Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-14 · Heft 28 (14.7.1916) · p. Seite 330

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229261--72365-3284803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die Lebensberechtigung Ser verschiedenen Arten und ihrer Wesensäußerungen; sie fordert Rechenschaft darüber, wie der einzelne Mensch, vermöge seiner Zugehörigkeit zu einer besonderen Gemeinschaft, fähig ist, die Ereignisse zu erleben und an ihrer Gestaltung mitzuarbeiten. Aus der Erkenntnis von der Berechtigung dieser Forderung heraus, muß auch die jüdische Frau darlegen, wie sie aus ihrem Judentum und ihremFrauentum heraus unsere Zeit und deren Forderungen an sie begreift. Die Entwicklung der jüdischen Frau in Deutschland während der letzten hundert Jahre ist ungewöhnlich starken und verschiedenen Bewegungen ausgesetzt gewesen, deren innere Verarbeitung noch nicht so weit gediehen war, daß eine harmonische Einstellung aus ihr Lebenszentrum hätte erfolgen können, auch hatte der Begriff des verachteten Fremdvolkes zu lange als schwere Belastung dem jüdischen Volkscharakter ausgelegen, um eine freie Entfaltung der neu keimenden Kräfte zu gestatten. Die Emanzipation der deutschen Juden im Jahre 1812, die tätige Teilnahme an dem wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands und das rege Miterleben an dessen politischer und geistiger Entwicklung und der mit tiefem Verständnis aufgenommene Einfluß der deutschen Frauenbewegung hatten in schneller Aufeinanderfolge die Lebensmöglichkeiten der jüdischen Frau in ungeheuerer Weise gesteigert; der bunte Wechsel und die Vielheit der Gestaltung vermochten ihrer Urwesensart keine ausdrucksvolle Form zu geben, ließen vielmehr eine gewisse Unausgeglichenheit zwischen dem alten seelischen jüdischen Besitztum und den neuerworbenen geistigen Schätzen bestehen. Der Kriegsausbruch stellte das Wirken aller Frauenkreise in Deutschland aus das einheitliche Ziel der T a t i m I n t e r - esse der Allgemeinheit ein; und für die jüdische Frau konnte es sich nur darum handeln, sich einreihen zu lassen in das große Heer der Daheimgebliebenen, wo immer ihre Arbeitskräfte erforderlich schienen; nur gesonderte konfessionelle Arbeit zu leisten in einer Zeit, wo die ganze Menschheit unter dem Druck unsagbaren Leidens lebt, widerspricht den Satzungen der jüdischen Religion. Der alte Begriff der NlLY, jener selbstverständlichen Pflicht, deren Erfüllung um ihrer selbst willen geschieht und durch die Erfüllung immer weitere N112Q veranlaßt, wurde in dem Wirken der jüdischen Frau wieder'lebendig, die all ihre Kräfte in das von ihr geforderte Tun hineinströmen ließ. In dieser Arbeit, oie ihrem mnersten Wesen entsprach, erwuchs ihrem Dasein die Harmonie, die es seit der Befreiung der Juden in Deutschland entbehrt hatte. Seit Jahrhunderten ist die jüdische Frau nie so sehr sie selbst gewesen wie in dem letzten schweren Kriegsjahr, wo die Möglichkeit einer Mitarbeit zum Wohle der Allgemeinheit ihr zu einer unabweisbaren Pflicht wurde und dadurch zur Auslösung ihrer wertvollsten Kräfte zur schöpferischen Gestaltung bejahender Leistungen in dem großen Völkerringen. Ein weiter Weg war es von dem jauchzend-stolzen Deboraliede (Richter 5) durch die trüben Jahrhunderte der Ghettomauern mit gebundenen Händen bis in unsere Tage gewesen; 'lfiyjdlv DK »als ich aufftand, eine Mutter in Israel" sang die Dichterin im Bewußtsein der vermögenden Kraft unendlicher Liebe zu ihrem Volke, dem sie in schwer bedrohten Zeiten Richterin, Heerführerin, Erzieherin und vorsorgliche Verwalterin ihrer Güter zu sein vermochte; aber die Mütter der Diaspora konnten in der Erschöpfung eines langen, arbeitsreichen Lebens kaum die äußerste Notdurft für die Ihren schaffen; an den Wänden ihres Hauses zerbrachen die Kräfte. In dieser Kriegszeit vermochte die jüdische Frau die im letzten Jahrhundert seit der Befreiung entwickelten Fähigkeiten zu entfalten, mußte sie mitgestalten