Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229260--72357-3284794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 die Nacht 12 Pfennig, wofür außer dem Nachtlager noch morgens frühstück und am Abend Tee verabreicht wurden. Außerdem werden die Personen unentgeltlich gebadet und bekommen Sachen, die von mildtätigen Händen gespendet werden. Diese Zahlen beweisen, daß die Einrichtung würdig ist, den in unserer Gemeinde bereits länger bestehenden Wohltätigkeitsinstituten, welche der Gemeinde zur Zierde gereichen, an die Reihe gestellt zu werden. Der Vorstand sieht voll Vertrauen der weiteren gedeihlichen Entwickelung des Heims entgegen und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß durch den nunmehr gelieferten Beweis der Notwendigkeit des Bestehens sich die Gemeindemitglieder mit tatkräftiger Unterstützung den Bestrebungen des wohltätigen Instituts fortan mehr widmen werden. feambutQ, 30. Juni. Das Israelitis ch e Gemeinschaftsheim hielt seine Generalversannnlung im Lvgenheim, Hartungstraße, unter Vorsitz von Frau Dr. I i n k ab. Nach dem Geschäftsbericht wurden die Zusammenkünfte in den beiden Kriegswintern statt viernur zweimal monatlich veranstaltet, weil ein großer Mangel an Rednern und Künstlern sich fühlbar machte. Im Winterhalbjahr 1915/16 fanden vierzehn Zusammenkünfte statt, von denen acht Vortragsabende waren; an drei Abenden lourden Lichtbilder vorgeführt. Chanuka und Pnrirn ivurden lvie alljährlich festlich begangen. Am Schluß der Saison veranstaltete die Leitung einen mit besonderem Beifall aufgeuommenen Kindernachmittag und einen Mitllieder abend. Auch an der Nationalspende „Frauendank" beteiligte sich das Gemeinschaftshieinl. Aus dem Kassenbericht der Schatzmeisterin Frau Dr. Scherbel ging hervor, daß das Vermögen des Gemeinschaftsheims sich um 300 Mark vermindert hat. Bei den Vorstandswahlen wurden an Stelle der ausscheidenden Frau Beßmertny Frau Sophie Brill und für den verstorbenen A. Moses Redakteur Dr. Wulff neu gewählt. Zu Revisoren wurden Frau A. Oppenii e i in e r und Dr. S i m o n ernannt. — Der Vere i n z u r Förderung ritueller Speisehäuser hielt unter Vorsitz des Herrn Hermann G u m pertz seine Generalversannnlung ab. Dieser ividmete bem verstorbenen Borstandsmitglied Herrn Karl Bodenßeimer warme Worte des Gedenkens. Aus dem Bericht über das .Vahr 1915 ist zu entnehmen, daß den Einnahmen an Beiträgen, Spendenusw. von 7104,34 Mark Ausgaben für Subventionen und sonstige Vereinskosten von 7746,29 Mark gegenüberstehen, so daß die Bilanz mit einem Fehlbetrag von 641,95 Mark abfchließt. Ende Dezember 1915 betrug die Mitgliederzahl 1051. Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes wurden sämtlich wiedergewählt; neugewählt wurden einstimmig die Herren Julius F l ö r s h e i m und Samson Goldsch m i d t. — Köln, 30. Juni. Das hier erscheinende „Israelitische Gemeindevlatt" bringt in Nr. 26 folgende zeitgemäße Betrachtung: Die Tatsache, daß die aus vaterländischen Gründen gebotene Fleischtemperenz, die vielleicht kurze Zeit zur Fleischabstineuz gesteigert werden muß, in vielen Volkskreisen gar zu sehr beklagt wird, weckt eine interessante biblische Reminiszenz, die auch für ungläubige „Kinder der Welt" einen gewissen warnenden Wert besitzt. Als die Kinder Israel bei ihrer Wanderung durch die Wüste am Ort Tabora angekommen waren, stieg die Fleischnot zum totalen Fleischnlangel. „Und die Kinder Israel" — so berichtet das elfte Kapitel des vierten Buch Mose - „weinten und sprachen: „Wer wird uns Fleisch zu essen geben?" Und ne murrten wie schon früher und sehnten sich zurück nach den Zeiten des faulen Friedens in Aegypten, wo sie „bei den Fleischtöpfen fctficii und Brot in Fülle hatten" — als Sklaven! Und Gott befahl dein Moses, zum Volke also zu sprechen: „Seid bereit auf morgen, Fleisch zu essen! Denn ihr habt geweint vor den Ohren Gottes und gesagt: Wer wird uns Fleisch zu essen geben? Denn besser geht es uns in Mizrajim! — Nun wird euch Gott Fleisch geben, daß ihr esset! Nicht einen Tag, nicht zwei Tage, nicht zehn, nicht zwanzig Tage, nein, einen ganzen Monat, bis es euch zum Halse herauskonnnt und es euch zum Ekel wird; darum, weil ihr Gott, der mit euch ist, verworfen habt, und vor ihm geklagt und gesagt habt: Warum sind wir aus Aegypten gezogen?" Und dann ließ Gott die berühmten Scharen von Wachteln kommen, die „um das Lager herum zwei Ellen (das ist etwa ein Meter) hoch lagen." Und die Kinder Israel sammelten dieses Geflügel in großen Massen und aßen es mit Heißhunger. „Da aber das Fleisch noch nicht ganz verzehrt war, ergrimmte der Zorn Gottes gegen das Volk, und Gott schlug sie mit einer großen Plage!" — das