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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-14 · Heft 28 (14.7.1916) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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326 Muttersprache redeten. Genau wie beim christlichen Nachbar verstummt aber auch im Judenhause binnen ein bis zwei Menschenaltern die deutsche Zunge vor dem mächtigen Laut der herrschenden Landessprache; der Jude amerikanisiert sich nur vielleicht etwas eher infolge des Mangels an völkischer Bodenständigkeit, der diesem Auswanderer schon daheim ohne sein Verschulden anhaftete. An der Gemeinschaft der Sprache hängt nun aber die der Kultur überhaupt. Mit der englischen Literatur und britischer Presseweisheit lernt der Amerikaner die englische Auffassung von Geschichte und Politik, von Ethik und Weltanschauung. Oxford und nicht Leipzig ackitet er als Universität zumeist, etwa ausgenommen den ernsteren Sprach- und Altertumsforscher, der wohl weiß, was er an deutschen Hochschulen lernen kann. Wie Grillparzer oder G. Keller für den Reichsdeutschen, so ist der englische Dichter für den Amerikaner, natürlich auch den Juden, sein Dichter. Dringt deutsches Drama auf das amerikanische Theater, so muß es sich amerikanisch verwässern. Da alle bisher angeführten Gründe der weiteren Entfernung des Neutralen von Deutschland aus Gefühlsstimmungen ihre Nahrung saugen, wird die Vernunft ihnen schwerlich beikommen können. Unzweifelhaft aber bilden einen Teil der neutralen Gegner Deutschlands unter den Juden, ohne selbstische Rücksicht und cfttte Voreingenommenheit durch angelsächsische Kultur, auch die edel und weit denkenden Freunde der Gleichberechtigung unter den Bekennern verschiedener Konfessionen und der bürgerlichen wie gesellschaftlichen Freiheit überhaupt. Sie meinen, ihr Ideal in Deutschland weniger als in England, Frankreich und Italien verwirklicht zu sehen. Vorweg ist den neutralen Juden, die aus diesen beiden idealen Gründen Deutschland in dessen Daseinskampf befehden, entgegenzuhalten, daß der Sieg jener drei Großmächte westlich und südlich von uns doch auch den des vierten Feindes bedeutet und daß der Triumph des Nikolai Nikolajewitsch in aller nur wünschenswerten Eindeutigkeit der Freiheit in irgendeinem Sinne der westeuropäischen Kultur und der Gleichberechtigung der Juden in Rußland den schwersten und dauernden Schaden bringen würde. Schon diese Tatsache allein, die aber von allen deutschen und vielen neutralen Tagesblättern und Zeitschriften zu ausgiebig erörtert worden ist, um weiterer Betonung hier zu bedürfen, sollte zum Mißtrauen anleiten gegen die Gleichsehung eines englisch-französischen Sieges mit dem allgemeinen Kulturfortschritte. Ueberhaupt nicht zu den ideal gerichteten Gegnern deutschen Wesens dürfen aber jene kleinherzigen Egoisten unter den Juden zählen, die durch ein Riesenvermögen gesellschaftliche Macht und staatliches Vorrecht für sich selbst errungen und — glücklicherweise eine Ausnahme — das Mitgefühl für den ihre Stammes- und Glaubensbrüder belastenden Druck verloren haben. Nicht bloß bei den Neutralen, sondern selbst in Rußland kann mancher Einzeljude solche Vorzüge genießen und Pflegt sich dann ihrer als Persönlicher Freiheit zu rühmen, während tatsächlich seine Stellung auf einer rechtswidrigen Durchbrechung des Staatsgesetzes beruht, für die die Staatsorgane die Verantwortung tragen. Vorüber an ihnen, vorüber! — Persönliche Mißstimmung nur stachelt wohl auch manchen Tagesschriftsteller unter neutralen Juden gegen Deutschland auf: die Presse, und besonders er als ihr Vertreter, genießt hier nicht das gleiche Vertrauen und dieselbe Hochschätzung wie in England und Amerika. Der Deutsche fordert, daß hinter dem Urteil ein Mann als Richter sich verantworte und daß jede Frage nicht bloß schnell, sondern tief durchdacht werde. — Nur diejenigen unter den neutralen Juden verdienen von uns