Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 28 Berlin, 14. Juli 1916 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnementS'preisdurch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 NI. — Postscheckkonto 32<*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag : Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ^eun ich Neutraler wäre. Von Felix Liebermann. — yillJiUl« Die Woche. — Tie Kriegsaufgaben der jüdischen Frau. Von Siddh Wronsky. — Gustav Freytag und die Juden. Von Ludwig Geiger. — Adolf Schwarz. Prof. Dr. S. Krauß. — Simon Scheye, Breslau. Von M. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. — Sprechsaal. — Bemerkung der Redaktion. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Hamburg, Nürnberg, Bad Kissingen, Frankfurt a.M., Karlsruhe i. V., Wien, Jerusalem. — Von Nah und Fern. Wenn ich Neutraler wäre. Von Felix Liebermann. I. er Weltkrieg sieht jüdische Soldaten der kämpfenden Länder an der Seite ihrer christlichen Kameraden je für den Staat, dem sie zugehören, tapfer fechten. Das fordert der Fahneneid. Aber auch freiwillig, getrieben von innigem Gemeinschaftsgefühl mit dem Volke, zu dem sie sich zählen, kämpfen, arbeiten, schreiben oder beten für dessen Sieg auch die jüdischen Zivilisten in fast jedem der kriegführenden Länder. Nur in Nußland sieht der Jude angstvoll einen Sieg seines Reiches wahrscheinlich verknüpft mit dem de? Panslawismus und der russischen Orthodoxie samt der Reaktion und fühlt daher sein Herz zerrissen zwischen Patriotismus, wie ihn — wunderbar genug — trotz allen Drucks auch diese Juden hegen, und der Sehnsucht nach staatlicher und gesellschaftlicher Gleichberechtigung für seinen Stamm. Sonstwo aber hat das kaum ein Jahrhundert alte Band der Staatsbürgerschaft Jud' und Christen so fest zusammengeschmiedet, daß es Stich hält gegenüber den drei Jahrtausende alten Gefühlen gemeinsamen Blutes und Glaubens. Im neutralen Lande ist -der Jude wie seine Regierung verpflichtet, sich des Fechtens für eine Partei der kämpfenden Gegner zu enthalten. Aber wie heutiges Völkerrecht noch dem neutralen Staate erlaubt, jeder Partei alle mittelbaren Förderungen ihres Sieges angedeihen zu lassen, indem er Geld und Waffen ihr zuzuführen seinen Bürgern nicht verbietet, so darf der Jude der Vereinigten Staaten von Nordamerika oder der Niederlande dem Rechte nach unseren Feinden ihre Anleihen zeichnen und Munition, Lebensmittel sowie andere Waren verkaufen. Und wenn nicht mit Geld und Gut oder arbeitender Hand, so doch mit Kopf und Herz nimmt gewiß auch im neutralen Lande jeder Jude Partei bei diesem ungeheuren Erdenringen; ist es doch bekannt, daß gerade der jüdische Stamm lebhaften Anteil an fremden Welthändeln empfindet und entschiedenes Gefühl für Ethik besitzt, von der ja die Politik nur ein Zweig sein darf. Die Frage, auf welche Seite sich die Inden neutraler Länder stellen, sollte keinem Politiker gleichgültig erscheinen. Zum Erwerbe oder als Auswanderer oder bloß aus Neigung reisen sie besonders viel, erfahren also und üben zwischenvölkischen Einfluß. Mit schnellem Denken und leichtem Ausdruck begabt, beherrschen manche durch die Tagespresse die öffentliche Meinung zu einem bedeutenden Teile. Es gibt unter den neutralen Juden führende Geister der Literatur und Wissenschaft und höhere Staatsbeamte. Und nicht ganz wenige erfreuen sich eines Macht verleihenden wirtschaftlichen Ansehens. Gewiß fühlt nun zwar eine beträchtliche, hoffen wir die größere, Zahl der Juden neutraler Staaten deutschfreundlich. Bei manchem wirkt das Volksbewußtsein der deutschen Heimat nach, aus der er oder der Vater auswanderte. Viele, besonders im volkreichsten Judenmittelpunkt New Pork, bewegt der Haß gegen Rußland, dessen barbarische Unterdrückung sie selbst vertrieb oder doch von mitempfindenden Seelen als Schmach wie am eigenen Leibe gefühlt wird. Nur wenige wahrscheinlich verabscheuen, ganz von Beweggründen des Glaubens und Stammes abgesehen, an Rußland die allgemeine zäsaropapistische Regierungsform, die den Geist knebelt, die verderbte Verwaltung, das Krieg drohende Ansdehnungsgelüst nach Westen und Süden, die nationalistische Abkehr von Europas innerer Kultur samt der Russifiziernng aller Fremdstämmigen. Nur diese letzteren Deutschenfreunde unter den neutralen Juden dürfen mit Fug sagen, daß der Kampf gegen die Unfreiheit im allgemeinen ihre Parteinahme im Weltkriege begründe. Dagegen dient das schöne, aber vieldeutige und oft mißbrauchte Wort Freiheit und der angebliche Wunsch unserer Nachbarn, das deutsche Volk selbstlos mit dieser Göttergabe zu beschenken, ebenso wie zum Aushängeschild des Krieges bei Engländern, Franzosen, Italienern so auch für die Abneigung vieler Juden in neutralen Ländern gegen Deutschland. Tatsächlich aber liegen sehr verschiedene Ursachen dieser Abneigung zugrunde. Und es sind keineswegs allein materielle Rücksichten des Geldgewinnes, die den Amerikaner an England knüpfen, also etwa die Ausfuhr der Rohstoffe, wie Weizen, Baumwolle und Holz, und jetzt im .Kriege die der Munition. Auf die Seite des besten Kunden zu treten neigt jeder, anfangs wohl aus Selbstsucht, weiterhin aber aus kaufmännischer Freundschaft. Die reichsten Juden der neutralen Länder suchen und finden die durch Reisen erlangbare Bildung und das in der Ungebundenheit der Fremde leichter erhältliche Vergnügen zu Paris und London, unter Italiens Kunstschätzen oder Naturschönheiten weit häufiger als zu Berlin und Wien oder im deutschen Bergwald. Französisch, nicht Deutsch, lernt der Amerikaner als vornehmste fremde Sprache, der Niederländer und der Skandinavier daneben Englisch. Freilich hatten die weitaus meisten amerikanischen Juden zu Eltern oder Großeltern solche Einwanderer aus Europa, die Deutsch oder ein im Osten erstarrtes und verderbtes Mittelhochdeutsch als