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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-14 · Heft 28 (14.7.1916) · p. Seite 328

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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328 Wir müssen auf unserem Standpunkt beharren, daß die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen, wie sie so zahlreich in höheren städtischen Schulen in Berlin und vielen anderen größeren Städten beschäftigt sind, auch ferner an Volksschulen angestellt werden. Wir betrachten es als unser verfassungsmäßiges Recht, daß bei der Anstellung von Lehrkräften kein Unterschied wegen des Glaubens gemacht wird, daß vielmehr jüdische Lehrkräfte nicht bloß zur Erteilung des Religionsunterrichts herangezogen werden, sondern daß sie auch den Unterricht in profanen Fächern erteilen dürfen. Sie haben sich, wo sie bisher angestellt waren, vollkommen bewährt, und sie verdienen daher weiter ihre verfassungsmäßige Berücksichtigung. Wir wollen nicht vom Kriege Profitieren, obgleich wir es für wohlbegründet halten, daß gerade während des Krieges die etwa zufällig vorhandenen jüdischen Kräfte ausgenutzt werden, aber wir fordern Gleichberechtigung bei der Besetzung von Lehrstellen wie in allen anderen Zweigen der Verwaltung. Die Juden,, die überall in hohem Maße ihre Pflicht tun, sollen nicht unter dauernder Zurücksetzung leiden. * Es ist uns jedesmal eine hohe Freude, die Berichte des Herrn Dr. B a e ck unseren Lesern mitzuteilen. Die klare, ruhige Sachlichkeit, die in seinen Auseinandersetzungen hervortritt, das Zurückdrängen der eigenen Person, die Fülle der Gedanken, die in edelster Sprache vorgetragen werden, steigern stets unsere Verehrung für den bedeutenden Mann und sind im höchsten Grade geeignet, uns zum Selbstdenken anzuregen, uns zu erheben, ja geradezu mit einer weihevollen Stimmung zu erfüllen. Die neuesten Berichte, wie die früheren dem „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin" entnommen, haben folgenden Wortlaut: Das Gespräch nach dem Gottesdienste, das sich einem Urlaub, von dem ich zurückgekehrt war. zuwandte und in vielen die nämliche Erinnerung weckte, konnte zu der Frage führen, wie alle die, welche nach Heimatstagen mm wieder hier sind, den Gegensatz empfinden, diesen Gegensatz zwischen ihren: Hanse und dem Felde des Krieges. Er tritt meist weniger schwer in das Gefühl, als man es daheim meint: er ist vielleicht nicht so wesentlich größer als der zwischen der Ruhezeit, die man gehabt hat, und den Arbeitstagen, die nun wieder beginnen. Er ist deshalb nicht größer, weil das innere Leben doch stärker zu wirken vermag als mtf alle die Umwelt. Bon allen: dem Aeußeren mit seinem Kargen ober Bedrückenden sind die ineisten hier doch unabhängiger, als man gewöhnlich glaubt: sie sind es von vornherein gewesen oder sind es sehr bald geworden. Das, was in ihnen ist und mit ihnen geht, in ihnen gleichbleibt, ist doch viel mehr und ein viel Lebendigeres als das, was sie umgibt und anders geworden ist. Ter Zug der Gedanken und Empfindungen ist derselbe in den Tagen daheim wie in den Monaten hier draußen: er geht den Weg von hier nach dort und von dort nach hier. Es sind die gleichen Sorgen, die großen und kleinen, die gleichen Wünsche und Hoffnungen: sie werden hier wie dort gehegt. Es ist derselbe Mensch, der daheim gewesen war und der wieder hierher kam, mit der Sehnsucht, zu guten Tagen wieder heimzukehren. Das, was mit ihm kam irnb in ihm bleibt, bedeutet mehr als das, ums ihn jetzt wieder so ganz anders umfängt. Er ist in der gleichen innere!: Welt geblieben, und das Trennende wird durch die Kraft der Empfindung überwunden. Gerade weil das Aeußere oft so wenig gibt, kommen die Stunde::, wo sich jeder auf sich selbst zurückziehen mag — vorausgesetzt, daß eine Gefahr fernbleibt, die alles Innenleben mit der Abstumpfung bedroht, die des Alkohols. — Der Wunsch, zu denken, tritt hier viel entschiedener in das Leben der meisten ein. Sonst ist es nur zu häufig so, daß die Gedanken bloß neben dem Leben einhergehen; sie sind nur gedachte Gedanken, die nicht in das Leben emdringen, um es zu bestimmen: es ist wie ein bloßes Nebeneinander. Wer hier draußen feststehen will, braucht einen Lebensgedanken, -einen Gedanken, der in ihm lebt, der ihm eine innere Sicherheit und eine innere Haltung gibt. Er bedarf dessen, damit er beharren und standhalt-en kam:; ganz besonders der sogenannte Gebildete bedarf dessen. Wenn irgendwo einer dem steten Ernst