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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-07-07 · Heft 27 (7.7.1916) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 27 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 reden sehr gering ein. Ich wage die ketzerische Ansicht, daß die Reden auf den Friedhöfen eine mehr dekorative als religiöse Bedeutung, haben. Sollte aber meine Ansicht falsch sein, so wäre unsere Gemeindeverwaltung verpflichtet, diese religiöse Einwirkung den Armen so gut zuteil werden zu lassen wie den Reichen. Das wäre unsere ethische wie soziale Pflicht; angesichts des Todes darf es keinen Unterschied zwischen arm und reich geben. Bezüglich der Teilnahme der Gemeinderabbiner habe ich zu erklären, daß es in allerletzter Zeit besser geworden ist. Neuerdings unterrichten einige Rabbiner an höheren Schulen, aber keiner mehr als vier Stunden. Durch die Anstellung von Predigern, die in der Hauptsache für den Unterricht bestirnmt sind, werden die Sorgen der Schulverwaltung erleichtert werden. Der Borstand hat sehr weise gehandelt, daß er in die Vorlage die Zahl der zu erteilenden Stunden nicht ausgenommen hat, aber in die Verträge wird die Blindest- und Höchstzahl der Stundeil, zu denen der Prediger verpflichtet ist, ausgenommen werden müssen. Es rnag dem Schulvorstand überlassen bleibell, die Prediger nach Bedürfnis zu beschäftigen. Auch bei der Wahl der Prediger mitzusprechen, wird der Gemeindevorstand hoffentlich dein Schulvorstand verstatten. Ein besonderer Borteit der Anstellung von jungen Predigern wird es sein, daß wir diejenigen, die sich bewähren, später zu Gemeinderabbinern ernellnen können. Die Zahl der Probepredigten, die eilte Qual für den Prediger wie für uns selber sind, wird dadurch verringert. Gegen den dritten Absatz der Vorlage: Es wird in Aussicht genommen, daß an jeder Gemeiudesynagoge ein Rabbiner und milldestens ein Prediger amtieren soll, ist in dem Ausschuß III Widerspruch erhoben worden. Man ist der Meinung gewesen, daß man dem Geschmack des Publikums mehr Rechnung tragen müsse, und es müsse dem Synagogenbesucher die Möglichkeit gegeben werden, mehrere Rabbiner zu hören. Nur für die beiden räumlich weit auseinanderliegenden Synagogen mit gleichem Ritus wurde der Vorschlag des Gemeindevorstandes als berechtigt anerkannt. Der Gemeindevorstand hat sich von der Erwägung leiten lassen, daß mail darauf Bedacht nehrnen müsse, den Rabbiner mehr mit seiner Gemeinde in Konnex zu bringen. Ich lasse es dahingestellt, ob das in der Großstadt in demselbett Maße möglich ist wie in der kleinen Gemeinde. Im Ausschuß ist bei dieser Gelegenheit auch die Frage der Seelsorge berührt worden. Ich bin der Meinung, daß man die Vorlage nicht allzusehr belasten sollte. Die Seelsorge ist bei den Juden lloch kein scharf umrissener Begriff. Es ist merkwürdig, -daß, soweit ich sehe, von den Rabbinern selber noch feiner erklärt hat, was man unter Seelsorge zu verstehen hat. Bei den Christen gibt es eine ganze Literatur darüber, bei uns höchstens einige Zeitungsartikel. Ist die Seelsorge eine rein religiöse oder eine allgemein menschliche Tätigkeit? Ist sie das letztere, so wollen und sollen wir alle Seelsorger sein. Man darf sich in der Bestimmung der Seelsorge nicht von der Militärseelsorge leiten lassen. Hier handelt es sich in der Hauptsache um Verwundete und Gefangene, welche fern von ihrer Heimat, von ihren Lieben sind. Diese bedürfen des Zuspruchs und der Ermutigung. Wollen unsere Rabbiner auch im Frieden Seelsorge üben, wo es not tut, so werden wir uns «dankbar dessen freuen, aber von Amts wegen wollen wir sie nicht auch damit belasten. In dem vierten Absatz wird zusammengefaßt, loieviel Rabbiner und Prediger in der nächsten Zeit zu wählen sind. Vier Gemeinderabbiner und sechs Prediger! Die Rabbinerwahlkommission ist nicht zu beneiden. Ich schließe mit dem Wunsche, daß es uns beschieden sein möge, Männer zu finden, die auf der Höhe der Ausgaben stehen, die ihrer harren! — Herr Aron Hirsch fühlt sich von der Vorlage sehr sympathisch berührt und bittet, dieselbe mit der kleinen Abänderung, von der Herr Professor Türk sprach, anzunehmen. Von seiten des Vorstandes bemerkt Herr Kommerzienrat Ei s n er, daß er für die Rede des Herrn Professor Türk dankbar ist, eine Abänderung könne aber nicht stattfinden: er bittet, die Rabbiner richtig zu beurteilen. Herr Justizrat Ignaz C o h n erklärt, daß er die Vorlage mit Freuden begrüße, da sie einem Anträge entspreche, den er bereits ini vorigen Jahre in der Rabbinerwahlkommission -gestellt habe. Ein Notstand sei zweifellos vorhanden. In der Synagoge Rhkestraße fungiere, was sehr unliebsam ausgenommen werde, jetzt nur ein Rabbiner, und auch dieser müsse noch in einer anderen Synagoge tätig sein; die Synagoge in der Pestalozzistraße habe bis heute noch keinen Rabbiner, für die neue Synagoge Kottbuser Ufer sei ein solcher auch noch nicht gesunden. Diesem N-ebelstand durch