eine Antwort, die der deutschen Sache unfreundlich gegenüberstehen aus weitherziger Gesinnung, sei es für ihr Vaterland, sei es für die Judenheit, sei es für die Menschheit im allgemeinen. Unter sie einzureihen sind die überzeugten Republikaner. Die politische Theorie von der alleinseligmachenden Republik übernimmt unter den amerikanischen und Schweizer Juden doch nicht jeder bloß von der Form des eigenen Staates; mancher erbt sie von dem aus Hamburg oder Frankfurt, meist mit Abneigung gegen Preußen, ausgewanderten Vater. — Siegen die beiden Kaiser, so stärkt sich die Monarchie. Aber wäre das nicht bei den Königen von England und Italien auch der Fall? Wir sehen wie oben von Rußland hier ganz ab. Eine gewisse Zuneigung des Schweizers und Amerikaners überhaupt, und daher auch des jüdischen, zu Frankreich, nur weil dieses ohne Königtum regiert wird, zu England und Italien, weil dort der König wenig Regierungsmacht besitzt, läßt sich nicht ableugnen. Solchen Gegnern ist zu erwidern, daß nicht wir irgendeinem Nachbarvolke die Staatsform zu ändern beabsichtigen, unsere aber, die keinen schädigt, selbst zu bestimmen den bescheidenen Anspruch erheben, und zweitens, daß die Namensgleichheit Republik oder auch nur parlamentarisches Regiment recht erhebliche Verslhiedenheit im Genüsse wirklicher Freiheit deckt: und gewiß doch nur diese letztere, das Wesen der Selbstbestimmung, wird von jenen neutralen Juden gemeint. Den Racker von Staat zu fühlen, ist dem im Liberalismus des Jahres 1850 erzogenen Menschen im allgemeinen unwillkommen. Und der Ainerikaner, und bis 1914 der Engländer, merkt dessen Aufsicht weniger als der Deutsche: er sieht nicht so viel Polizei, Heeresmacht, Staatsbeamtentum und gar keinen Fürstenhof; er hat bei der Behörde fast nichts anzumelden; er empfindet keinen Herrn über sich. Allein zunächst ist jene allgemeine Wehrpflicht, die im 19. Jahrhundert so manchen Auswanderer veranlaßte, eine neue Heimat zu suchen, von Rußland. Italien, Frankreich und nun auch England deutschem Muster nachgebildet worden. Aehnlich ist es mit dem Schul- und Versicherungszwang gegangen, sogar im gelobten Lande des Individualismus. Auch hätten die Tadler preußischer Staatsforderung an den Bürger nicht verkennen sollen, daß die deutsche Judenheit wie ein Mann heute dem Staate innigen Dank weiß, daß er ihre Kinder zu europäischer Bildung und strammer Manneszucht zwang. An kurzsichtiger Reaktion hat es bei der Staatsregierung, an unverständigem Widerstand bei den Juden orthodoxer fleberlieferung bisweilen nicht gefehlt: im ganzen hat nicht etwa bloß tatsächlich der Staat gesiegt, sondern sich in diesen Stücken die Liebe des Juden voll erobert; denn seit drei Menschenaltern blickt er mit Stolz auf den Sohn, der mit der europäischen Kultur verwächst und auch im physischen Aussehen den gedienten Soldaten verrät. Dazu kommt, daß Wehrpflicht, vollends Schul- und Versicherungspflicht wesentlich volksfreundliche Einrichtungen darstellen, die Bürger alle unter ein ethisches Ideal unterordnen, wesentlich im Gegensatz zu mittelalterlichem Kasten- und Ständegeist, und im Einklang sowohl mit jenem Streben altjüdischer Prophetie, das in Jesus Christus nur seinen letzten Ausläufer erlebte, wie dem der Aufflärung, die in Frankreichs Ideen von 1789, in der nordamerikanischen Unabhängigkeit und in der preußischen Reform seit 1807 das Staatsleben zu ergreifen begann. Es sind nun gewiß nicht bloß Staatsverfassung und Gesetze, von denen die Freiheit des Bürgers abhängt. Mögen jene aufgeklärt und volksfreundlich sein — daneben kann tatsächlich eine auf ererbte Ueberlieferung sich stützende Gesellschaft bestehen, die die Staatsämter besetzt, die Zukunftsstrebungen der Regierung angibt, das Erwerbsleben beherrscht. Allerdings haften nun in gesellschaftlicher Beziehung Deutschland, besonders dem Nordosten, Reste der Feudalzeit

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