an der Erhaltung des Daseins eines Millionenvolkes. Ob sie die im Wirtschaftsleben fehlenden Männerkräfte in den kaufmännischen und gewerblichen Betrieben zu ersetzet« strebte oder in harter Tagesarbeit sich als ausübendes Glied der Wohlfahrtspflege einordnete, ob sie als Krankenpflegerin, Assistentin und Aerztin hinter dem Schlachtfelds ihr Werk verrichtete, stets war es reichstes Erleben für die jüdische Frau, deren Lebensrhythmus in harmonischem Gleichklang austönte, seit sie die ihr eigenen Kräfte für die geforderte Arbeit einsetzen konnte. Eine Aufzählung der einzelnen Arbeitsleistungen der jüdischen Frauen an Zahl und Umfang muß natürlich belanglos bleiben, wo es sich darum handelt, den Forderungen dieser Zeit Inhalt und Maß zu geben. Die Tatsache, daß eine erhebliche Fülle von Arbeit durch sie bewältigt wurde, läßt überhaupt erst eine Erörterung der Frage nach der Befähigung zur Erfüllung großer Kulturaufgaben in der Zukunft zu; es kann nur geprüft werden, inwieweit die jüdischen Kräfte zur Ermöglichung der Arbeitsleistung beigetragen haben; wie sehr dann die durch diese Arbeitsleistung erfolgte Bereicherung ihres Daseins diese Kräfte neu befruchtet und zeugungsfähig gemacht hat. Die harten geschichtlichen Schicksale haben den Charakter der jüdischen Frau gestählt und starkes Pflichtbewußtsein, unbegrenzte Bedürfnislosigkeit und elastische Anpassungsfähigkeit entwickelt und die aus der biblischen Zeit übernommene geistige Regsamkeit wie die sittliche Auffassung der Mitarbeit am Gemeinwohl gestärkt. Diese Eigenschaften befähigten sie, die in der Arbeit des Augenblicks geforderten Leistungen zu vollbringen! Zukunftswerte der Kultur zu schassen vermag sie aber nur da, wo eine starke innere Sehnsucht in die Weite der kommenden Tage gerichtet ist. Diese Zukunftssehnsucht war bei den Juden stets religiöser Natur; sie hat die Idee des messianischen Reiches geichaffen, zu dessen Erfüllung „einst am Ende der Tage" jeder Jude sein Bestes beitragen soll. Diese religiöse Sehnsucht wird nach dem Kriege zweifellos keimfähigen Boden finden. Die starken Erlebnisse, die vom Völkerschicksäl aus das Dasein des einzelnen aufrührten, haben ihn seinem Ursprung und seinem Ende innerlich näher gebracht und damit dem Gottesbegriff neu verbunden. Gebete wie der 90. Psalm haben sich ihm mit neuem Inhalt erfüllt, da ihm die Schauer der Ehrfurcht und die Erkenntnis der Demut zu köstlichem Erlebnis geworden sind. Die Erhaltung und Pflege dieser religiösen Erlebnisse, die wertvolles Besitztum vieler Menschen in diesem Jahre geworden sind, muß von der Frau vollbracht werden. Der Boden dafür ist im Hause, innerhalb des Familienlebens, zu finden; in dieser Zeit find die Zusammenhänge zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Weib, zwischen Dasein und Heim bewußter und fester geworden, und es bedarf der klugen und liebevollen Förderung durch die Frau, um die Familie wieder zum Born aller individuellen Kultur zu gestalten. Der alte talmudische Begriff von der „Priesterin des Hauses" gewinnt unter dieser Aufgabe neue Bedeutung. Die Bereitung des Hauses zur Stätte religiösen Erlebens, die noch in der Ghettozeit den schwergeplagten Hausfrauen in vorbildlicher Weise gelungen ist, verlangt schöpferische Gestaltungskraft, welche die Verhältnisse unserer Zeit meistern und neuen Zusammenhang zu der Welt der Religion finden muß. In dem Maße, wie die Ereignisse der Kriegszeit dazu beigetragen haben, die eigene Persönlichkeit zur Harmonie ausreifen zu lassen, wird die jüdische Frau fähig werden, ihrem Haufe den Charakter der Heiligung zu geben, wird die Arbeit, die sie aus ihrem Hause herausführte, zur Quelle reicheren Vermögens innerhalb ihres Heims werden. Die Kriegsaufgabe der jüdischen Frau aber wird es sein, mit dieser schweren Zeit zu ringen nach dem Worte Israels: 'ZNY12 DK '2 *6 »Ich lasse dich nicht gehen, du habest mich denn gesegnet."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.