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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-14 · Heft 28 (14.7.1916) · p. Seite 329

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
Seite 329 (sequence 5)
Language
German
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329 Wünsche und Gedanken können sich trennen und müssen sich sondern, aber die Gemeinsamkeit des Erlebnisses bleibt. In ihr liegt etwas, Mas vollbracht worden, was Geschichte, was Staatsbewusstsein geworden ist. Er und ich, wir alle haben es vollbracht. * Eine Berliner Zeitung enthält folgende Korrespondenz; ist das in ihr Berichtete wahr, so müßte man die Absender der Adresse als solche bezeichnen, die Verräter an ihrer eigenen Sache sind. Der Artikel lautet: Stockho l m , 3. Juli. Ich erhalte aus indirektem Wege (wie ich gleich betonen will: aus judenfreundlichen, aber nicht jüdischen Kreise n) aus Petersburg folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung-. Am vorigen Sonntag ist aus Kiew an General B r u s s i l o w ein Telegramm abgegangen, das angeblich von der dortigen jüdischen Gemeinde herrühren soll und in einer Tonart, die man sonst nur von den schwärzesten Pogromleuten zu hören gewohnt -ist, den russischen Heerführer zu seiner Offensive gegen die Feinde der Kultur beglückwünscht. In den weitesten jüdischen Kreisen Kiews zerbricht man sich den Kops, wer wohl die paar jüdischen Rechtsanwälte und Grvszkanfleute, die dieses Telegramm unterzeichnet haben, bevollmächtigt haben mag, im Namen der Kiewer jüdischen Gemeinde zu sprechen. Gerade aus Kiew, wo noch heutigentags Gouvernement und Polizei jede Nacht Nazzias auf Juden veranstalten und wo die Gefängnisse gegenwärtig etwa 500 Juden beherbergen, deren einzige Schuld darin besteht, zu Geschäfts- oder Familieuzw ecken auf einen Dag dorthin gekommen zu sein; Uw man auf den Schlachtfeldern verwundete Soldaten« mosaischen Glaubens nur deshalb per Schub abgesührt hat, weil sie nach Kiew gekommen waren, um die dortigen Universitäts- Professoren wegen ihrer Wunden zu befragen, sollten speichelleckerische und hurrapatriotische Glückwünsche an russische Generale als angebliche Kulturträger am allerwenigsten erklingen. Und wie die Geschichte sich so manchesmal in blutigen Ironien gefällt, hat an« genau demselben Lage, an dem Kiewer kleine, aber sehr praktische Gerngroße in die Fusstapfen der schwärzesten Hundert getreten sind, der neue russische Vizeminister des Innern Graf Bobrinsky in einer öffentlichen Dumasitznng wörtlich erklärt, „es läge im ureigensten Interesse der Juden, irgendwelche Gleichstellnngsgelüste zu unterdrücken". Diese ministerielle Auslassung, die man auf der rechten Seite der Dnma vielleicht nicht ganz mit Unrecht als ein amtliches quos eg-o gegen die russischen Juden und eine Aufmunterung für die Pogromlente aufgefaßt hatte, veranlaßte den Grasen Bobrinsky, am folgenden Tage einen: Petersburger Zeitungsmanne gegenüber zu erklären, er habe bewußt -den russischen Juden und deren christlichen Freunden den wohlgemeinten Rat geben wollen, wenigstens in der jetzigen schweren Zeit die Frage der Gleichberechtigung der russischen Inden nicht anzuregen. Und noch eins. Ist den Unterzeichnern des Kiewer Telegramms an General Brussilow so ganz und gar die Tatsache unbekannt geblieben, daß General Kaledin, die rechte Hand und der Intimus gerade des Generals Brusstlow, vor dem Sturm aus Luck den in seinem Quartier versammelten drei kommandierenden Generalen und mehreren Divisionären den klassischen Befehl erteilt hat: „Tie Judenbagage wird voran ins Feuer gejagt" (Shidow gnatj wo^onj wperedi“). Unter dieser „Judenbagage" verstand Seine Exzellenz allerdings nicht Kiewer praxisreiche Rechtsanwälte und kriegsgewinnübersättigte Kiewer Armeelieferanten, sondern schon im Frieden halbverhungerte, von Pogromen ausgehungerte jüdische Soldaten. * Wir schließen mit einer hübschen Plauderei, die der „Neuen Hamburger Zeitung" entnommen ist. „Mehr W a r m i g k e i t, m e h r Bequemlichkeit!" Ein Beispiel aus der Sprache der Ostjuden. Es ist in letzter Zeit viel die Rede gewesen von der Sprache der Ostjuden, dem sogenannten „Jiddisch", dessen Ähnlichkeit mit mancher süddeutschen Mundart es unseren in Polen stehenden Truppen ermöglicht, mit