der Anforderung und der Schwere des immer gleichen Tages nicht gewachsen bleibt, so liegt der Grund weit seltener in einer körperlichen Schwäche — jede neue Woche bringt neue Abhärtung — als in einer innerer: Verweichlichung. Es ist diese geistige Verzärtelung, die darin besteht, daß die Gedanken, die U-eberzeugung und die Gesinnung nur ein Zierat, ein Ornament des Daseins sind, nur ein Nebenher und eine Nebensache, aber keine Lebensgedanken. Erst diese, die Gedanken, die ein Teil unseres Lebens geworden sind, unlösbar von ihm, geben die seelische Kraft und die innere Haltung. Wer sie hat, der trägt auch ein Stück Heimat in sich hier draußen in der Ferne und Fremde. Nowo-Alexandrowsk, den 19. Juni 1916. Ans dem Wege zu den Gottesdiensten, bei dem Aufenthalt ii: Lagern und bei den Stellungen bietet sich nicht selten Gelegenh-eit, das Gespräch mit anzuhören, das zwischen den Mannschaften, meist einfachen Leuten, Männern oft aus den verschiedensten Teilen des Vaterlandes, geführt wird und das sich zuletzt fast immer den Fragen Zuwendet, die der Mensch mit der Zukunft -austauscht. Jeder unter diesen Männern hat seine besonderen Sorgen und Wünsche, wie sie aus den: ganzen Gefüge seines Lebens höher oder niedriger hervorgewachsen sind; jeder ist etwas und hat -etwas, was er trägt oder was ihn trägt. Jedem hat das Schicksal schon eine Antwort gegeben, und aus ihr keimen die neuen Fragen hervor. Aber trotz diesem Besonderen, in all dieser Mannigfaltigkeit dringt doch immer wieder das hindurch, was allen gemeinsam ist, ein Einigendes und Verbindendes, eines, was alle wissen, eines, was alle fragen itnb alle sagen. So oft man auch zuhört, man steht immer unter diesem selben Eindruck, daß alle diese Menschen den deutlichen und entschiedenen Gedanken der großen Gemeinschaft haben: mm: könnte ihn den Staatsgedanken nennen. Zu ihm kehrt das Gespräch mit seinen Wünschen und Hoffnirngen zuletzt immer zurück. Es ist darüber gestritten worden, worin das Bewußtsein von: Staate, mit den: Willen zu ihm, seinen Grund habe. Nach dem, was hier draußen beobachtet werden kann, muß man wohl sagen, daß es in der Gemeinsamkeit des Erlebnisses wurzelt, in diesen! Bewußtsein, daß jeder, ob seine Gedanken und Wünsche von hierher oder nach dorthin ziehen, auf seinem Platze gestanden hat und steht, daß auch der andere trug und gab, was ich getragen und gegeben habe, daß dasselbe zu. ihm tarn und ihm zugehört wie mir. Ju: Hinblick ans das Heute kann es die Gemeinsamkeit des Erlebnisses genannt werden: wenn die Gegenwart darin zur Vergangenheit geworden ist, wird -es die Gemeinschaft der Geschichte, die bleibende Einheit der Leistungen und der Erfahrungen, an denen er wie ich und ich wie er teilgenommen hat. Das Staatsbewußtsein zieht so seine Kraft aus den starken Sorgen, aus den großen Gefahren und Hoffnungen; sie fügen zusammen, oder richtiger: sie bringen die Einsicht in das, worin alle zusammenaefügt sind. Was in den Zeiten, in denen die Kleinigkeit herrschte, vergessen war oder weggeredet und abgesprochen wurde, tritt in den Tagen, welche Geschichte schaffen, in die Erkenntnis wieder hinein. Man könnte so das Staatsbewußtsein mit der Kämeradschaftlichkoit vergleichen oder fast als sie bezeichnen. Si-e ist in den -ernsteste!: Stunden die Gewißheit, daß neben jeden: ein anderer steht: dieses Gefühl, nicht -allein zu sein, allein weder in dem, was man leistet, noch in den:, was man erfährt. In den stilleren Tagen, in den Stunden des Nachdenkens und des Gespräches gewinnt si-e den ruhigeren Herzschlag und den gedämpfteren Ton; sie wird zum Bewußtsein vom Staate, das doch auch nichts anderes ist als diese Gewißheit, daß weithin zur Rechten und zur Linken einer neben dem anderen gestern stand und heute steht und für morgen bereit ist, daß sie alle zusammen waren imd zusammen sind. Aus den Unterhaltungen dringt dieser Gedanke immer wieder hervor. Man unterschätzt oft den einfachen Mann, er denkt doch tiefer und stärker, -als viele es meinen; man muß es nur aus den harten, langsamen Worten heraushören können. Es ist unter diesen Menschen -eine reiche Mannigfaltigkeit; schon die Eigentümlichkeit der Heimat und auch die der Arbeit ist in jeden: ausgeprägt: in der Sprache klingt sie entgegen, im Temperament tritt sie hervor. Auch in dieser Menschenwelt gibt es gleichsam Berg und Tal und Ebenen, Rinnsal und Bach und Fluß und Strom, -und alles zusammen ist doch ein Land geworden. Die

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