heißt sie, die bisher trotz des Fleischmangels durchaus gesund geblieben waren, erkrankten nun infolge des reichen Fleischgenusses und starben in Scharen — „und man nannte die Stätte Lustgräber, dieweil man daselbst begrub die Lüsternen aus dem Volke." Das war die Strafe der Fleischlinge und Feiglinge, denen die fleischfreien Tage in den Tagen der Freiheit schwerer waren als die Unfreiheit mit gefüllten Sklavenfleischtöpfen in Aegypten! Dr. M. de Jonge, Berlin. J. A. Nürnberg, 30. Juni. Die Gemeinde Nürnberg hat als Opfer des furchtbaren Krieges den Verlust eines ihrer besten intb tüchtigsten Lehrer, des Herrn Richard Wetzler, zu beklagen, der seit fünf Jahren als Neligionslehrer hier angestellt war und sein Amt mit größter Pflichttreue zur vollsten Zufriedenheit der Gemeindeverwaltung und der Schulrektorate bekleidete. Durch seine liebenswürdigen Umgangssorlnen wußte der Genannte sich in allen Kreisen beliebt zu machen und sich ganz besonders die Liebe seiner Schüler und Schülerinnen zu erwerben, die mit großer Verehrung an ihrem Lehrer hingen. Ausgestattet mit vielseitiger Bildung hat Wetzler den Lehrerberuf stets in idealem Sinne anfgesaßt und durch Betätigung auf den verschiedensten Gebieten, insbesondere der jüdischen Jugendorganisationen, auf andere anregend zu wirken verstanden. Auch hat sich der Genannte eifrig mit Berufs- und Standesfragen beschäftigt; ganz besonders hat er im Verein mit anderen Kollegen geplant, durch Abhaltung von Ferienkursen an der weiteren Ausbildung! der jüdischen Lehrer mitzuarbeiten, was leider durch den Krieg nicht mehr zur Ausführung kam. Im März 1915 als ungedient zu den Fahnen berufein war Richard Wetzler auch im Soldatenkleide von dem gleichen Pflichteifer beseelt und vou echter vaterländischer Begeisterung durchdrungen, so daß er nach kurzer Zeit zu einem Osfizierskursus berufen wurde. Sein heißester Wunsch lvar, daß es ihm als jüdischen Lehrer durch höchste Anspannung aller Kräfte gelingen möge, das Eiserne Kreuz und die Beförderung zürn Offizier zu erlangen. Das Eiserne Kreuz hat er sich als Vizefeldlvebel für die erfolgreiche Führung einer gefahrvollen Patrouille erworben, doch hat er sich bei dieser Gelegenheit eine gefährliche Verwundung zu.gezog.en, an deren Folgen er nach kurzer Zeit in einem Feldlazarett im Westen starb. Die Beförderung zum Leutnant, die in allernächster Zeit bevorstand, hat er leider nicht mehr erlebt. Sein Bataillonsführer rühmt in einem Nachruf den Verblichenen als einen „tapferen, pflichttreuen und liebenslvürdigen Kameraden". Wetzler, dessen hochbetagter Vater, der Oberlehrer I oua% W e tz l e v, seit vielen Jahren in der Gemeinde Floß i. B. heute noch im Amte ist, erreichte nur das 30. Lebensjahr; er wird tief betrauert von zahlreichen Kollegen und Freunden, in deren Gedächtnis er fort leben wird als ein lvackerer Mensch, als tapferer Soldat und als vorbildlicher Lehrer. — Neustadt a. d. H., 30. Juni. Der israelitische Kreisle sylverein der Pfalz hielt am 18. d. M. im Hotel Eintracht seine achte ordentliche Mitgliederversauunlung ab, die vou dem ersten Vorsitzenden Dr. S. Reis (Heidelberg) geleitet wurde. Wie aus den: Geschäftsbericht hervorgeht, haben im israelitischen Altersheim zu Neustadt bisher 28 Personen Aufnahme gefunden. Davon sind jetzt noch 15 vorhanden, 13 sind durch Tod ausgeschieden oder freiwillig oder unfreiwillig ausgetreten. Ter Vorsitzende spricht besondere Anerkennung aus der Schwesteroberin, welche mit Recht der gute Geist des Hauses genannt werde. Der Kassenbericht zeigt ein erfreuliches Bild. Die Mitgliederbeiträge ftttb um 427 Mark auf 673 Mark zurückgegangen, die Spenden dagegen erhöhten sich um 2329 Mark gegen das Vorjahr auf 10 054 Mark. Die Verpfründungsbeiträge erhöhten sich noch durch Uebertraguug zweier Häuser in Friesenheim und Speyer um 7000 Mark. An Ausgaben kostete der Haushalt des Heims ohne Verwaltung 12 577 Mark. Das Vermögen stieg mit 27 236 Mark auf 241 968 Mark. Holland. Jak. Amsterdam, 30. Juni. Nach langwierigen Bemühungen bildete sich auch in Holland ein K o m i t e e z u r U n t e r st ü tz u n a der j ü d i s che n N o t l e i de n d e n. Den Vorsitz führt Oberrabbiner Dr. B. Wagenaar. Viele einflußreiche Juden sind dem Ausschuß beigetreken. Die Erfolge der Sammelarbeit des Komitees find abzuwarten. Bis nun betätigen sich die jüdischen Organisationen in Holland fast ausschließlich auf dem Gebiete der Fürsorge für die jüdischen Kriegsopfer aus Belgien. Bekanntlich suchten nahezu 20 000 Juden Antwerpens in Holland Zuflucht. Jüdische Komitees im Haag, m Amsterdam und Rotterdam kamen zu Hilfe, und es muß anerkannt werden, daß die niederländischen Juden