucht hat und vor der er sich vielmehr eine scheue Zurückhaltung auferlegt, wird wohl erst durch diesen lind ähnliche Festartikel erfahren, daß ein Mann in unserer Mitte lebt, der in seiner Weise Großes und Bleibendes für das zeitgenössische Judentum geschaffen hat. 1846 zu Adusz-Tevell) bei Papa in Ungarn geboren, genoß A. Schwarz zuerst die Erziehung seiner frommen Eltern, die ihn von Anfang an für jüdische Lehre und jüdisches Wissen bestimmten. Sein Vater, der daselbst Rabbiner war, unterrichtete ihn im Talmud, der fortan das Lebenselement und die Lebensbestimmung des mit seltenen Geistesgaben gesegneten jungen Mannes bleiben sollte. Innige Frömmigkeit und tiefe Talmudkenntnis, verbunden mit moderner Bildung und modernem Geiste: das sind die Merknmle, die unseren Jubilar von frühester Jugend auf kennzeichnen und ihn zeitlebens begleiten sollten. Seinen Gymnasialstudien lag A. Schwarz in Püpa ob, einer Stadt, die von einem frisch pulsierenden jüdischen Leben orthodoxer Richtung durchwebt ist und in der sich auch vorzügliche Schulen jeglicher Art schon damals befanden. Jenes Gymnasium, dort „Kollegium" genannt und von der reformierten Kirche erhalten, ist eines der vorzüglichsten im Lande, und so manch großer Mann, der im öffentlichen Leben Ungarns eine Rolle gespielt hat, nahm von dorther den Anlauf zu einem Leben, das sich segensreich und ruhmvoll gestalten sollte. Hierauf bezog A. Schwarz die Universität zu Wien, an der er hauptsächlich philosophische Disziplinen trieb; gleichzeitig aber besuchte er am Wiener Beth-ha-Midrasch die rabbinischen Vorlesungen von A. Jellinek und I. H. Weiß, zweier Größen der jüdischen Wissenschaft, bei denen er seine rabbinischen Kenntnisse nur vertiefen konnte. Von 1867 bis 1873 war er Hörer des Jüdischen theologischen Seminars zu Breslau, wo er sich durch sein Wissen, durch feinen frommen Lebenswandel und nicht zuletzt durch sein liebenswürdiges Benehmen zu einem Vorzugs- und Lieblingsschüler des seligen Direktors Dr. Z. Frankel auffchwang. Frankel meinte auch nicht anders, als daß Schwarz sein Nachfolger im Lehramte werden müsse, doch wurde das, wie es scheint, von einer gewissen Seite hintertrieben, und desgleichen blieb auch eine ehrenvolle Berufung an die im Jahre 1877 eröffnete Landesrabbinerschule zu Budapest ohne Wirkung, so daß Schwarz einstweilen auf die rabbinische Laufbahn gedrängt wurde. Er kam als „Stadt- und Konferenzrabbiner" nach Karlsruhe, wo er volle achtzehn Jahre segensreich wirkte h Unter allen Lesern dieser Zeilen bin ich wohl der einzige, der diesen übrigens ganz kleinen Ort näher kennt, denn meine Eltern wohnten damals in einer Nachbargemeinde und ließen mich meinen ersten Talmudunterricht beim dortigen Rabbiner nehmen, bei einem anderen, versteht sich, und nicht bei Schwarz' Vater, da mein Knabenalter um 20 Jahre später källt.