Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Guktao Lreytsg und dir Juden. Von Ludwig Geiger. m 13. Juli beging Deutschland, oder besser ein Teil der deutschen Presse, die noch nicht ganz der Ansicht ist, daß seine einzige Pflicht darin besteht, immer und immer wieder ausschließlich vom Kriege zu reden, lden Tag, an dem einer der edelsten deutschen Schriftsteller, Gustav Freytag, vor hundert Jahren geboren wurde. Ich habe es immer als eine vornehme Ausgabe des von mir geleiteten Blattes gehalten, das trotz seiner Behandlung jüdischer Interessen ein deutsches ist und bleiben will, solche nationale Gedenktage mitzufeiern. Nur müssen die Männer, denen eine solche Feier gilt, wirklich eine hervorragende Stellung eingenommen haben, und sie müssen von der Art sein, daß wir uns an ihnen zu freuen haben. Beides trifft bei Freytag zu. Er hat Unvergängliches geleistet. Dramen ans den SO er Jahren des 19. Jahrhunderts find heute fast ausnahmslos tot, seine „Journalisten" leben und werden weiter leben. Nicht weil es wahrscheinlich immer Journalisten geben wird, sondern weil in jenem Lustspiel die seilen und gesinnungstüchtigen, diejenigen, die aus Not, und die, die aus innerem Drang zu diesem Gewerbe gegriffen haben, meisterhaft geschildert sind, weil in dem Ganzen ein Zeitbild von herzerfreuender Frische, mit trefflichem Humor gezeichnet, sich vor unseren Augen abspielt. Und während die meisten Romane der 50 er, 60 er und 70 er Jahre des 19. Jahrhunderts für uns Antiquitäten geworden sind, die nicht einmal mit dem Beiwort „ehrwürdig" geschmückt werden können, haben die seinen, obgleich ein leichter Flaum von Alter über sie ausgebreitet ist, ihre Jugendlichkeit bewährt. So haben sie es vermocht, lebendig zu bleiben, obgleich sie uns in eine Zeit führen, die längst für uns vorüber ist, weil sie eben diese Zeit lebendig machen, weil sie das deutsche Volk in seiner Arbeit schlldern, weil sie gewisse Berufe, die bisher nur einseitig oder spottweise dargestellt worden waren, wie die Hochschullehrer, in ihrem Idealismus und in ihrem regen wissenschaftlichen Streben wiederzugeben wissen trotz mancher satirischer Striche und trotz der starken Betonung ihrer Ränkesucht -und ihres kollegialischen Neides. Sie haben dies vermocht, weil sie ferner den Kausmannsstand und die Vertreter der Landwirtschaft, die von früheren Poeten als Vorwürfe für dichterische Schilderung als nicht genügend erachtet wurden, zum erstenmal in das Reich der Dichtung einbeziehen und weil alle diese Darstellungen von einem so goldenen Humor durchsonnt, von einer so tüchtigen friedlichen Kraft erfüllt sind, daß man noch heute innige Freude an ihnen empfindet. Und auch für die Romanreihe „Die Ahnen" findet sich heute noch, wenn ich recht unterrichtet bin, ein bereites Publikum. Gewiß hat man mit Recht die verschnörkelte Sprache der ersten Bände, die altertümlich sein will und doch nur ein archaistisches Kunststück bleibt, getadelt, hat an der Gewolltheit des Ganzen, an der gar zu ersichtlichen Verklärung des Hohenzollernstammes Anstoß genommen — und doch, wie reckenhaft und tüchtig treten viele Gestalten vor uns auf, mit wieviel Innigkeit und Zartheit werden viele Franengestalten bedacht. Und wie weiß der Historiker, eben weil er ein Dichter ist, oder der Poet, weil ihm tiefe Blicke der Vergangenheit gegönnt waren, entschwundene Epochen lebendig zu machen. Diese Vereinigung von Dichtergabe und geschichtlicher Meisterschaft haben Freytags Hauptwerk „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" zu einem köstlichen Lehr- und Lesebuche gemacht, zu einer Bildergalerie, die nran mit Behagen durchwandert, nicht hastigen Schrittes, um durch die große Bänderreihe zum Ende zu gelange», sondern