Bestellung von Predigern abzuhelfen, sei nicht neu. Wir hatten bereits früher zwei Prediger angestellt, die sich -gut bewährt haben, und es sei zu bedauern, daß der eine derselben aus besonderen Gründen ausscheiden mußte. Herr Justizrat Cohn legt großen Wert darauf, daß wir durch die neue Einrichtung nicht mehr so oft werden Rabbiner zu suchen brauchen wie bisher. Der Redner weist dann noch darauf hin, daß nach dem Statut — das Gesetz von 1847 -spreche überhaupt nicht von Rabbinern — für die Wahl von Rabbinern nur zwei Drittel Majorität der Repräsentanten erforderlich sei und daß die Rabbiner bei bestimmten Anlässen gutachtlich zu hören sind; er nehme an, daß beides auf die Prediger mit Anwendung finden solle. Bei dieser Gelegenheit widerspricht Dr. Cohn entschieden der Behauptung, daß die Reden unserer Rabbiner bei Beerdigungen nur dekorativen Charakter hätten, desgleichen der etwaigen Annahme, daß unsere Rabbiner ihrerseits keinen Unterschied zwischen arm und reich machen; ihm seien zahlreiche Fälle bekannt, in denen Rabbiner für arme Familien unentgeltliche Predigten gehalten haben. Herr Professor Türk erklärt: Der Herr Vorsitzende des Gemeindevorstandes hat geglaubt, die Rabbiner in Schutz nehmen zu müssen, ich habe sie aber gar nicht angegriffen, ich habe lediglich die Tatsache sestgestellt, -daß die Rabbiner sich nicht entschließen konnten, an höheren Schulen Unterricht zu erteilen. Ihre Belastung ist auch mir bekannt. Darum habe ich davor gewarnt, ihnen noch amtlich die Seelsorge aufzuerlegen. Ueber den Wert -der Kasualreden, das gebe ich zu, kann man verschiedener Ansicht fein. Herr Dr. Cohn hat mir Worte in den Mund gelegt, die ich nicht gesprochen habe. Ich habe rächt gesagt, daß die Rabbiner einen Unterschied zwischen arm und reich machen, sondern lediglich gefordert, daß die Verwaltung einen Ausgleich schasst. Es ist mir wohl bekannt, daß kein Armer vergeblich an die Türen der Rabbiner klopft. Aber es ist nicht jedermanns Sache, um Dienste zu bitten, die von den Bessergestellten bezahlt werden. — Herr Professor B l a s ch k e bittet, nur solche Prediger anzustellen, die an einer bestimmten Anstalt ein Examen gemacht haben. Herr Emil P i n c u s begrüßt die Vorlage mit vollem Ernst, sie sei ein Ansporn für junge Prediger; er machte die interessante Bemerkung, daß zu viel gepredigt werde. Nachdem zu diesem Punkte noch die Herren Syndikus Lilienthal, Benas L e v y , Kommerzienrat Simon, Gewerberat P l o t k e und Direktor Minden gesprochen hatten, gelangte die Vorlage mit einer unbedeutenden Abänderung zur Annahme. &&& Berlin, 4. Juli. Am 11. d. M. feiert der Rabbiner Dr. G. Perlitz in Rakel a. d. Netze sein goldenes Doktorjubiläum in körperlicher und geistiger Frische. Von der philosophischen Fakultät in Halle a. d. S. wurde ihm das Doktordiplom erneuert. Dr.Perlitz wurde am 4. August 1839 in der Prager Vorstadt Smichow geboren, besuchte daselbst das deutsche Gymnasium auf der Kleinseite und erhielt im Oktober 1862 das Zeugnis der Reife. Hierauf trat er in das theologische Seminar zu Breslau ein und studierte zugleich Philosophie an der dortigen Universität. Am 11. Juli 1866 promovierte er mit einer Dissertation „Ueber die Grundlagen der Carthesienischen Ethik". Nach abgelegtem Rabbinerexamen wurde ihm 1870 das Rabbinat in Dlattau (Böhmen) übertragen, wo er bis 1881 amtierte. Seitdem ist er Rabbiner in Rakel er. d. Netze. Gelegentlich seines 25jährigen Amtsjubiläums wurde ihm der Kronenorden vierter Klasse verliehen. Schriftstellerisch hat sich Dr. Perlitz durch folgende in verschiedenen Zeitschriften abgedruckte wissenschaftliche Arbeiten betätigt: „Philosophische Ansichten Jbn Esras", erschien im „Ben Chananja" 1867. In Sonnenscheins „Homilet'ische Monatsschrift", Prag 1868: „Saadia und Jbn Esra hinsichtlich der philosophischen Exegese", ferner in der „Neuzeit": „Immortellen aus Bibel und Talmud", 1878. In der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" erschien die größere Arbeit „Rabbi Wahn, Charakter und Lebensbild eines palästinensischen Juden". Zahlreiche Predigten und wissenschaftliche Aufsätze erschienen teils separat, teils in unserem Blatte und in verschiedenen anderen Zeitschriften. W. Posen, 30. Juni. Selbst in dieser schweren Kriegszeit hat sich die jüdische „Unterkunftsstelle" gut bewährt. Nicht nur fremden Durchreisenden, sondern auch Soldaten und solchen Personen, welche hier Arbeit gefunden haben, wurde Asyl gewährt. Letztere werden dadurch in die Lage versetzt, selbst für sich und ihre Familien sorgen zu können. Die Einrichtung hatte auf diese Weise um so segensreicher wirken können, weil diese, meist russischpolnische Arbeiter, dann nicht anderweitig Unterstützungen in Anspruch nehmen. Die Unterkunftsstelle hat in diesem schweren Kriegsjahre 1730 Nachtlager gewährt, und zwar an 1021 Soldaten, 637 Männer, 71 Frauen und 1 Kind. Durchschnittlich kostete

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