der dort sehr zahlreichen jüdischen Bevölkerung — Warschau allein zählt 350 000 Juden — ohne Schwierigkeit zu verkehren. Um unseren Lesern selbst ein Urteil zu verschaffen, inwieweit die sprachstammliche Verwandtschaft mit dem Deutschen auch sprachgeistiger Natur ist, bringen wir untenstehend die nicht nur wortgetreue, sondern auch lautgetreue Wiedergabe eines Aufsatzes aus der „Grodnoer Zeitung", die neuerdings in drei Sprachen — Deutsch, Jiddisch und Polnisch — erscheint. Der Artikel wird auch inhaltlich interessieren. Die nichtverständlichen Worte sind hebräischen Ursprungs. Der Aussatz hat obenstehende Ueberschrift und lautet in seinen wesentlichsten Teilen: „Es is in der ganzer Stodt nischts afilu (nicht einmal) kein einziger Ort, kein Kasehüus oder Theehäus und nischt kein Restoran, wu einer, wos is ausgewachsen geworen in Deitschland, wollt sech b'meß sin Wahrheit) kennen sihlen bequem un gemitlich. Dos is nischt, chaß w'scholaum (Gott behüte) zuliebe dem, wos dorten fehlt dos großstädtische Leben mit Konzert un Damen-Putz, denn nischt allein dem deitschen groß-stodtischen Menschen, oder auch dem provinzionelem Menschen und dawko (gerade) dem, fehl in die hige (hiesige) Lokalen die richtige Gemietlichkeit, welche sennen in Deitschland for dem Wirt der einziger Mittel, wie äsän er ken ainsiehren un äufhalten die Gast un machen sei sor ständigen Kunden. Die Häuptsache ober, was fordert sich zu derlangen diesem Zweck, besteht natierlich derin, as die Gast, wos kommen esscher (vielleicht) nur zuliebe dem, weil sei willen sich bai a Glos Thei oder Käse onwarimen un äußruhen, sollen nischt, mufen mit noch kältere Fieß wie frieher zurick aweggehen oder das; andere Gast... sollen nischt dürfen verbrengen in a leidigen Zimmer, amol noch derzu mit a kalte steigere Fodloge (Fußboden, nicht hebräisch) auf ä zerbrochene Stuhl un zudem noch kriegen a eibigen (ewigen) Kater ..." Und mm gibt der Verfasser Ratschläge, wie der Wirt sich einrichten soll, um es seinen feldgrauen Gästen „gemietlich" zu nmchen. „Lichtige Zimmer" seien nötig, aber das Licht darf nicht kommen „durch leidige (ledige) Fenster äuf leidige Wand". Ein Paar kleine Bilder verschönern das Zimmer, aber „nisch a gräuß Bild ober die ganze Wand, was men meint, as sie ken der Zirm mer dersticken". Auf den: Fußboden soll „a Diwan" liegen, „afilu (selbst) wenn er is nischt sehr a guter". Ein paar kleine „Restoran Sofes" sind auch nicht zu verachten. „Zum Sof (Schluß) mus men auch on dos nischt vergessen, als das Aeufstellen von die Tischen und Stühlen is wichtig vor dem Eindruck, wos der Besucher gewinnt bei dem erschien Mol." Wer es aber versteht, sich hübsch einzurichten, „dem welen kaine Gäst nischt fehlen". In der gleichen Nummer steht eine Verordnung des Gouverneurs betreffend die Hundesperre; sie beginnt mit folgenden Worten: „Nochdem wie men hot festgestellt, as in Grodno is herumgeloffen frai n Hund, wos is meschugge, is noch Verordnung usw." Diese Sprache mag manchem lustig und erheiternd klingen, aber wer sie näher anschaut, entdeckt in ihr ein sprachschöpferisches Resultat, das der langen Wanderung des jüdischen Volkes genau entspricht. Und viel mitteldeutsches Sprachgut ist in ihr geborgen. Sie Lriessaukgaben der Milchen jfrsu. Bo» Siddy Wronfky. e länger der Krieg andauert, um so stärker empfinden \ wir, wie unsere äußere Lebenshaltung bis in ihre unbedeutendsten Erscheinungen durch die Aufgaben, die er an uns stellt, bestimmt und umgestaltet wird; wie in noch stärkerem Maße die geistigen und sittlichen Kräfte unseres inneren Erlebens durch ihn ausgelöst und auf neue Ziele eingestellt werden. Um das ungeheuere Maß der notwendigen Leistungen zu erreichen, ist eine erschöpfende Ausnutzung aller im Volksganzen vorhandenen Fähigkeiten notwendig geworden, eine Umsetzung der in den einzelnen Menschen durch Erziehung, Vererbung und Begabung aufgespeicherten Güter in Werte, die dem Allgemeinwohl zugute kommen sollen. In diesem unendlichen Gebiete kraftvollster Schöpfung können die Leistungen einzelner Gruppen nur schemenhafte Erscheinungen bedeuten, kaum beachtenswert im Gesamtbild des großen Erlebnisses; aber die schwere Zeit, die wir durchleben, wird zum Prüfstein für

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