freudevoll an den ciüzelilen Stationen verweilend. Ein Schriftsteller, der solches geleistet, verdient von den deutschen Juden, die die Güter ihrer Volksgenossen als die ihrigen anzusehen gewohnt sind, geehrt zu werden. Aber man wendet gegen solche Verehrung gelegentlich ein: „Freytag war ein Judenfeind." Und zum Beweise dieser falschen Behauptung weist man auf Schmock, den Journalisten, den bettelhasten Zeilenschinder hin, den der Verfasser mit dem Stigma der Käuflichkeit befleckt und außerdem in jüdischem Jargon sprechen läßt, und ferner auf die jüdischen Händler in dem Roman „Soll und Haben", die Wucherer, fast Schurken sind. Demgegenüber muß man daran festhalten, daß Freytag den Schmock in seinem Lustspiele „Die Journalisten" mit einem gewissen mitleidigen Wohlwollen betrachtet und sich in jenem Roman aus den Juden Schlesiens ein paar Typen wählt, an denen es ja leider zu keiner Zeit gefehlt hat: gewissens- und mitleidlose Händler, die in dem ihnen aufgedrungenen Gewerbe sich an den Peinigern rächten, die sie übel behandelt hatten. Fehlt nun auch in der Komödie das Gegenbild, so muß man daran erinnern, daß in „Soll und Haben" ein jüdischer ideal angelegter Jüngling voll reichen geistigen Strebens, von trefflichen Gemütseigenschaften poetisch verklärt wird. Daß Gustav Freytag kein Antisemit war, hat er dadurch bewiesen, daß er viele jüdische Bekannte und Freunde hatte — ihre Namen hat Kohut in seiner lehrreichen Zusammenstellung „Im Deutschen Reich" Mai/Juni 1916 genannt —, ferner dadurch, daß seine dritte Gattin eine Jüdin war, deren Uebertritt zum Christentum er nicht verlangte. Aber damit keineswegs genug. Wer seine Werke kennt, weiß, daß er in seinen schon angeführten „Bildern" den Juden Gerechtigkeit widerfahren ließ, daß er in seinen „Lebenserinnerungen" den Journalisten Jakob Kaufmann rührend verklärte und daß er endlich in seiner „Psingstbetrachtung" 1893 dem Antisemitismus, den er eine „Gemütskrankheit" nannte, offen den Krieg erklärte und die Entwicklung der deutschen Juden zu wirklichen Deutschen lebhaft verkündete. Er schloß seine Betrachtung mit den Worten: „Der Israelit soll derselben heiligen Lehre von der Liebe vertrauen, die schon vor fast 2000 Jahren den Samariter und Juden als Bruder verkündete, die seitdem das Menschengeschlecht aus Völkermord und geistiger Knechtschaft höher und höher hervorhob, um das Dasein aller Staatsgenossen sicherer, tüchtiger und schöner zu gestalten. Diese Botschaft aus Judäa wird auch den Haß zwischen Konfessionen und Stammbäumen so überwinden, daß unsere Nachkommen desselben dereinst lächelnd wie einer alten geschichtlichen Sage gedenken." Um diese kleine Skizze mit etwas Wertvollem zu schmücken, sei es gestattet, ans dem Lessingschen Handschriftenkatalog, der seiner Bedeutung nach früher an dieser Stelle gewürdigt worden ist, ein Stück eines unbekannten Briefes Freytags mitzuteilen. Der Schriftsteller gehörte zu den Begünstigten, die die Prachtausgabe von Lessings „Nathan dem Weisen" von dem Herausgeber, dem Landgerichtsdirektor C, R. Lessing, erhalten hatten, und dankte für dieses Geschenk am 15. Februar 1881 mit folgenden Worten: „Wenn Gotthold Ephraim geahnt hätte, daß ein Sohn seines Geschlechts hundert Jahre nach ihm den „Nathan" in solcher Ausstattung an Begünstigte als Geschenk senden würde, sein festes Herz würde ihm doch vor Freude gepocht haben; vielleicht nicht deshalb, weil die Ausgabe ein Denkmal seines Ruhmes ist, auch nicht, weil sie zugleich ein Zeugnis ablegt, wie stattlich die Männer seines Blutes sich im Wechsel der Zeiten behauptet haben, wohl aber deshalb, weil solcher Prachtdruck und die Art und Weise der Zuteilung ein Anzeichen ist von den großen Fortschritten in